Artikel aus Bindu Nr. 11

Nenne das doch anders!

Die Yogis drehen sich im Grabe um

„Das ist nicht Yoga, was ich unterrichte. Ich nenne es nur Yoga, weil dann mehr Menschen kommen“, sagte ein Gymnastik­lehrer in einer dänischen Stadt.

Etwas ähnliches ist in größerem Umfang erst auf den Gyms in den USA passiert, und jetzt auch in Europa, wo ein paar „Yoga“richtungen aufgetaucht sind.

Typisch für diese Richtungen ist, daß sie sich auf einige physische Übungen beschränken, die auf eine extrem schnelle oder anstrengende Weise ausgeführt werden - eine Weise, die nie Teil der Yogatradition war. Im eigentlichen Yoga hält man den Körper gesund und gelenkig und den Geist frisch - ohne sich von dem Physischen oder Mentalen dominieren zu lassen.

Die Übungen, oder die Art und Weise, wie man bei diesen neuen Richtungen die Übungen ausführt, geben vielleicht einen kurzlebigen Kick. Aber es handelt sich um amputiertes Yoga, bei dem die tief-gehenden Wirkungen ausbleiben. Hier findet man auch nicht die feineren Atem-übungen oder die tiefen Entspannungen – von Meditation ganz zu schweigen – und deshalb auch nicht die Wirkungen dieser Methoden, wie Balance und Überblick.

Ein Teilnehmer berichtet, daß man es zwischen den Übungen, die eine „Yoga“-runde sein sollen, vermeidet, sich zu ent­spannen - „um die Konzentration nicht zu verlieren!“ Ja, aber dann hat man es doch verpaßt, eine wesentliche Fähigkeit zu entwickeln. Konzentration soll ja nicht nur während der Übungen vorhanden sein und gerne auch zunehmen. Und wird man zwischen den Übungen „kalt“ oder „gelangweilt“, ja dann sollte man eine besser ausgestattete Schule und Lehrer mit einer ordentlichen Ausbildung aufsuchen.

Das eigentliche Yoga gibt, außer dem Wohlbefinden, mit dem man nach Hause geht, eine fortschreitende Wirkung, die man durch dauerhafte Anwendung aufbaut.

Genmanipuliertes Yoga

In unserer Schule gibt es etwas, das wir Unkraut im Unterricht nennen. Das ist, wenn die Anleitungen, die wir als Lehrer geben, sich plötzlich oder allmählich vom Ursprung entfernen. Das kann bewußt oder unbewußt passieren. Man bekommt Ideen, man beginnt, die Ausführung der Stellungen, der Atemübungen, Konzentrationstechniken, Entspannungen oder Meditationen zu ändern.

Wenn wir entdecken, daß Unkraut sich eingeschlichen hat, betrachten wir es im Lichte dessen, was wir von der Tradition gelernt haben, insbesondere von Swami Sivananda und Swami Satyananda. Ein Yoga, das in mündlicher Überlieferung tausende von Jahren in der Zeit zurückreicht, und das auch in den klassischen Schriften Gheranda Samhita, Hatha Yoga Pradipika (beide zwischen 500 und 600 Jahre alt) und Yoga Sutra (vermutlich 2300 Jahre alt) beschrieben ist. Es ist diese Yogatradition, welche einem großen Teil der medizinischen Forschung zugrunde liegt, die im 20. Jahrhundert über Yoga durch­geführt wurde. (In Bezug auf Yoga Sutra beruft sich jedoch eine der „Yoga“richtungen, u.a. durch ihren Namen, auf diese Schrift in einer völlig verzerrten Weise).

Geraten wir dahin, daß wir die „Gene”, die Struktur oder den Aufbau des Yoga manipulieren, so müssen wir uns fragen, ob wir damit eine mehrjahrtausend­jährige Erfahrung wirklich verbessern. Ein Material, das wir auch selbst als Individuen und als Lehrer in jeder Hinsicht gründlich geprüft und dadurch die Wirkungen erlangt haben, die Yoga beabsichtigt.

