Bindu 19

Artikel aus Bindu Nr. 1

Über die Fähigkeit zu erleben

Hier und jetzt zu sein, in der Umgebung und auch in Deinem Inneren – in Deinen Gedanken und Zuständen, Dich selbst als Bewusstheit zu sehen

Die Fähigkeit zu erleben ist meiner Erfahrung nach die befreiendeste und heilendeste Fähigkeit die wir besitzen. Dieser Artikel erklärt, was damit gemeint ist, sowohl in Bezug auf Dein inneres Leben durch den Gebrauch von Meditation, als auch durch die Bescreibung einfacher, aber wirkungsvoller Methoden, die Dir helfen mit Deiner Umgebung in Einklang zu bleiben.

Die Fähigkeit zu erleben – ständig aufmerksam und gegenwärtig sein zu können – kann erlernt und trainiert werden. Den Weg hierzu finden wir etwa in der tantrischen Yoga- und Meditationstradition beschrieben.

Die vornehmliche Aufgabe des Lehrers ist es, den Schüler aufzuwecken und ihn zum Erleben zu bringen. Ihn oder sie aus der Gefangenschaft der Beurteilung heraus zu führen, heraus aus alldem, was der Schüler fürchtet oder wonach er jagt und was ihn oder sie verleitet, sich selbst zu vergessen und den Überblick zu verlieren. Der erste Schritt des Weges kann mit dem Erlernen der Meditation Innere Stille geschehen.

Wenn Du am Anfang dieser Meditation lernst die Geräusche um Dich herum als eine Ganzheit zu erleben und wenn Du durch die Meditationstechnik die Fähigkeit erlangst, die Gedanken vorbeiströmen zu lassen, wirkt sich dies auf Deinen gesamten Organismus aus, nicht nur auf Deinen Geist allein. Die Toleranz, die so gegenüber Deinen Gedanken und Gefühlen entsteht, schafft eine augenblickliche Harmonie und Ruhe. Du gelangst zu der Einsicht, dass Du Dich nicht mit allem was in Deinem Geist auftaucht zu identifizieren brauchst. Das hat zur Folge, dass Du tiefgehende Spannungen loslässt und offen für größere Kreativität wirst.

Ich weiß dies aus eigener Erfahrung, trotzdem verblüffen mich die Ergebnisse, die meine Schüler immer wieder erzielen. Ich hatte eine junge Frau auf einem Meditationskurs in Kopenhagen, die seit einigen Jahren an Diabetes gelitten hatte. Bereits am zweiten Abend des Kurses, als sie lernte, sich der Umgebung und den Gedanken gegenüber zu entspannen, setzte ihre Insulinproduktion von selbst wieder ein. Da stellte ich mir die Frage: Gehört wirklich nicht mehr dazu, als die Gedanken und die Umgebung eine Weile zu erleben – ohne sich davon mitreißen zu lassen – um die Ursache einer Krankheit zum Verschwinden zu bringen?

Die vielleicht schlimmste Vorstellung, die man über Meditation haben kann ist die, dass es schwer ist und dass es Kampf und Anstrengung erfordert.

Als suchender Mensch kann man leicht selbstbezogen werden. Mann kann sich in persönlichen Träumen verlieren oder in Illusionen darüber, dass übertrieben hohe Anforderungen zu erfüllen sind oder dass es Rollen gibt, die man spielen muss. Man kann sich an Modevorstellungen und fertige Lebenserklärungen, an verschiedene Mythologien klammern. Aber nichts von alldem stärkt die Fähigkeit zu erleben oder gibt einen besseren Kontakt zu der eigenen Wirklichkeit.

Durch die Meditation hingegen – und ebenso wenn man in einer geschützten und intensiven Umgebung (einem Ashram) oder auf einem tiefgehenden Retreat mit einem persönlichen Training weitergehen möchte – kann der Lehrer dem Schüler helfen, seine wahre Identität und seinen Wesenskern zu erkennen. Wenn Du weißt, wer Du bist, wenn Du Dich selbst als Zuschauer inmitten des Lebens erleben kannst, als Bewusstsein, wird es möglich offen zu bleiben, die Erlebnisse zum Ausdruck kommen zu lassen und gleichzeitig unbeeinflusst davon zu sein.

