Bindu 30

Artikel aus Bindu Nr. 12

„Den meisten Streß erzeugen wir selber!“

Weltweit gibt es ein starkes Interesse an den Behandlungsergebnissen des San Francisco Lifestyle Heart Trial und insbesondere an den Langzeitergebnissen der Studie „Veränderungen der Lebensweise bei koronarer Herzkrankheit“.
Darüber sprach Prof. Dr.Thomas Schmidt von der Medizinischen Hochschule Hannover mit Prof. Larry Scherwitz, Leiter des Instituts für Präventivmedizin im kalifornischen Sausalito, während des Fachseminars in der AHG‑Klinik am Schweriner See.

 

Larry Scherwitz spricht über der Anwendung von Yoga, Entspannung und Meditation bei der Rehabilitation von Herzpatienten.

Schmidt: Wie war die Reaktion auf Ihre Untersuchungsergebnisse?

Scherwitz: Über 350 Krankenhäuser haben Kontakt mit unserem Institut aufgenommen, da sie Interesse daran haben. Die Presse ist sehr enthusiastisch gewesen; es gab Zeitungsartikel und Leitartikel in Zeitschriften. Patienten haben unsere Programme besucht. Wir haben in mehr als 12 Krankenhäusern Teams ausgebildet, um dieses Programm durchzuführen. Herzpatienten werden damit überall in den Vereinigten Staaten behandelt.

Gab es auch Interesse außerhalb der Vereinigten Staaten?

Ja, wir haben insgesamt acht Forschungsstudien durchgeführt: Vier in den Vereinigten Staaten, zwei in Deutschland, eine in Holland und eine in Indien.

Welche Gründe sehen Sie für dieses weltweite Interesse?

Das Interesse ist da, weil das Programm funktioniert. Wenn Patienten es befolgen, nehmen sie an Gewicht ab, ihr Blutdruck kann sich senken, ihre Brustschmerzen verringern sich innerhalb kurzer Zeit, typischerweise innerhalb von zwei Wochen; ihre Belastbarkeit nimmt zu, ihre Feindseligkeit (Aggressionsbereitschaft) ist reduziert, es scheint, daß ihre Depression zurückgeht, und, wie unsere Ergebnisse der San Francisco‑Studie zeigen, findet sich eine Tendenz, daß die Arterien sich bei einer intensiven Ausübung dieses Programms öffnen.

Dazu kommt, daß es jetzt in den Vereinigten Staaten, und vielleicht auch in Europa, eine Bewegung für ergänzende und alternative Ansätze gibt, um neue Methoden auszuprobieren, die Hand in Hand mit der konventionellen Behandlung geht, und so ist dies Teil dieser Bewegung und versetzt die Patienten mehr in die Lage, selber etwas für sich zu tun.

Das Vermögen des Herzens, Blut zu pumpen, verbesserte sich um über 6% bei der Versuchsgruppe nach einem Monat intensiver Arbeit mit dem Programm des Lifestyle Heart Trial (dunkelgraue Säule).

Während der gleichen Zeit verschlechterte sich die Kontrollgruppe um 2% (hellgraue Säule).

Wie haben Sie es geschafft, die Patienten zu so umfassenden Veränderungen zu bewegen, die auch nach fünf Jahren von ihnen beibehalten wurden?

Wir entwickelten einige Routinen, die als geeigneter Weg zur Behandlung von Herzerkrankungen anerkannt wurden.

Unser Personal führte das Programm mit Diät, körperlichem Training und Meditation durch, und sie waren enthusiastisch engagiert.

Mit uns kooperierten Ärzte, die Patienten überwiesen.

Und die Patienten selber, die auf unsere Frage: „Wie konnten Sie das Programm einhalten?“, sagten: „Wir helfen einander. Wir bilden miteinander eine enge Gemeinschaft.“ Indem sie das Programm gemeinsam tragen und sich einander auf emotionaler Ebene öffnen, scheint ihnen dies das Gefühl zu geben, daß sie ein Team sind, das ein Programm befolgt. So haben sie, wenn sie die Programme durchführten, auch ihren Mitpatienten geholfen. Damit half unserer Meinung nach dieses Öffnen des emotionalen Herzens, die Gefäße zu öffnen. Es scheint, daß sich bei den Patienten, die den anderen am meisten Zuneigung zeigten, die Gefäße stärker öffneten.

Glauben Sie, daß der Rehabilitationsansatz aus San Francisco auf deutsche Verhältnisse erfolgreich übertragen werden kann?

