Bindu 20

Artikel aus Bindu Nr.2

Quelle der Energie

Eine Meditation aus dem tantrischen Kriya Yoga

"Meditiert man, wenn man sich einfach hinsetzt, die Augen zumacht und abschaltet?"
Kaum, einigen mag es vielleicht gelingen, sich etwas zu entspannen, aber zu leicht kann man der Illusion verfallen, dass man meditiert und stattdessen verliert man sich in Gedanken oder döst schlicht und einfach, ohne in die Tiefe zu gehen.

Eine Methode ist wichtig

Um in den entspannten Zustand zu kommen, ihn zu benutzen und Kraft zu schöpfen, dazu benötigt man eine Methode. Dies bestätigt der amerikanische Neuropsychologe H. Benson in seiner bekannten Studie über Entspannungs- und Meditationstechniken The Relaxation Response von 1975. Der Mensch kann zwar seinen Willen verwenden, um sich zu aktivieren oder aufzuhetzen, aber er kann sich nicht allein durch Willenskraft entspannen. Selbst wenn man es sich einbildet, es funktioniert nicht – man erreicht nicht wirklich tiefe Entspannung oder Meditation.

Überall auf der Welt kennt man Methoden zu diesem Zweck. In der japanischen Zen-Meditation und auch in anderen östlichen Traditionen verwendet man den Atem als Mittel, um in die Meditation zu gelangen. Hier wird vor allem der gewöhnliche oder sogenannte Spontane Atem erlebt.

Im Kriya Yoga, das in China und Indien bekannt ist, benutzt man eine einfache Atemtechnik, den sogenannten Psychischen Atem, um den Geist zu reinigen und in einen tiefen Zustand zu gelangen. Dieser Atem kann alleine für sich ausgeführt werden, oder als Ausgangspunkt für einen umfassenderen Meditationsverlauf. Die Meditation Quelle der Energie (das Kleine Kriya Yoga) beruht zum großen Teil auf dieser Atemtechnik

Der Psychische Atem...

...auch Ujjayi Pranayama genannt, ist einfach auszuführen, es ist ein tiefer, langsamer und entspannter Atem. Du sitzt aufrecht in einer Meditationsstellung. Bei Atemübungen und allen Formen der Meditation, in denen man mit der psychischen Energie arbeitet, ist eine richtige Meditationsstellung mit aufrechter Wirbelsäule wichtig, den dies gewährleistet, dass die Energie frei und harmonisch fließt.

Du machst mit der Atmung einen leisen, flüsternden Ton, der hinten in der Kehle entsteht. Der Ton ist entspannt und ähnelt dem Laut eines Kindes in tiefem Schlaf. Man macht eine tiefe, langsame Einatmung zusammen mit dem Geräusch hält den Atem ca. drei Sekunden, macht eine lange entspannte Ausatmung zusammen mit dem Geräusch und hält den Atem wieder für einige Sekunden, dann folgt die nächste Einatmung und so weiter. Insgesamt gibt es also vier Phasen: Einatmung, Halten des Atems, Ausatmung, Halten des Atems.

Der Atem wirkt auf Körper und Geist

Dass psychische Spannungen sich in den Muskeln des Körpers niederschlagen und dass man diese durch verschiedene Yogastellungen beseitigen kann, ist vielleicht bekannt (siehe auch Bindu Nr. 1: Yoga – und etwas Grundlegendes über die Anwendung von Yogastellungen [ Asana]).

Das gleiche gilt für den Atem: Auch hier setzen sich Spannungen fest. Im Laufe der Jahre entwickelt jeder Mensch seine bestimmte Art zu atmen, entsprechend seinem persönlichen Muster von Gedanken und Gefühlen. Auf jeden Zustand, den wir erleben, reagieren wir mit einer bestimmten Weise zu atmen. Egal ob wir rastlos oder verwirrt sind, entspannt oder schläfrig der Atem verändert sich unmittelbar. Wer kennt nicht den „Seufzer der Erleichterung‟, oder dass einem der „Atem stehen bleibt‟, wenn etwas wirklich Aufregendes geschieht?

Umgekehrt kann man durch Atemübungen (Pranayama) unmittelbaren Einfluss auf den Zustand von Körper und Geist ausüben. Es existiert eine Vielzahl solcher Atemübungen, jede mit einer speziellen und präzisen Wirkung. Manche sind stimulierend und geben ein belebendes Gefühl von neuer Energie, andere wirken entspannend und harmonisierend.

Beim Psychischen Atem wird mit Hilfe des gleichmäßigen Lautes und der langsamen, regelmäßigen Atmung der Atem „gestreckt‟. Auf diese Weise werden Unregelmäßigkeiten oder Blockierungen beseitigt. Die Wirkung wird als angenehme Entspannung und gleichzeitig als vermehrte Energie erlebt.

