Bindu 20

Artikel aus Bindu Nr. 2

Yoga und die feinere Energie

" Pawanmuktasana" - die kleinen luft und spannungslösenden Übungen und ihre tiefgehenden Wirkungen auf die feinere Energie des Körpers

Die kleinen luft und spannungslösenden Übungen ist ein leichtes Programm, das die meisten ohne Probleme ausführen können. Es ist das erste Yogaprogramm, das man auf den Grundkursen kennenlernt, weil es eine ausgezeichnete Vorbereitung auf andere Yogastellungen ist. Es wird oft als ein Programm für Anfänger und Ältere betrachtet.

Pawanmuktasana ist allerdings mehr als das, auch wer Erfahrung mit Yoga hat, kann großen Nutzen von seinen Wirkungen haben. Pawan bedeutet Luft, Mukta Befreiung und Asana Yogastellung.

Einer unserer Yogalehrer hatte vor einigen Jahren eine Vertretung für einen Yogalehrer der Volkshochschule in Kopenhagen. Die Schüler waren 8 Jahre lang regelmäßig zu Yoga gegangen, aber sie hatten dieses Programm noch nie ausprobiert. Groß war ihre Überraschung über die Wirkung dieser einfachen Übungen.

Alle Gelenke werden bewegt

Pawanmuktasana besteht aus einer Reihe von Bewegungen, die wirkungsvoll Gelenke und Muskeln von Steifheit und Giftstoffen befreien und Luft aus den Därmen freisetzen.

Man beginnt damit, die Zehen und Fußgelenke zu strecken und zu beugen, man macht Kreisbewegungen mit den Füßen und anschließend eine Venenpumpenübung, wo man Knie und Fuß beugt und streckt. Man geht weiter zu den Fingern, man beugt und spreizt sie, beugt die Hände in den Handgelenken auf und ab und macht dann Kreisbewegungen mit geballten Fäusten. Dann folgen die Arme und Schultern, deren Glieder gestreckt, gebeugt und gedreht werden.

Systematisch geht man durch den Körper. Hals, Rücken, Hüften und selbst die Därme werden durch Übungen beeinflußt, die auf die Peristaltik wirken. Anschließend macht man eine Pause, in der man völlig still auf dem Rücken liegt.

Im Buch Yoga, Tantra und Meditation in meinem Alltag von Swami Janakananda findest Du eine gründliche Beschreibung mit Abbildungen von allen Übungen.

Die Energie

Wir wollen uns nun beschäftigen mit den tiefgehenderen Wirkungen, die diese Übungen auf die Energie des Körpers (Prana) haben.

Prana ist ein anderes Wort für die psychische Energie, die sowohl in China wie auch in Indien bekannt ist. In Europa wurde sie zunächst Vitalenergie genannt, dann BiologischeEnergie und der Österreichische Psychoanalytiker Wilhelm Reich taufte sie später um zu OrgonEnergie. Das Sanskritwort für diese Energie ist Prana, sie ist im tantrischen Yoga ausführlich beschrieben. In China wird sie Ki genannt.

Prana hat mehrere Funktionen im Körper. Man kann sagen, daß eine Energie die Verdauung steuert und eine andere die Ausscheidung, eine dritte ist mit dem Atem verbunden, eine vierte ist die Energie, die in unseren Sinnesorganen und in den Armen und Beinen fließt. Schließlich gibt es eine übergeordnete Funktion, die die Energien als Ganzheit in Balance hält und sammelt.

Ein Pranastrom oder eine Energiebahn wird im Yoga Nadi genannt. Der Japaner Dr. Hiroshi Motoyama sagt in diesem Zusammenhang: "lch bin der Ansicht, daß die Nadis vollkommen den Meridianen der chinesischen Akupunktur entsprechen."

Im Yoga wird Prana und dessen Fluß u.a. durch die Yogastellungen beeinflußt und vor allem durch die Atemübungen, deren eigentlicher Zweck ist, die Energie bewußt zu machen: Pranayama. Später, wenn man Yoga beherrscht, und gelernt hat zu visualisieren und zu meditieren, kann man lernen, durch bewußtes Einwirken auf die Energie zu heilen; dies wird Prana Vidya genannt, das Wissen vom Prana.

Auf diese Themen werden wir immer wieder zurückkommen, da sie einen wesentlichen Teil des Yogaunterrichts ausmachen.

Die Stellungen des Yoga fördern den EnergieUmlauf

Das Folgende basiert auf einer Untersuchung, die Dr. Motoyama, ausgehend von seinem Wissen über die chinesische Akupunktur, in Zusammenarbeit mit Swami Satyananda gemacht hat.

Gemäß Ayurveda, der alten klassischen indischen Medizin, wird der Körper von drei "Körperflüssigkeiten" kontrolliert: Schleim (Kapha), Luft (Vayu), und Säure oder Galle ( Pitta). Unausgewogenheit in der Funktion von einer dieser drei "Flüssigkeiten" stört den Stoffwechsel des Körpers. Dies wird als eine grundlegende Ursache von Krankheiten betrachtet.

