Bindu 27

Artikel aus Bindu Nr. 9

Der entspannte Zustand und die Wissenschaft

Stau entsteht während der Stoßzeiten in unseren Städten. Zu anderen Zeiten des Tages gibt es weniger Verkehr und er fließt deshalb besser. Ähnlich ist es mit Körper und Geist. Wenn die elektrische Aktivität des Gehirns sinkt, erleben wir einen weniger gestreßten und weniger blockierten Zustand als den, in dem wir uns normalerweise in unseren alltäglichen Unternehmungen befinden.

Früher teilte man unsere grundlegenden Bewußtseinszustände in drei Hauptbereiche: Tagesbewußtsein, Traum und Schlaf. Aber in den letzten ca. 30 Jahre hat die Wissenschaft eine mehr nuancierte Anschauung unserer Zustände bekommen. Ende den Sechziger wurde die Doktorarbeit eines Arztes in den USA, Dr. Keith Wallace, mit dem Titel Meditation als der vierte Hauptbewußtseinszustand angenommen. Im Nachhinein folgten viele unterschiedliche Werke und Untersuchungen über die veränderten Bewußtseinszustände. Eines der Hauptwerke von 1969 ist weiterhin eine empfehlenswerte Lektüre: Altered States of Consciousness, eine Sammlung von Artikeln aus der ganzen Welt, redigiert von Professor Charles T. Tart.

Das entspannte Gehirn

Der entspannte Zustand bekam eine wissenschaftliche Bezeichnung, die praktisch ist, aber auch begrenzend. Man nannte ihn den Alpha Zustand. Kleine runde Silberplatten, sogenannte Elektroden, werden an vielen Stellen auf die Kopfhaut geklebt. Die Elektroden sind mit einem Elektroencephalographen (EEG) verbunden. Hier gibt es eine Reihe von Schreibstiften, die jeweils mit einer Elektrode verbunden sind. So wird die Aktivität des Gehirns gemessen. Jedes Mal, wenn ein Impuls durch die Elektroden vom Gehirn kommt, geben die Schreiber einen Ausschlag, und zeichnen eine Wellenlinie auf das Papier, das darunter vorbeigezogen wird - daher das Wort Gehirnwellen. Inzwischen wird das Ganze in Computern registriert und analysiert. Die Wellen sind dann auf einem Schirm zu sehen.

Man teilte die Aktivitäten des Gehirns in vier Bereiche. Sieh Schema unten.

Beta, 13-40 Hertz, normal, aktiv

Alpha,8-13 Hertz, entspannt

Theta,4-8 Hertz, Traum, Schlaf

Delta,1-4 Hertz, tiefer Schlaf

Die Aktivität des Gehirns

Je aktiver das Gehirn ist, desto mehr Impulse werden von den Nervenzellen abgegeben. Die Beschreibung der vier Bereiche, ihre Frequenz ( Hertz oder Schwingungen pro Sekunde) und ihre wissenschaftlichen Namen kannst Du hier links sehen.

In der Meditation ist das EEG oft gemischt. Es sinkt von Beta zu Alpha wenn man sich entspannt, aber es ist selten rein, d.h. daß sowohl Alpha- als auch Beta-Aktivitäten gleichzeitig vorhanden sind.

Außer dem EEG hat man andere Methoden, den entspannten und den etwas tieferen meditativen Zustand zu messen:
Der Hautwiderstand wird z.B. zwischen zwei Elektroden auf der Handfläche gemessen. Hat man einen großen Hautwiderstand, ist die Handfläche trocken und man ist entspannt. Wenn man dagegen ein bißchen gereizt wird, dauert es nur ein paar Sekunden, bevor der Hautwiderstand auf Grund einer kaum bemerkbaren Schweißabsonderung auf der Handfläche sinkt. Der Hautwiderstand wird zur Messung der Reaktionen des autonomen Nervensystems genutzt und kann enthüllen, wenn das Streß- oder Angstniveau verstärkt oder vermindert wird. Eine ähnliche Methode verwendet man in den Lügendetektoren.
Die elektrische Spannung in den Muskeln sinkt, wenn man sich entspannt, wie in den Yogastellungen. Wenn man einen Muskel für eine Weile streckt,nehmen die Spannungen ab. Die Muskelspannung wird ebenfalls mit Elektroden, die man auf die betreffenden Muskeln klebt, gemessen.
Der Puls sinkt während der Entspannung oder Meditation. Das Gleiche geschieht mit der Frequenz oder Geschwindigkeit des Atems.

