Bindu 26

Artikel aus Bindu Nr 10

Leitartikel

Im Herbst 1996 hielt Swami Janakananda an der Bihar Yoga Bharati in Indien einen Workshop über Pratyahara. Die Teilnehmer des Workshops wurden gebeten mit ca. 200 Worten einen Aufsatz zu schreiben mit dem Titel: Pratyahara im Verhältnis zu Meditation.

Anstatt selbst einen Leitartikel zu schreiben bringen wir dieses Mal einen dieser Aufsätze. Er wurde von Swami Jayatma Saraswati geschrieben, einer jungen Frau aus Australien:

Wie man den Erlebenden inmitten aller Erlebnisse findet

Ich lebe in einem Ashram und habe dies die letzten fünf Jahre getan. Aus irgendeinem merkwürdigen Grund, der mir völlig unverständlich ist, qualifiziert mich das in den Augen mancher Leute dazu, über Yoga zu sprechen. Hin und wieder kommt es vor, daß irgendein barscher Typ mir eine wirklich unbequeme Frage stellt, wie: „Was zum Teufel [aus dem australischen: what the bloody hell] hat das mit Meditation eigentlich auf sich?" (Sie sagen so etwas wie „bloody" und „hell" bei uns in Australien.) Und plötzlich fühle ich mich verloren; er könnten mich ebenso nach dem Sinn des Lebens, des Universums usw. fragen. Bitte in maximal 200 Worten antworten.

Erst kürzlich (genau genommen heute Nachmittag) habe ich begonnen, ein Verständnis vom Zusammenhang zwischen Pratyahara und Meditation zu bekommen, und wie diese beiden mit dem Leben, dem Universum und allem zusammenhängen und nicht zuletzt mit einem spirituellen Erwachen. Und selbst wenn meine Lehrer hier mir immer und immer wieder von Patanjali erzählt haben und von phantastischen Dingen wie, daß Pratyahara das Zurückziehen des Geistes von den Sinnen bedeute und daß Dhyana ein ununterbrochener Strom von Bewußtsein sei, so wie das Wasser im Fluß fließt, so hat mir das eigentlich nicht viel gesagt.

Vor vielen Jahren wachte ich eines Morgens auf, und erlebte mit einem Mal, daß ich existierte. Das war ein ziemlicher Schock für mich und etwas erschreckend. Wie hatte ich so lange zurechtkommen können, ohne eingesehen zu haben, daß ich existierte? Mein Leben bekam eine ganz neue Perspektive, und ich begann nach einem Verstehen dafür zu suchen, wer und was dieses Phänomen war, das ich „Ich" nannte und was in aller Welt ich eigentlich in der Existenz tat.

Nun, Pratyahara ist für mich diesem Erlebnis sehr ähnlich. Ich sitze hier und spüre die Brise, höre die Geräusche, rieche die Düfte und plötzlich, irgendwo mitten darin, dämmert mir das Erlebnis vom Erleben und die Erkenntnis, daß ich von diesem Erlebnis getrennt bin, und daß ich mich zurücklehnen kann und es betrachten kann und immer noch existiere. Und jedes Mal wenn dies geschieht, dann schockiert mich das Erlebnis „ich existiere" immer noch irgendwie. Es ist so, als ob es meinem Bewußtsein einen kleinen Ruck gibt, und ich „wache auf" - für eine Weile jedenfalls.

Und es sieht so aus, für mich jedenfalls, als ob dieses Erlebnis grundlegend für die Meditation ist und für andere vornehme Begriffe auf dem Wege, wie Samadhi, Selbst-verwirklichung usw. - denn wie kann etwas davon eintreten, wenn ich mir nicht einmal meiner eigenen Existenz bewußt bin?

Im Alltag und auch in einem sogenannten spirituellen Leben ist es sehr leicht, von einem Erlebnis in solchem Grade gefangen zu werden, daß Du Dir nicht einmal darüber klar bist, daß Du es erlebst. Du sitzt und meditierst, hörst die Geräusche, fühlst die Eindrücke, erlebst die Gedanken, aber wo bist eigentlich Du? Ganz einfach in den Erlebnissen verloren, sogar wenn Du auf Betrachtung eingestellt bist - es sei denn, Du findest gleichzeitig den Erlebenden inmitten aller Erlebnisse. Und das scheint mir der wirkliche Zweck von Pratyahara in der Meditation zu sein oder in allen anderen Zusammenhängen, wenn man so will.

Om, Om, Om.

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