Mit Vayu sind hier nicht nur Luft oder Gase in Magen und Darm gemeint, sondern auch eine gröbere Form von Prana, die man sich als eine subtile Körperflüssigkeit vorstellen kann, die durch die Nadis (Energiebahnen) strömt.

Besonders bei den Gelenken wird der Fluß der Ki Energie (oder Prana) leicht gehindert. Ein schlechter Fluß an diesen Stellen kann rheumatische Schmerzen verursachen und zu einem unzureichenden Energiefluß überall im Körper führen, was wiederum der Ursprung für Erkrankungen sein kann. Der Zweck von Pawanmuktasana ist es, den Fluß von Prana durch die Nadis zu fördern, in erster Linie durch das Beseitigen von Blockierungen an den Gelenken.

Beachte, daß man bei den Beinen mit den Zehen beginnt, dann mit den Fußgelenken und den Knien weitermacht und mit den Hüften aufhört. Bei den Armen geht man von den Fingern zu den Handgelenken, den Ellenbogen und den Schultern, in dieser Reihenfolge.

Bevor man Pawanmuktasana oder auch andere Yogastellungen ausführt, ist es empfehlenswert eine Weile völlig still auf dem Rücken zu liegen. Das entspannt den Körper und bewirkt, daß Prana leicht aufgenommen und verteilt wird.

Sei-Punkte

Die Wirkung der luftlösenden Übungen auf den Umlauf von Prana kann man von der chinesischen MeridianTheorie her folgendermaßen erklären:

Es gibt 12 Hauptmeridiane der KiEnergie, die über den Körper und durch den Körper hindurch verlaufen; die meisten von ihnen sind mit einem bestimmten inneren Organ verbunden, durch welches sie hindurch verlaufen. Die Endpunkte dieser Meridiane liegen auf den Fingern und Zehen und werden Sei ("Brunnen") Punkte genannt. Zum Beispiel befindet sich der SeiPunkt des Lungenmeridians auf dem Daumen, und der SeiPunkt des Dickdarms auf der Spitze des Zeigefingers. Auf entsprechende Weise liegen die übrigen SeiPunkte in den Fingern und Zehen auf beiden Körperhälften.

Die SeiPunkte sind von großer Bedeutung, da hier die KiEnergie in die Meridiane hinein und aus ihnen herausströmt. Man sagt, daß das Energieniveau in diesen Punkten exakt den Zustand im gesamten Meridian wiederspiegelt. Es ist bekannt, daß bei akuten Krankheiten Akupunktur an diesen Stellen eine unmittelbare Wirkung hat.

Die Übungen in Pawanmuktasana, wo man die Hände zu Fäusten macht und die Zehen beugt, stimulieren die SeiPunkte direkt, und fördern dadurch den Umlauf der KiEnergie (Prana).

Gen-Punkte

Die chinesische Medizin spricht auch von Gen ("Quelle") Punkten, die entweder in den Hand bzw. Fußgelenken oder zwischen dem SeiPunkt und dem Gelenk liegen. Krankheiten der inneren Organe können sich oft an den GenPunkten der entsprechenden Meridiane zeigen, und Behandlung wird häufig dort verordnet. Die Übungen, die die Hand und Fußgelenke beugen und drehen, stimulieren die GenPunkte und helfen dadurch die Funktionen in den inneren Organen zu verbessern, die mit den zwölf Meridianen verbunden sind.

Diese Erklärung über die Sei und GenPunkte ist in The Yellow Emperors Treatise on Internal Medicine zu finden - der ältesten Schrift in der chinesischen Medizin. Die Schrift besagt ebenso, daß Knie und Ellenbogen eng mit den Gen-Punkten verbunden sind, und daß auch dies eine Bedeutung bei der Behandlung von Krankheiten der inneren Organe haben kann. Das Bewegen der Knie und Ellenbogen ist also nutzbringend, und dasselbe gilt für das Stimulieren der Hüft- und Schultergelenke.

Die allgemeinen Wirkungen der Übungen

Innerhalb der westlichen Medizin betrachtet man die Gelenke als empfindliche Bereiche des Körpers. Flüssigkeit hat eine Tendenz, sich hier zu stauen und anzusammeln, wodurch der gesamte Körper nach und nach ermüdet. Dieser Zustand kann zu Rheumatismus und Nervenkrankheiten führen, verbreiteten Erkrankungen in unserer Zeit. Auch auf diesem Hintergrund kann man die wohltuende Wirkung von Pawanmuktasana sehen. Abgesehen davon, daß es den Fluß der KiEnergie durch die Meridiane verbessert, fördert es die Zirkulation von Blut und den Körperflüssigkeiten durch die Gelenke und hilft dadurch, Krankheiten zu heilen und die Gesundheit aufrecht zu erhalten.