Während der Meditation kann ich geschehen lassen, was ohnehin geschieht und es erleben, ohne mich dagegen zu sträuben. Mir wird klar, dass ich keine Energie aufwenden muss, um äußere oder innere Störungen zu vermeiden. Sie werden in Erlebnisse verwandelt, mit denen ich fertig werde während sie geschehen.

Das kommt nicht nur für Dir selbst zugute, es beeinflusst Deine Umgebung und auch Deine Toleranz uns anderen gegenüber wächst.

Eine Frau aus einer größeren Stadt in Norwegen mit einer verantwortungsvollen Führungsposition vergleicht die Zeiten, in denen sie Yoga und Meditation anwendet mit jenen, in denen sie meinte, keine Zeit dafür zu haben:

„Die Erfahrungen, die ich mit Yoga und Meditation mache, färben auf meinen gesamten Alltag ab. Die Dinge fallen besser auf ihren Platz. Es kommen nicht so leicht Missverständnisse auf und es entstehen keine Engpässe in meiner Arbeit. Vor allem aber läuft es in den Zeiten, in denen ich zum Yoga- und Meditationsunterricht gehe besser zu Hause mit der Familie.‟

Erforschung des Bewusstseins

Eine internationale Gruppe von Wissenschaftlern, die sich mit der Erforschung des Bewusstseins beschäftigt, kam 1980 in den USA zur Human Consciousness Research Conference zusammen.

In ihren Forschungen beschritten sie neue Wege zu den wirkungsvollsten Methoden, um die Möglichkeiten des Geistes freizusetzen. Über zehn Jahre hatten sie die Ergebnisse unterschiedlichster Therapieformen, Meditationen usw. untersucht, um herauszufinden, wie die Menschen mit ihrem Alltag und dem Lösen ihrer persönlichen Probleme zurecht kamen, bevor und nachdem sie mit irgendeiner Methode in Kontakt gestanden hatten. Einstimmig kamen sie zu folgendem Schluss: Egal, was Du treibst oder studierst, es bringt keinen sonderlichen Nutzen, solange Du nicht Deine Aufmerksamkeit weckst oder trainierst, so dass Du gegenwärtig bist und erleben kannst, was hier und jetzt geschieht – in Dir selbst und in Deiner Umgebung.

Alle Neurosen‟ sagte Daniel Goldman auf dieser Konferenz „werden auf die eine oder andere Weise durch eine Mangelerkrankung verursacht und das, was fehlt ist Aufmerksamkeit.‟

Das Wort Aufmerksamkeit ist eigentlich nicht ganz ausreichend für diesen Zustand. Bewusstsein ist wahrscheinlich besser. Zurzeit gebrauche ich am liebsten Worte wie Ganzheitserlebnis oder Wachsein: Eine Einstellung bei der alles was in Deiner Umgebung geschieht gleich viel Bedeutung hat, unabhängig von Größe oder Intensität. Du wirst eins mit der Situation, in der Du Dich befindest, wenn Du sie als eine Ganzheit erlebst. Du bist deshalb auch dann aufmerksam, wenn es für einen Augenblick etwas gibt, das Dich die Ganzheit – und Dich selbst – vergessen lässt. Du liegst jedoch nicht auf der Lauer oder hältst kritisch nach besonderen Ereignissen oder Gefühlen Ausschau. Auch versuchst Du nicht Abstand zu dem zu schaffen, was geschieht, indem Du ständig beschreibst oder analysierst, was Du erlebst.

Wenn wir uns erlauben, eine vorhandene Disharmonie zu erleben – anstatt sie zu vermeiden, bleiben wir angesichts dieses Erlebnisses wir selbst – können wir sie, durch das bloße Wahrnehmen, wieder in die Ganzheit einbeziehen oder uns von ihr befreien.