Kann Yoga leichter gemacht werden? Kaum. Wenn du einem harmonischen Unterrichtsverlauf ohne Eile folgst, sind die Übungen die ganze Zeit leicht genug, weil man schrittweise vorangeht. Yoga hat seinen eigenen Stil in der Ausführung, sein eigenes Temperament und seinen eigenen Rhythmus, die darauf zielen, mehr Hand­lungskraft zu geben und Versenkung, und das ist das, was es wirkungsvoll macht.

Eine Kultur ohne Wurzeln...

Die heutige Kultur der westlichen Welt ist im Großen und Ganzen ohne Weisheit. Sie leidet unter einer Torheit, die das Individuum zu Unselbständigkeit erzieht, und tut alles, um besonders ihre Kinder und Jugendlichen zu verführen und sie zu Verbrauchern zu machen.Jede Kultur wird früher oder später unter­gehen, das zeigt die Geschichte, aber unsere sogenannte Zivilisation riskiert, sich vorzeitig zu zerstören. Rastlosigkeit, Ober­flächlichkeit und die Jagd auf „angesagte“ oder vereinfachte Methoden dominieren den Zeitgeist von heute - und das ist wohl nicht gerade das, was man im Yoga sucht.

Die Kultur, oder besser gesagt der Mangel an kultureller Tradition, der öfter zum Ausdruck kommt, z.B. in den USA, verursacht leider eine Arroganz und Respektlosigkeit dem Wissen gegenüber, das durch Generationen erlangt worden ist. Daß wir hier auf der Erde ein gemeinsames menschliches Erbe haben, ist nicht mehr bekannt.

Man hat keine Zeit, in die Tiefe zu gehen und zu entdecken, was Yoga eigentlich kann und ist. Unwissenheit in Kombination mit übertriebener Faszination für Akrobatik und dem Aerobic ähnliche Übungen lassen die Leute glauben, daß man Yoga besser machen kann. Versteht man nicht, daß die Selbsteinsicht, die Ruhe und das Verweilen in sich selbst etwas zeitloses sind, daß dies schon von denjenigen, die uns vorangegangen sind, erlangt wurde, und daß man von ihnen lernen kann? Oder glaubt man, es besser zu wissen und ersinnt seine eigenen Bedingungen? Ja, so endet man damit, daß man in den Kreisen seiner Illusionen und Erwartungen verhaftet.

„Tausendjährige Erfahrung!?“ – „Na und!“ „Sie ist inzwischen wohl ein bißchen alt und verstaubt, wir peppen sie auf und verkaufen sie unter demselben Namen!“

Das, was hier mit Yoga geschieht, passierte vor etwa fünfzehn oder zwanzig Jahren mit dem Begriff Chakra, der auch aus seinem Zusammenhang mit dem ursprünglichen Yoga mit dessen Erfahrung, Übungen und Wegleitungen herausgenommen und ver­wendet wurde von Leuten, die vorgeben, eine tiefere Kenntnis zu besitzen, wobei aber das Meiste auf ihrer eigenen Phantasie und ihren Vorstellungen basiert.

Über das Atmen

Yoga ist so wohlkonstruiert und die ver­schiedenen Übungen haben eine solch exakte Wirkung, daß man sich über die Menschenkenntnis derer, die Yoga „erfunden“ haben, wundern kann. Das gilt nicht zuletzt für die Atmung während der Übungen. Dennoch haben einige versucht, Yoga zu „verbessern“, auch auf diesem Gebiet. Beispielsweise durch den Vorschlag, daß man während bestimmter Übungen durch den Mund, anstatt durch die Nase atmen soll. Dies dürfte durch die Unter­suchungen, die man am Karolinska Krank­enhaus in Stockholm durchgeführt hat (siehe Seite 9), widerlegt worden sein. Auch was die Atemübungen des Yoga betrifft, so ist es besser, sich an die ursprüngliche Anleitung zu halten, so daß man sicher sein kann, eine stabile Reinigung, Verteilung und Stärkung der Energie zu bekommen. Für diese Nummer von Bindu haben wir uns entschieden, über einige der mehr grundlegenden Effekte der Atemübungen des Yoga zu berichten, mit den Augen der Wissenschaft und des Yogis betrachtet.