Deutschland bietet theoretisch bessere potentielle Möglichkeiten zur Ausführung dieses Programms als irgendein anderes Land auf der Welt. Sie haben hier die Infrastruktur für ein Rehabilitationssystem; Sie haben ein Versicherungsnetz, wodurch dies bezahlt werden kann; Sie haben reichlich Herzpatienten; also kann es theoretisch hier besser als anderswo funktionieren.

Als Herausforderung ist der Widerstand dagegen zu betrachten: Der Gedanke, daß Patienten nicht fähig sind, das Programm durchzuführen, oder die Unkenntnis darüber, was dies ist; die Tatsache, daß viele der ausgebildeten Ärzte und Krankenschwestern diesbezüglich selber keine Ausbildung haben, so daß sie es nicht wirklich verstehen können. Es gibt also einen Widerstand, den wir überwinden müssen.

Ich meine, daß es möglich ist, wenn wir hier eine gute Demonstrationsstudie und eine gute Publicity hinsichtlich der Ergebnisse haben, daß sich dieses Gebiet eröffnet.

In der kardiologischen Rehabilitationsklinik der AHG in Wolletzsee bei Berlin sind auch die von Ihnen beschriebenen Interventionselemente wie Streßbewältigung, Antirauchertraining, körperliches Training und Ernährungsverhalten feste Bestandteile eines dreiwöchigen Rehabilitationsprogramms. In welcher Intensität müssen diese Interventionen stattfinden, um eine nachhaltige Wirkung zu erzielen?

Die Streßbewältigung ist sehr wichtig.

Wir finden, daß eine Streßbewältigung unter Verwendung von Yoga‑Techniken eine der stärksten Komponenten hinsichtlich der Rückbildung von Koronarverschlüssen ist.

Wenn Patienten lediglich körperliches Training ausführen, eine fettarme Ernährungsweise einhalten und ihre Medikamente einnehmen, verschlechtert sich die Erkrankung während eines fünfjährigen Zeitraums trotzdem immer weiter.

Wenn sie aber alle diese Dinge tun und täglich zusätzlich auch eine Stunde Yoga machen, können sie verhindern, daß sich die Krankheit verschlimmert, und wenn sie mehr tun, wenn sie eineinhalb Stunden Yoga machen, die Diät einhalten, körperliches Training ausführen und die Gruppensitzungen besuchen, können sie tatsächlich eine Rückbildung der Koronarverschlüsse bewirken, so daß sie sich wieder öffnen. Deswegen muß das Programm intensiv sein, damit bei ihnen eine Rückbildung der Herzkrankheit auftritt.

In Ihrer Studie bedeutet also Streßbewältigung traditionelle Yoga‑Programme?

Es gibt fünf Komponenten: Dehnungsübungen...

Also Yoga Asana?

Ja, Yoga Asana, Atemtechniken, Tiefenentspannung, Meditation und Visualisierung. Und alle fünf zusammen bilden eine Hand, die den Streß packen und ihn reduzieren kann. Wir haben dies auch immer wieder in Studien gezeigt, daß je häufiger die Yoga‑Übungen ausgeführt werden, desto tiefer sinkt der Cholesterinspiegel, unabhängig von der Ernährungsweise, und je niedriger die Feindseligkeit ist, desto stärker erhöht sich die körperliche Belastbarkeit, insbesondere wenn der Grad von körperlichem Training mit mehr Yoga aufrechterhalten wird. Also es gibt sowohl psychologische und physische Vorteile durch Yoga, und zusätzlich eine Öffnung der Koronararterien.

Wieviel Yoga führen Ihre Patienten täglich aus?

In den acht Studien, die wir ausgeführt haben, handelte es sich bei den Patienten, die am meisten Yoga machten, um deutsche Patienten, sie praktizierten täglich 110 Minuten. Sogar drei Monate nach ihrem Klinikaufenthalt machten sie täglich soviel Yoga.

Das heißt, sie mochten Yoga?

Sie mochten es sehr gerne, und sie machten es ausgezeichnet. Und diese Leute gingen zur Arbeit und so weiter, das heißt, sie hatten es erfolgreich in ihren Tagesablauf integriert, und sie haben ihr Leben verändert.

Yoga‑Training sollte also eine Hauptkomponente in einem Rehabilitationsprogramm zur Optimierung des Verhaltens bei Herzpatienten sein?

