Artikel aus Bindu Nr. 9
Tantra und Yoga Nidra
– vom Wissen und den Methoden in Tantra, die hinter den tantrischen Ritualen liegen und die Yoga Nidra so einmalig effektiv machen. Über Nyasa, Chakra, Bewußtsein und den Beschluss in Yoga Nidra.
„Im Augenblick des Einschlafens, wenn der Schlaf noch nicht gekommen ist,
und das Bewußtsein des Äußeren verschwindet, an diesem Punkt wird
Sein erlebt. ”
(Vigyana Bhairava Tantra)
Tantra ist eine zeitlose Tradition mit Methoden zur Bewußtwerdung des Menschen.
Das Wort bedeutet eigentlich zu erweitern – das Bewußtsein, das Wissen vom Leben – und befreien – sich selbst.
Das Wissen, worauf Tantra baut, ist seit der matriarchalischen Periode in der vorhistorischen Zeit, wo die Frau nicht unterdrückt war und die Mythologie auf Fruchtbarkeit und weibliche Kraft gegründet war, verwendet worden. Tantra enthält noch immer Grundzüge aus dieser Zeit. Die religiösen Seiten von Tantra zeigen uns, daß die Frauen in Form von Göttinnen vorherrschen – und in der Ausführung der Rituale ist die Frau dem Mann gleichgestellt.
Meditieren oder Philosophieren
Die ,echten ’ Tantriker verwenden Methoden – sie handeln und erfahren. Sie philosophieren nicht und sind nicht geneigt überhaupt etwas aufzuschreiben. Wenn einige es dennoch tun, so tun Sie es ausschließlich mit der Absicht, andere zu inspirieren selber etwas zu machen, zu meditieren usw., anstatt zu philosophieren.
Es ist somit wichtig zu verstehen, daß Tantra auf Praxis baut und nicht auf Theorie, wo Erfahrungen vergessen werden und dasVerständnis von Fachausdrücken, Mythologien und Weisheit wichtiger wird als die Weisheit selbst.
Nicht jeder versteht, was es heißt, den Weg der Selbstverwirklichung zu gehen. Für den Lehrer gilt es, diejenigen zu unterrichten, die empfänglich sind und wirklich das Gelernte verwenden wollen, aber sein Wissen vor denjenigen zu verbergen, die nur neugierig oder sensationsgierig sind – und was die sexuellen Rituale angeht, nur geil sind und ohne Gespür für die tieferen Perspektiven – und die nur schnell etwas probieren möchten, um dann weiterzueilen zum nächsten. Es geht darum, die Tradition sicherzustellen, sodaß die wirklichen Methoden nicht verloren gehen, nicht falsch verstanden oder verwässert werden.
Geheimschrift in Tantra und anderswo
Vieles, was wir in Tantra finden, ist deshalb geheim. Entweder wurde es nicht aufgeschrieben oder nachdem die Schrift in die Kultur eingeführt worden war, wurde es in einer Kodesprache geschrieben, die in Sanskrit Sandhabhasa genannt wurde.
Diese Geheimssprache oder Umschreibungen konnten wie unschuldige Geschichten aussehen, und waren dennoch nicht immer unschuldig, sie konnten auch einen pornographischen Inhalt haben, um den Leser zu verschrecken oder zu faszinieren. So wurde der Betreffende nicht des verborgenen Inhalts des Textes gewahr. Die wirklichen Praktiken waren, wenn sie überhaupt aufgeschrieben worden waren, in den Ritualen, religiösen und sexuellen Texten versteckt oder hinter Namen und Zahlen, die mit anderen Worten ausgetauscht werden sollten. Sie konnten nur von demjenigen verstanden werden, der schon einen Schritt in die Einweihung getan hatte – aber sogar dann verblieben die Methoden, die in den Schriften beschrieben wurden, Andeutungen im Verhältnis zu der Wegleitung, die man direkt von einem anderen Menschen empfängt, z.B. Anleitungen in fortgeschrittener Meditation.
Dies war nicht nur ein indisches Phänomen, dies gab es u.a. auch im alten Island, wo es Launmál (Geheimsprache) genannt wurde. Es bedeutete, daß hinter einer Geschichte eine andere Geschichte versteckt worden war, eine Einweihung, eine Praxis.