Was heißt es, entspannt zu sein

„Manche Menschen meinen, sich nicht konzentrieren und erst recht sich nicht entspannen zu können. Sie können dies vielleicht auch nicht ohne weiteres und mit reiner Willenskraft.

Andere meinen hingegen, daß man sich nur auf einen Stuhl setzen, die Beine hochlegen und die Augen schließen sollte. Diese Leute können jedoch nicht immer Ergebnisse aufweisen, wenn man z.B. ihren Blutdruck mißt.

Ich will aber behaupten, daß jeder eine tiefe Entspannung erreichen kann, wenn er richtige und systematische Anleitung bekommt. Und kann man sich erst einmal entspannen, dann kann man auch seine Konzentration verbessern."

(Zitat vom Heft zu CD Erlebe Yoga Nidra)

Es ist möglich Erfahrungen mit Yoga, Entspannung und dergleichen zu haben, und trotzdem sich selbst zu betrügen und sich einzubilden, daß man entspannt sei, auch wenn man es nicht ist. Ich habe selbst Tage erlebt, an denen ich glaubte, ich könne meine Yogapraxis auslassen. Wenn ich mir dennoch die Zeit genommen habe, Yoga zu üben, habe ich anschließend einen bedeutenden Unterschied in meinem Zustand verspürt. Es ist wichtig, daß man sich nicht von seinen Vorstellungen wie man sich fühlt, hypnotisieren läßt. Genauso soll man nicht versuchen, ein bestimmtes Erlebnis zu erreichen - man folgt einfach der Technik.

Die Entspannungsreaktion

Es ist leicht, erregt oder gestreßt zu werden. Die Art und Weise, wie der Körper reagiert in einem solchen Zustand wird als Kampf-Flucht-Reaktion bezeichnet: In einer gefährlichen Situation bereitet sich der Körper zur Flucht oder zum Kampf vor. Der Blutdruck steigt und die Blutströmung zum Gehirn und zu den Muskeln vermehrt sich zu Lasten der inneren Organe. Oft steht diese automatische Reaktion in keinem Verhältnis zu dem was sie verursacht hat. Ein kleines Problem im Alltag kann genug sein, um einen gestreßten Zustand auszulösen.

Dr. Herbert Benson von Beth Israel Hospital School in Boston hat durch seine Forschung über den erhöhten Blutdruck die Bedeutung einer ordentlichen Entspannung eingesehen. Er hat mit seinem ersten Buch (The Relaxation Response) den Begriff Entspannungsreaktion, in Verbindung mit der Forschung über Entspannung und Blutdruck, eingeführt. Im Gegensatz zur Kampf-Flucht-Reaktion ist der Entspannungsreaktion nicht etwas, was immer von selbst kommt, wenn man sie nötig hat.

„Nur still zu sitzen oder z.B. fernsehen, ist nicht genug, um diese physiologischen Veränderungen hervorzubringen. Man benötigt eine Entspannungstechnik, die den Strom der alltäglichen Gedanken unterbricht, und die Aktivität im sympathischen Nervensystem reduziert." (Dr. H. Benson)

Mit der Entspannungstechnik sprechen wir von etwas, das eine wirksamere Entspannung geben kann, als was Du mit einem Spaziergang oder Schlaf erreichst. Mit einer Entspannungstechnik lernst Du, einen Zustand von Ruhe zu erreichen, der tiefer ist als der im Schlaf, wobei Du aber zugleich bewußt bleibst und miterlebst, was geschieht. Du wirst mit dem entspannten Zustand vertraut.

„Es scheint, daß die Vorteile eher von der Physiologie der Entspannung als von reiner Suggestion herkommen" (Dr. P. M. Lehrer). Die Entspannungstechnik wirkt von allein, man braucht nur still zu liegen und sich den Instruktionen hinzugeben.

Mittels Meditation und Aufmerksamkeitstraining wirst Du außerdem imstande sein zu merken, wenn der Kampf-oder-Flucht-Reflex dabei ist, ausgelöst zu werden und dadurch wirst Du besser wählen können, wie Du reagieren möchtest.

Was hat man vom Entspannen?