Gewiß steckt Yoga an

Dann und wann hat unsere Kultur sich von Yoga beeinflussen lassen und seine Übungen in andere Zusammenhänge hineingenom­men. Das ist natürlich positiv. Ein Beispiel dafür ist der Schulterstand, den man in den Gymnastikstunden verwendet, oder jeden­falls zu meiner Schulzeit verwendete. Hier kann man sagen, daß es gut ist, daß diese Stellung ganz kurzzeitig gehalten wird zusammen mit anderen Gymnastikübungen, und nicht wie im Yoga, wo man darin längere Zeit ganz still steht. Dies ist nämlich eine der wenigen Yogaübungen, die Kinder nicht (auf Yogaweise) machen sollten, bevor ihre Drüsen vollständig entwickelt sind.

Ein neueres und nicht so glückliches Bei­spiel ist das, was Stretching genannt wird, wobei ein Teil der Muskeln zwar gestreckt wird, aber auf eine im Verhältnis zu Yoga oberflächliche und übereilte Weise. Das gibt dann auch ganz andere und in einigen Fällen sogar unerwünschte Effekte, wenn man gewissen aktuellen Untersuchen glauben soll.

Ein positives Beispiel, wie man eine Übung verwendet, selbst, wenn es nicht genau so ist, wie man es tun „sollte“, haben wir in dem Artikel über den Kopf­stand, den die dänische Wochenzeitschrift Familie Journalen uns nachzudrucken erlaubt hat (siehe diese und nächste Seite).

Man kann ja sehr wohl auf dem Kopf stehen, selbst wenn man das nicht Yoga nennt - das tat angeblich der französische Dichter Molière - „weil er sich gut fühlte davon“. Man muß wohl vermuten, daß die Yogatradition in Frankreich nicht bekannt war zu dieser Zeit, aber er hat es vielleicht am Theater gelernt, von der Comedia del’ Arte. Wer weiß?

Nicht jeder möchte Yoga anwenden, aber diejenigen, die das suchen, was Yoga zu geben hat, sollten nicht von einer falschen Bezeichnung getäuscht werden.

Wir, die die Wirkungen des Yoga kennen, haben es vielleicht nicht nötig, die wachsenden Mengen von Forschungs­ergebnissen zu lesen, die es über Yoga und Meditation gibt. Trotzdem kann es gut sein, einen Spiegel zu haben, um das Yoga von außen zu sehen, und hier ist die Wissenschaft eine große Hilfe. Soll aber die Forschung weiterhin glaubwürdig sein, sollte sie nicht nur den Effekt einer Yogaübung beschreiben, sondern auch exakt, wie sie ausgeführt wird, und welchen Erfahrungshintergrund sowohl der Lehrer, als auch diejenigen, die die Übungen ausführen, haben.

„Wenn du Yoga nur um deiner äußeren Schönheit Willen machst, solltest du viel­leicht eher einen Schönheitssalon besuchen. Durch Yoga bekommst du mehr als das.“ (Swami Satyananda, einmal in den 70er Jahren). Ob Swami Satyananda sich wohl folgende Anzeige von einem Ort in Schweden 1999 hätte vorstellen können:

Der Anita Salon
Frisör Körpertherapie Kurse in Meditation

Alles in allem ist das physische Yoga, wenn es richtig angewendet wird, so daß man die erzielten Wirkungen erlangt, nur ein Hilfsmittel auf dem Weg zu einem höheren Yoga – und was damit gemeint ist siehe den Artikel "Auf dem Weg zum größerem Bewusstsein"

Navigation

Zugang zum Hauptmenu über das Symbol "MAINMENU" oben rechts

Zugang zum Untermenu über das Symbol "SUBMENU" oben links