In der uralten tantrischen Schrift Vigyana BhairavaTantra heißt es:

„Wenn Du niesen musst, in einem Zustand der Angst, bei großer Bekümmerung, am Rande einer tiefen Kluft, mitten in einer Schlacht auf Leben und Tod, bei eindringlicher Neugier, am Anfang des Hungers, am Ende des Hungers, sei ununterbrochen bewusst.‟

Wachsein auf der inneren Ebene

Die Fähigkeit zu erleben wird auch trainiert und genutzt, durch die besondere Art, auf unsere eigene Form, den Körper, zu meditieren. Diese Methode bringt uns dazu, den Körper zu transzendieren, hin zu Zuständen die nahe unserer Essenz liegen. Und wir vertiefen unseren Zustand weiter durch meditatives Atembewusstsein. Körper und Atem in ihrer Ganzheit zu erleben – ohne den Zustand des Körpers oder den Atemprozess zu stören – löst nicht nur Verspannungen, es wirkt auch heilend.

Wenn Du zum Beispiel auf den Atem medititierst, versuchst Du nicht ihn zu ändern oder zu kontrollieren. Du lässt den Körper einfach atmen, während Du dem Atem folgst und ihn erlebst. Diese Methode wird – auf die eine oder andere Weise – weltweit von allen Traditionen benutzt, bei denen wir auf Meditation treffen.

Auf dieselbe Weise begegnest Du den Gedanken – Du greifst nicht ein oder versuchst die Gedanken zu verstehen, Du erlebst sie lediglich und erlaubst Dir, sie als etwas zu sehen, das Du beobachten kannst. Dies wird bestimmte Gedanken als automatische und immer wiederkehrende "So-bin-ich" Programme enthüllen. Wenn Du mit der Meditation vertraut geworden bist, wächst in dir die Einsicht, dass Du diese Gedankenmuster nicht bist und dass Du stattdessen wählen kannst, ob Du ihnen folgen willst oder nicht.

Auf dieser Grundlage kannst Du Beschlüsse fassen und in die Tat umsetzen oder Dich von etwas befreien, was früher eine unbewusste Beeinflussung war. Eine verborgene Sorge beispielsweise wird deutlich und kann losgelassen werden.

Eine medizinische Untersuchung, die sechs Jahre in Folge auf den 3-Monatskursen der Skandinavischen Yoga und Meditationsschule am Kurszentrum Håå in Südschweden durchgeführt wurde, zeigt deutlich, dass Meditation Angst vermindert.

Meditation hilft uns den unbewussten Haltungen, die wir mit uns herumtragen und welche immer wieder auftauchen und unseren Alltag bestimmen, zu begegnen und sie zu überwinden: Mangelnde Tatkraft, eine widerstrebende oder übertrieben zurückhaltende Einstellung (wenn Du Dich versteckst, anstatt das zu tun was Du eigentlich willst) ein Gedanke voller Hass oder Zweifel...

Aber wir erreichen gar nichts, wenn wir uns frustieren lassen oder die Gedanken unterdrücken - im Gegenteil. Wenn wir anfangen, die Gedanken zu untersuchen und zu analysieren oder sie in gut oder schlecht einzuteilen, hängen wir nur in ihnen fest und werden selbstbezogen.

Die offene Aufmerksamkeit wird durch die Meditationstechnik ausgelöst, dadurch dass sich das Gehirn entspannt und während der Meditation entspannt bleibt. Wenn Du Deine Gedanken wie ein Zuschauer beobachten kannst und Dich nicht mit ihnen identifizierst, bewirkt dies, dass Du Dich nicht blockierst oder Dich verschließt – was auch auftauchen mag an Erwartungen, Ängsten oder Anforderungen, etwas ganz bestimmtes erleben zu müssen. Ebenso wenig wie Du Dich nicht einfach mitreißen lässt, von dem, was Dich fasziniert. Der Meditationszustand macht es möglich, Du selbst zu bleiben, als derjenige der erlebt. Du bist gegenwärtig wenn Gedanken oder Gefühle auftauchen, wenn Bewusstmachung oder Aufwecken nötig ist.

„Nenne den Troll beim Namen und Du schreckst ihn weg‟,

heißt es in den alten Sagen. Es wirkt beinahe wie ein Wunder: Es genügt das Vorhandensein eines Gedankens oder Zustandes einzuräumen und anzuerkennen, um ihn unschädlich zu machen. Wenn wir während der Meditation die Fähigkeit üben und entwickeln uns still zu verhalten und uns damit zufrieden zu geben, einen Gedanken, ein Gefühl oder einen Zustand zu erleben, dann werden wir von ihren Einflüssen frei.