Wir haben keinen Patienten gesehen, der eine Rückbildung der Krankheit gezeigt hat, der kein Yoga gemacht hatte. Also unsere Ergebnisse weisen darauf hin, daß dies eine entscheidende Komponente hinsichtlich des Erreichens einer Rückbildung ist. Es ist nicht leicht, eine Rückbildung dieser Krankheit zu erzielen. Es ist wie ein Güterzug, der immer weiter fährt, und wenn ein Lastwagen eine Kreuzung überquert, muß der Zug anhalten, und es ist sehr schwierig, ihn anzuhalten. Und es ist noch schwieriger, ihn zurückzufahren. Yoga ist also sehr wichtig, um zu erreichen, daß der Zug anhält und dann zurückfährt.

Welche der verschiedenen Komponenten ist die wichtigste?

Diese Frage bekomme ich sehr häufig gestellt. Ich habe sehr selten einen Vortrag gehalten, bei dem ich diese Frage nicht gestellt bekam, und ich frage gewöhnlicherweise: „Wieviele Beine hat ein Hund?“ Normalerweise vier. Also, es gibt vier Komponenten: Diät, körperliches Training, Streßbewältigung und Gruppenunterstützung. Und welches dieser Beine ist das wichtigste, damit ein Hund laufen kann? Sie sind alle notwendig, damit er mit allen zusammen koordiniert laufen kann. Die Streßbewältigung funktioniert besser, wenn die Gruppenunterstützung stärker ist. Wenn es in der Gruppe ein wenig Spannung gibt, setzen wir uns zurück, entspannen uns und führen eine Yoga‑Atemtechnik durch. Somit hilft die Streßbewältigung der Gruppe, und die Diät hilft dem körperlichen Training. Es ist notwendig, daß alle Beine zusammen laufen, um diesen Zug anzuhalten.

Yoga hat eine lange Tradition über viele Jahrhunderte, aber sehr oft wird es auf eine oberflächliche Weise verwendet, und manchmal nennen Leute sich Yogalehrer, die keine ordentliche und grundlegende Ausbildung haben.
 Meinen Sie, daß es wichtig ist, daß die Yoga und Meditationstechniken in Ihrem Rehabilitationsprogramm auf einer ordentlichen Grundlage stehen und von Leuten unterrichtet werden, die sich mit diesen Techniken wirklich auskennen?

Die Yogalehrer-Ausbildung ist sehr wichtig. Wir haben festgestellt, als wir die zwölf Krankenhausgruppen unterrichteten, daß es nicht so gut funktioniert, wenn man eine/n KrankenpflegerIn nimmt, sie/ihn sechs Wochen lang in Yoga unterrichtet, und sie/ihn dann als YogalehrerIn einsetzt. Es ist besser, eine/n YogalehrerIn zu nehmen, die/der seit 20 Jahren unterrichtet, und ihr/ihm ein wenig Medizin beizubringen ‑ über das Herz, und wie die Patienten versorgt werden sollen.
 Es scheint deswegen wichtig zu sein, nicht einfach ein wenig Ausbildung zu erhalten, es geht vielmehr um die Verwandlung einer Person, d.h. ein Gefühl davon zu haben, wer man ist, was dadurch entsteht, daß man viele Jahre lang mit sich selbst gearbeitet hat, ruhig geworden ist und dadurch eine Zuversicht und innere Begeisterung zeigt, die Patienten motiviert, auch diesen Weg zu gehen. Es ist also ein entscheidender Punkt.

Ich würde nicht wollen, daß ein Yogalehrer eine geringere Ausbildung erhalten hat als ein Internist oder ein Chirurg. Daher ist es unsere Erfahrung, daß wir engagierte Yogalehrer brauchen, die sich lange Zeit damit beschäftigt haben.

Ist dieses Programm billiger als die traditionelle Behandlung von Herzpatienten?

Ich denke, dass dies langfristig beantwortet werden muss. Wir haben eine Kurzzeituntersuchung über drei Jahre mit 477 Patienten in acht Behandlungszentren in den Vereinigten Staaten durchgeführt. Wir haben festgestellt, daß 90 Prozent der Patienten, bei denen eine Bypass‑Operation oder eine Angioplastie durchgeführt werden sollte und die sich entscheiden, statt dessen unser Programm auszuführen, anscheinend vermeiden können, sich einer Bypass‑Operation unterziehen zu müssen, oder daß in dieser kurzen Zeit keine Bypass‑ Operation erforderlich ist, aber wir wissen nicht, was fünf Jahre danach geschehen wird. Somit werden in Bezug auf diejeningen Patienten Kosten gespart, bei denen gerade größere Ausgaben zu erwarten sind. Wir wissen noch nicht, ob der Zustand der Patienten stabil bleiben wird, oder ob durch das Programm auf lange Sicht Kosten gespart werden. Somit ist die Antwort bisher nur eine Teilantwort. Wir hatten Patienten, die auf der Warteliste für eine Herztransplantation standen, um ein neues Herz zu bekommen, was ein sehr kostspieliges Verfahren ist, und sie konnten wieder von dieser Liste herunterkommen; ihr Zustand hat sich so stark gebessert, daß sie kein neues Herz benötigten. Das ist sehr kostenwirksam.