„Wohlbefinden natürlich", ist die Antwort, wenn Du diejenigen fragst, die eine gute Entspannung erlebt haben, „und Kreativität". Die jetzige Forschung ist jedoch an etwas mehr interessiert. Sie würde gern herausfinden, ob es andauernde und tiefgehende physiologische Wirkungen gibt.

Vor kurzem habe ich eine Datenbank ( Medline) aufgeschlagen, die Artikel beinhaltet, welche in anerkannten Zeitschriften publiziert worden sind. Es gab mehr als 27.000 Artikel über Entspannung, Yoga und Meditation aus den letzten 20 Jahren.

Es fiel mir auf, als ich die Artikel durchging, daß einige Forscher die Meditation als eine unveränderliche Konstante betrachten. Sie können deshalb nicht verstehen, daß ihre Untersuchungen manchmal Resultate ergeben, die nicht miteinander übereinstimmen. Das Resultat hängt nämlich davon ab, welche Meditationstechnik man verwendet.

In einigen Meditationen lernt man, die Sinne zurückzuziehen, in anderen ist man mehr in den Sinnen anwesend. Es gibt Meditationen, in denen man lernt, den Geist in einem Punkt zu sammeln und Meditationen ohne Fokussierung, die auf der Fähigkeit basieren, die Ganzheit in sich und um sich herum zu erleben. Ich möchte dazu ergänzen, daß einige Methoden nur einen leicht entspannten Zustand, während andere sehr deutliche Veränderungen im allgemeinen Zustand hervorbringen. Bestimmte tantrische Meditationen z.B. Innere Stille sind wie ein Entwicklungsverlauf aufgebaut, der eine Reihe dieser Methoden beinhaltet - er umfaßt den Bereich von der äußeren Aufmerksamkeit bis zur tiefen inneren Ruhe mit sich selbst.

Etliche Forscher haben dokumentiert, daß die Entspannungstechniken, manchmal mit anderen Yogatechniken und Meditation ergänzt, als eine Alternative oder als eine Ergänzung zur traditionellen Behandlung von Menschen verwendet werden können, die unter Diabetes, hohem Blutdruck, Streß, Schlafproblemen, chronischen Schmerzen, Rheumatismus, Angst, Krebs, Asthma, Psoriasis, Alkoholismus, Epilepsie u.a. leiden.

Die Immunabwehr wird mit der Entspannung gestärkt

Daß Entspannung die Immunabwehr stärkt, ist wohl für die meisten von uns das Interessanteste. Sie kann deshalb dazu beitragen, daß wir uns vor Krankheiten schützen können, indem wir weniger anfällig für Bakterien- und Vireninfektionen werden. Der Wirkungsgrad hängt natürlich davon ab, ob man die Entspannung regelmäßig verwendet.

Beispiele aus der Forschung

- In Marylebone Health Centre ist es durch Anwendung von Yoga, Meditation und Entspannung gelungen, den Gebrauch von Medikamenten um 40% herabzusetzen 1).

- Ein amerikanischer Jägerpilot, der 6 Jahre lang einen zu hohen Blutdruck gehabt hatte, unterzog sich verschiedenen Behandlungen (Medikamente, Diät, physisches Training) ohne Resultat. Nach einem 6-wöchigen Programm mit Yoga und Entspannung wurde sein Blutdruck normal, und er hat seinen Fliegerstatus vollständig wiedererlangt. Und wie die Forscher hervorheben, hat die Entspannung, im Vergleich zu Medikamenten, auch den Vorteil, daß keine Nebenwirkungen auftreten, etwas, das ja für einen Piloten gefährlich sein kann 2).

Es gibt viele Artikel über den Effekt der Entspannung auf hohen Blutdruck - Yoga hat aber auch eine gute Wirkung auf niedrigen Blutdruck, weil die Übungen den Blutdruck normalisieren:

- „Nach ca. zehn Lektionen sind die Patienten imstande, ihren Streßund ihren hohen Blutdruck zu kontrollieren" 3).

- Aus einer Untersuchung mit HIV-Positiven: „Diese Resultate zeigen, daß Streßkontrolle (mit Entspannung und Meditation), die sowohl die Nebenwirkungen auf das Nervensystem als auch die Angst vermindern, ein passender Bestandteil der Behandlung von HIV sein könnte" 4).

- Von 149 Diabetikern konnten 104 die medikamentöse Behandlung nach 40 Tagen Training mit Yoga und Entspannung vermindern 5).