Wachsein auf der äußeren Ebene

Auch im Äußeren, in Deiner Umgebung bist Du mit Deinem Bewusstsein gegenwärtig. Du kannst es entweder benutzen, um starken und eindringlichen Erlebnissen entgegen zu treten oder ganz allgemein, um die Umgebung in der Du Dich im Augenblick befindest als eine Ganzheit zu erleben. Auf diese Weise helfen Dir die Erfahrungen, die Du in der Meditation machst und es wird etwas Natürliches, im Alltag bewusster zu sein – auch dies ist ein wichtiger Teil der tantrischen Yoga- und Meditationstradition.

Ein eindrucksvolles Beispiel von Gegenwärtigsein beschreibt eine Yogalehrerin. Sie berichtete mir von der Geburt ihres ersten Kindes:

„Wenn ich schwangere Frauen unterrichte, lernen sie unter anderem den psychischen Atem, den Hechelatem und das Erleben des spontanen Atems.

Als es aber so weit war, wurde ich gefangen, von dem was geschah, es war so spannend, dass ich in keiner Weise daran dachte irgendeinen besonderen Atem zu verwenden.

Ich hatte vorher beschlossen, möglichst keine Schmerzmittel zu nehmen. Als die Wehen kamen, und es tat wirklich weh, wählte ich es in den Schmerz hineinzugehen und ihn zu erleben. Und da veränderte sich alles, der Schmerz verschwand und ich war mit vollem Bewusstsein drinnen in der Gebärmutter und erlebte eine nach vorne und unten drängende Bewegung...‟

Zum Abschluß möchte ich Dir ein Experiment vorschlagen, etwas das Deine gesamte Einstellung zum Leben verändern kann:

Das nächste Mal, wenn Du einen Raum betrittst, in dem viele Menschen sind – das kann in einem Bus, auf der Arbeit oder auf einer Party sein, in einem Supermarkt oder in einem Konzertsaal – dann bleibe für einen Augenblick an der Tür oder mitten im Raum stehen. Stehe still und erlebe die ganze Situation und Dich selbst mitten darin. Nehme den gesamten Raum und alle Menschen dort wahr. Lass Dein Bewusstsein offen bleiben, bis es das Ganze erfasst hat – und in dieser Ganzheit alle Einzelheiten die vielleicht hervortreten.

Vergleiche den Zustand, in den Du kommst, wenn du dies tust mit ähnlichen Situationen, in denen Du aber nur auf den Boden geschaut hast oder Deine Aufmerksamkeit direkt auf eine Sache oder eine Person begrenzt hast.

Wenn Du manchmal Deine Umgebung als Druck erlebst oder wenn Du Dich nach innen gekehrt fühlst, gefangen in Gedanken, Gefühlen oder Zuständen, ist dies eine verblüffend wirkungsvolle Methode, um Dich wieder von dem Druck zu befreien. Du wirst einen so großen Unterschied erleben, dass Du es beinahe selbst nicht glaubst.

Swami Janakananda hat den größten Teil seines Lebens Yoga benutzt und ist seit 1968 Schüler von Swami Satyananda. Swami Janakananda ist der Gründer der Skandinavischen Yoga und Meditationsschule, mit Schulen in ganz Skandinavien sowie Norddeutschland und Frankreich. Sein Buch Yoga Tantra und Meditation im Alltag, bisher in sieben Sprachen erschienen, hat seinen internationalen Ruf als konsequenter und unabhängiger Vermittler von Yoga und Meditation bestätigt.

Swami Janakananda lebt am Internationalen Kurszentrum Håå in Südschweden. Håå ist ein Ort, an den Menschen aus aller Welt kommen, um an fortgeschrittenen Retreats teilzunehmen oder um dort im Ashram zu leben. Die Unterrichtssprache ist meistens Englisch. Hier bildet Swami Janakananda unter anderem Yogalehrer aus und unterrichtet den tantrischen Kriya Yoga.

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