Eine Gruppe von Patienten, die Yoga machen. Das Diabild wurde während einer Vorlesung von Professor Larry Scherwitz gezeigt. Wie man sehen kann, geht es um Yoga basierend auf den klassischen Yoga Asanas. Auf dem Bild ist der Schulterstand zu sehen.

Wie sollte sich die Zukunft hinsichtlich der bestmöglichen Behandlung dieser Patienten entwickeln?

Ich glaube, daß die Wissenschaft Hand in Hand mit der Gesundheitspolitik und der Aufklärung der Öffentlichkeit gehen muß. Durch wissenschaftliche Untersuchungen haben wir gezeigt, daß sich das Gefäß anscheinend öffnet; wir wissen aber nicht, was mit der eigentlichen Struktur des Verschlusses geschieht, woraus diese Narbe besteht. Wurde zum Beispiel das interzelluläre Cholesterin entfernt? Was geschieht hinsichtlich der Kalkablagerungen? Was geschieht hinsichtlich der Faserkappe? Es ist notwendig, daß wir wissen, was geschieht, wenn bei Patienten eine Rückbildung eintritt.

Deswegen ist es erforderlich daß wir weitere Forschungsprojekte ausführen, wobei die Patienten das Programm intensiv ausführen und hinsichtlich der Gefäßstruktur vorher und nachher untersucht werden. Das ist also ein Teil der Wissenschaft.

Hinsichtlich der Öffentlichkeitspolitik ist es notwendig, daß Patienten wählen können, welchem Behandlungsansatz sie folgen wollen, und daß man gut ausgebildetes Personal hat, das durch die eigene Praxis sowie durch die Erfahrung anderer Patienten das Programm empfehlen kann.

Man muß untersuchen, was Herzkrankheiten verursacht. Es handelt sich nicht einfach um eine Liste von Risikofaktoren; es scheint, daß dies etwas mit Erfüllung, Liebe und Verbundensein zu tun hat, und deswegen muß man die Seele etwas mehr in Betracht ziehen. Ich hätte in diesem Zusammenhang gerne das Wort „Spiritualität“ mehr gehört. Wir benutzen diesen Ausdruck nicht mehr, aber es ist meiner Meinung nach wichtig, dieses Gefühl, verbunden zu sein, und daß wir alle Teile des lebendigen Prozesses sind, in Verbindung mit der Heilung von Herzkrankheiten zu fördern.

Man muß sehr sorgfältig überlegen, wo die Quelle des Stresses ist. Ich glaube, dies kommt von der Auffassung, daß sich Streß außerhalb des Menschen befindet, daß er durch die Arbeit verursacht wird, und daß, wenn man mit der Arbeit aufhört, der Streß verschwinden wird. Es gibt aber auch eine andere Art, dies zu betrachten. Den meisten Streß erzeugen wir selber; ich will damit sagen, daß die Menschen hierzulande, in den Vereinigten Staaten und in den anderen westeuropäischen Ländern genug zu essen haben, wir haben ein Zuhause, aber wir erzeugen unseren eigenen Streß in uns selber. Deswegen sollte ein Rat aus einem tiefen Verständnis der jeweiligen Person kommen, wie diese Person mit der Welt interagiert und wo sie ihr Gefühl von Erfüllung findet.

Aus einer langen Liste der Publikationen von Larry Scherwitz und seinen Kollegen, u.a. Dean Ornish, haben wir entschieden, auf diejenige hinzuweisen, die Ausgangspunkt für das Gespräch war: „Can Intensive Lifestyle Changes Reverse Coronary Heart Disease Without Lipid-Lowering Drugs? Five Year Followup of the Lifestyle Heart Trial“, Journal of the American Medical Association 280, No.23, 1998. Autoren: Ornish D, Scherwitz L, Billings J, Gould L, Merrit T, Sparler S, Armstrong W, Ports T, Kirkeeide R, Hogeboom C, Brand R.

Die etwas mangelhafte Qualität der Bilder in diesem Artikel beruht darauf, dass das Seminar auf Videoband dokumentiert wurde.

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