Die Zunge

Eine besondere Haltung der Zunge macht den Psychischen Atem vollständig. Sie wird Kechari Mudra genannt. Auf Sanskrit bedeutet Mudra eine Haltung, die die feinere Energie des Körpers beeinflusst. Es gibt eine Reihe verschiedener Mudra und dieses wird als eines der wichtigsten betrachtet.

Die Zunge ist zurückgebeugt, so dass die Zungenspitze nach hinten zeigt, den weichen Teil des Gaumens berührt und dort ruht. Diese Haltung mag zunächst etwas ungewöhnlich sein, sie hat jedoch verschiedene wichtige Funktionen. Wenn man für eine längere Zeit mit dem Psychischen Atem sitzt, hält die zurückgerollte Zunge die Kehle feucht; gleichzeitig wird dadurch das parasympatische Nervensystem stimuliert.

Man sagt, dass diese Haltung für eine Weile das direkte Zusammenspiel von Geist und Körper aufhebt. Rastlosigkeit oder was auch immer an Gedanken und Gefühlen im Geiste auftauchen mag, wirkt sich so nicht ohne weiteres auf den Körper aus und umgekehrt wirken körperliche Wahrnehmungen sich nicht so leicht auf den Geist aus.

Schmerzen leichter bewältigen...

Auf unseren Yogakursen für Schwangere ist der Psychische Atem ein wichtiger Teil des Unterrichtes. Es gibt eine Reihe verschiedener Atemtechniken, die während der Geburt helfen können, aber viele Frauen sagen, dass ihnen vor allem der Psychische Atem geholfen hat, entspannt zu bleiben, wenn die Wehen kommen und sich dem Geburtsvorgang hinzugeben, vor allem auch, um die Schmerzen zu bewältigen.

Eine Frau aus Stockholm hatte ein eindrucksvolles Erlebnis bei der Geburt ihres zweiten Kindes. Sie benutzte den Psychischen Atem während der gesamten Öffnungsphase, die sich über mehrere Stunden hinstreckte. Dies ist für die meisten der anstrengendste Teil der Geburt und hier erlebt man oft starke Schmerzen, das wusste sie von der Entbindung ihres ersten Kindes. Dieses Mal entspannte sie sich mit Hilfe des Atems und spürte überhaupt keine Schmerzen, obwohl sie hellwach war und das Öffnen der Gebärmutter bewusst mitverfolgte. Sie war selbst so verwundert darüber, dass sie glaubte, die Geburt hätte aufgehört. Jedes Mal wenn sie darüber in Zweifel geriet, unterbrach sie den Atem

... um zu sehen, ob etwas falsch lief und da stellten sich die Schmerzen unmittelbar ein.

Eine stufenweise Vertiefung

Ausgehend vom Psychischen Atem entwickelt sich die Meditation Quelle der Energie als ein bestimmter Verlauf: Zunächst beginnst Du mit dem Atem, Du sitzt für eine Weile damit, kommst zur Ruhe und vertiefst Dich darin. Dann lernst Du schrittweise, bestimmte Energiepassagen im Körper zu entdecken und anzuwenden. Im späteren Verlauf kommen auch besondere Laute ( Mantra) hinzu. Auf diese Weise werden systematisch Spannungen und Blockierungen in der Energie des Körpers beseitigt und nach und nach wird es unmöglich, an begrenzenden Vorstellungen und Zuständen festzuhalten. Schrittweise vertiefst Du den Geist und gelangst zu immer feineren Zuständen.

Ein vollständiger Meditationsverlauf dauert zwischen 20 und 45 Minuten, aber er kann an dieser Stelle natürlich nicht beschrieben werden. Möchtest Du mehr darüber wissen, findest du ausführlichere Anweisungen in dem Buch Yoga, Tantra und Meditation im Alltag von Swami Janakananda. Am besten ist es aber, Unterricht auf einem Meditationskurs zu bekommen.

Alpha „Entspannung für die grauen Zellen‟

Auch die Gehirnaktivität verändert sich während Quelle der Energie, dies wurde deutlich in einem Versuch an der Universitätsklinik in Köln unter der Leitung von Dr. Thomas Schmidt nachgewiesen. Bei mehreren Yoga- und Meditationslehrern wurde während der Meditation neben Blutdruck und Herzschlag auch die elektrische Aktivität des Gehirns gemessen. Mit Hilfe von Elektroden, die gleichmäßig auf dem Kopf verteilt waren, wurde die Gehirnaktivität auf einem Elektroenzephalogramm (EEG) wiedergegeben.

Zunächst saßen die Testpersonen allein und meditierten ungestört, dann versuchten die Mediziner sie systematisch zu stören, berichtet Yogalehrer Thorbjörn Knudsen (Bild):

...unsere Hände wurden in eiskaltes Wasser getaucht, über Kopfhörer wurde uns ohrenbetäubender Lärm eingespielt und wir wurden sogar mit Nadeln gestochen. All dies konnte ich zwar am Rande wahrnehmen, aber ich fühlte mich nicht davon gestört‟.