- 11 Epileptiker, die resistent gegen epileptische Medizin waren (sie hatte keine Wirkung), meditierten 20 Minuten jeden Tag. Nach einem Jahr konnte man einen bedeutenden Rückgang in der Anzahl der epileptischen Anfälle messen, und die Anfälle wurden außerdem kürzer 6).

- Bei 73 Patienten mit einem fortgeschrittenen Krebs, die 20 Mal meditiert hatten, zeigten 10 % einen kräftigen Rückgang im Wachstum des Tumors und weitere 10 % hatten einen weniger bemerkenswerten Rückgang. 50 % erlebten eine klare Verbesserung ihrer Lebensqualität 7).

- 51 Patienten mit chronischen Schmerzen, die in einer traditionellen medizinischen Behandlung nicht besser wurden, nahmen an einem 10-wöchigen Meditations- und Entspannungsprogramm teil. 50 % der Patienten erreichten eine Schmerzabnahme von 50 % oder mehr, und weitere 15 % der Patienten zeigten eine Abnahme von 33 % oder mehr 8).

- 9 Patienten mit Asthma nahmen an einem Internatskurs mit Yoga und Meditation teil. Nach einer Woche waren sie im allgemeinen entspannter und sie konnten leichter atmen, weil die Muskeln, die die Ein- und Ausatmung steuern, entspannter waren 9).

Unsere Erfahrung von unseren längeren Kursen, z.B. dem 3-Monatskurs, zeigt uns, daß mehrere Studenten sich während des Kurses völlig von den Symptomen des Asthma befreit hatten.

Yoga Nidra im Vergleich zu den Entspannungen, die auf Suggestionen bauen

Im Zusammenhang mit einem größeren Forschungsprojekt an der Kölner Universitätsklinik, Anfang der 80er Jahre, wurde eine Gruppe von Lehrern der Skandinavischen Yoga und Meditationsschule während Yoga Nidra untersucht. Ein Forscher, der mit anderen und mehr suggestiven Formen der Entspannung - bei denen man sich z.B . vorstellt, daß man entspannt ist - vertraut war, nahm an dieser Messung teil.

Während Yoga Nidra wird man nicht einmal darum gebeten, sich zu entspannen. Das Wort Entspannung taucht gar nicht in den Instruktionen auf. Man erlebt seinen Körper, dessen verschiedene Teile, seinen Atem, verschiedene Zustände wie Schwere und Leichtigkeit, Wärme und Kälte und verschiedene mentale Bilder und Symbole. Und es ist diese sehr systematische und festgelegte Aktivität, die die Entspannung auslöst.

Die Forscher in Köln fanden, daß Yoga Nidra einen durchgreifenderen Effekt hatte als die obengenannten Entspannungen, die auf Suggestion oder Hypnose bauten. Die Alpha-Wellen deckten das ganze Gehirn, wogegen sie in anderen Entspannungen nur hier und da vorkamen. Die Alpha-Wellen waren außerdem während der ganzen Entspannung konstant, wohingegen sie in anderen Entspannungen kamen und gingen. Die Balance zwischen den EEG's in den beiden Gehirnhälften war besser in Yoga Nidra, d.h. daß die zwei Gehirnhälften besser miteinander kommunizieren. Diese Ergebnisse sind wieder 1997 durch eine neue Untersuchung bekräftigt worden, worüber Du im nächsten Artikel lesen kannst.

1) Holistic GPs cut prescribing costs to 40% of average. Pulse 1989 Nov 25.

2) Treatment of essential hypertension with yoga relaxation therapy in a USAF aviator: a case. Brownstein AH. Dembert ML.

3) In training for relaxation. Hodgkinson L.

4) Effects of a behavioral stressmanagement program on anxiety, mood, selfesteem, and
T-cell count in HIV positive men. Taylor DN.

5) A study of response pattern of non-insulin dependent diabetics to yoga therapy. Jain SC. Uppal A. Bhatnagar SO. Talukdar B.

6) Meditation improves clinicoelectroencephalographic measures in drug-resistant epileptics. Deepak KK. Manchanda SK. Maheshwari MC.

7) What can cancer patients expect from intensive meditation? Meares A.

8) An outpatient program in behavioral medicine for chronic pain patients. Kabat-Zinn J.

9) Study of pulmonary and autonomic functions of asthma patients after yoga training. Khanam AA. Sachdeva U. Guleria R. Deepak KK.

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