Die elektronischen Messungen bestätigten dieses subjektive Erleben. Während der Meditation veränderte das Gehirn seine Frequenz: Von einer hohen Aktivität (Beta-Frequenz), hin zu einer tiefen und stabilen Alpha-Frequenz.

Die Gehirnfrequenz kann bei allen Menschen gemessen werden und zeigt deutlich, ob man sich in einem wachen Zustand befindet ( Beta), ob man sich entspannt ( Alpha), ob man sich in leichtem ( Theta) oder tiefem Schlaf ( Delta) befindet. Die Alpha-Frequenz tritt jedes Mal auf, wenn wir uns entspannen und das geschieht von selbst kurz vor dem Einschlafen. In tiefer Entspannung und in der Meditation hingegen, wählen wir bewusst im Alpha-zustand zu verbleiben, also nicht weiter zu gehen und einzuschlafen. Dieser Zustand wird als eine Periode erlebt, in der man völlig zur Ruhe kommt und neue Kräfte sammelt. Auf dem Weg in die Ruhe öffnet sich der Geist und lässt die Alltagsgedanken los; oft tauchen dann spontane, kreative Ideen oder Lösungen zu bestimmten Problemen auf.

Was die Mediziner der Kölner Untersuchung am meisten überraschte war, dass sich selbst unter extremen Störungen keine Veränderungen in den Alpha-werten des EEG zeigten. Das Gehirn befand sich mit anderen Worten während des gesamten Geschehens unabhängig von den äußeren Einflüssen in einem wachen und entspannten Zustand, ohne zu blockieren. Neuere Untersuchungen, sowohl aus den USA als auch aus Skandinavien zeigen außerdem, dass sich durch langfristigen Gebrauch von Meditation die Gehirnaktivität anhaltend verändern kann. Wer regelmäßig meditiert, hat also eine bleibende Entspannungswirkung auch im Alltag.

Effektives Lernen

Die Geschichte einer Studentin aus Kopenhagen zeigt, wie dies praktisch anwendbar ist. Sie befand sich in der Vorbereitung auf ein wichtiges Examen und hatte Schwierigkeiten mit dem Lernstoff:

... jedes Mal, wenn ich zu bestimmten Stellen im Text kam, tauchten Verständnisschwierigkeiten auf. Ich wurde verspannt, müde, unkonzentriert und kam nicht weiter. Als ich begann die Meditation anzuwenden, verschwanden diese Probleme nach und nach. Ich hatte soviel Energie, dass ich ganz einfach nicht mehr in diesem ,Ich-kann-nicht-Zustand‛ hängen bleiben konnte. Selbst bei schwierigen Passagen nahm ich mir Zeit zum Lesen ich verkrampfte mich nicht innerlich und jetzt wurden mir Zusammenhänge klar, die ich vorher einfach nicht hatte überblicken können. Ich konnte den erforderlichen Prüfungsstoff ohne Probleme lernen.

Diese Fähigkeit, offen zu bleiben, ist außerordentlich wichtig für intellektuelle Arbeit, aber sie kann auch überall im täglichen Leben nützlich sein, für jede Form von Kreativität. Wenn Du Dich nicht ohne weiteres von begrenzenden Vorstellungen blockieren lässt, kannst Du Deine Kräfte besser für das einsetzten, was Du Dir zum Ziel gesetzt hast.

Auf dem Wege zu Kriya Yoga...

In der tantrischen Tradition beruhen mehrere Meditationsverläufe auf dem Psychischen Atem: Quelle der Energie und Ajapa Japa werden auch das Kleine Kriya Yoga genannt und sind die ersten Schritte des weitaus umfassenderen Kriya Yoga .

Ajapa Japa kann man als eine Fortsetzung von Quelle der Energie bezeichnen. Es ist tiefgehender und umfangreicher, sowohl an zeitlicher Länge, wie auch an Umfang der verschiedenen Stufen. Die letzten Stufen lernst Du während einer kurzen Schweigeperiode.

Der Lernprozess für Ajapa Japa ist etwas länger und deshalb unterrichten wir diese Meditation nur auf 10- oder 14-Tageskursen am Kurszentrum Håå in Südschweden. Hier lebt man für zwei Wochen auf dem Lande ohne Fernsehen, Radio oder Zeitungen. Ein solcher Urlaub von allen alltäglichen Einflüssen schafft die nötige Ruhe und Konzentration, um die Meditation wirklich zu lernen und direkt, von Anfang an, den vollen Nutzen davon zu haben. Wer noch einen Schritt weiter gehen will, kann das vollständige Kriya Yoga lernen. Swami Janakananda ist heute einer der wenigen in der Welt, der das vollständige tantrische Kriya Yoga noch in seiner ursprünglichen Form unterrichtet. Dieser Unterricht findet auf dem jährlichen 3-monatigen Sadhana- und dem 1-monatigen Kriya Yoga Retreat statt.

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