Der Schüler wird geprüft
Der Schüler bekommt verschiedene Aufgaben über eine längere Zeit, um sicherzustellen, daß seine oder ihre Einstellung offen und empfänglich ist. Es gilt zu wissen, ob der Schüler die Intentionen und Handlungen des Lehrers falsch deuten will und ob der Betreffende wirklich mit Angst und alten Vorurteilen über seine eigenen Begrenzungen aufräumen will.
Gleichfalls soll der Schüler stufenweise durch verschiedene leichtere Praktiken vorbereitet werden und vor allem wird seine oder ihre Geduld auf die Probe gestellt. All das kann durch ein tägliches Zusammenleben im Ashram oder zu Hause bei dem Lehrer stattfinden.
Ein deutliches und bekanntes Beispiel ist Milarepas Verhältnis zu seinem Lehrer Marpa. Marpa stellte sich als ein versoffener, ungefälliger und cholerischer Bauer dar. Aber aus dem Resultat des Trainings, das er Milarepa gab, ist zu ersehen, daß er einer der allerbesten Lehrer gewesen ist, der überhaupt je gelebt hat und in jedem Fall der beste für Milarepa – den großen Guru von Tibet. Milarepa mußte, kurz gesagt, durch ein zwanzigjähriges Training gehen, mit Strapazen, die ihn von Zeit zu Zeit völlig erschöpften und mit Enttäuschungen, die ihn dazu brachten, mehrere Male fortzulaufen, weil er nicht an den geheimen Doktrinen, die wahrscheinlich Meditationsmethoden wie Kriya Yoga und Innere Stille (siehe frühere Nummer von Bindu) enthielten, teilnehmen durfte.
Mein Lehrer Paramhansa Satyananda war 12 Jahre bei seinem Lehrer Swami Sivananda in Rishikesh. Er machte hauptsächlich Karma Yoga, der aus vielen unterschiedlichen praktischen Aufgaben in der Verwaltung des Ashrams und seiner Druckerei bestand.
Später bereiste er ganz Indien als wandernder Mönch. In einer der Perioden seiner Wanderjahre bekam er die Möglichkeit, sich zurückzuziehen und u.a. die Methoden, die er durch den täglichen Umgang mit Swami Sivananda gelernt hatte, zu verwenden. Sein Lehrer hatte ihn auch auf die Fährte von Dingen in der Yoga- und Tantratradition gesetzt, die er während seiner Wanderungen finden, hervorbringen und untersuchen konnte – danach war er bereit selber zu unterrichten. Swami Satyananda war ein außergewöhnlicher Lehrer – kein anderer, weder vorher noch nachher, hat dermaßen die tantrischen Praktiken verdeutlicht. Ich schreibe ,war ’, weil er sich als Lehrer zurückgezogen hat.
Theorie oder Praxis
Es ist meine Erfahrung, daß je mehr man z.B. von der Meditation in der Theorie spricht anstatt sie in der Praxis auszuführen, desto weniger glaubt der Geist es nötig zu haben, sie zu verwenden, man ,kennt es ja schon ’. Das Problem ist nur, daß Wissen allein keine Wirkung hat. Der Körper und der Geist haben keine Freude daran, zu ,wissen ’, wenn die Übungen nicht verwendet werden.
Vor einigen Jahren erlebte ich etwas Interessantes während eines einmonatigen Kriya Kurses, den ich abhielt. Hier kommen Schüler, um den großen Kriya Yoga unter Schweigen zu lernen. Sie sind auf früheren Kursen mit verschiedenen Yoga- und Meditationsmethoden und einer gewissen Menge Theorie darauf vorbereitet worden.
Abgesehen von etwas Reden am Anfang des Kurses, hatte ich das Bedürfnis, sie nur meditieren und Yoga machen zu lassen und sie überhaupt nur mit praktischen Dingen zu beschäftigen. Ich hatte also keine Lust, Vorträge in dieser Periode zu halten und es stimmte wohl mit ihrem Schweigen überein – weil sie nichts sagten, schrieben oder lasen. Das Schweigen hilft, die tiefer liegenden Spannungen zu entfernen, unterstützt eine gute Balance im Gehirn und stärkt das Vermögen zu erleben.
Als etwa die Hälfte der Schweigeperiode um war, bekam ich dennoch das Bedürfnis, einige Sachen klar zu machen und ein bißchen in der Theorie zu erläutern, wie man automatische Reaktionen und Gewohnheiten im Nervensystem und Geist loslassen kann. Der Vortrag, den ich am Abend hielt, war sicher anregend für die Schüler und auch für mich.
An dem Morgen nach dem Vortrag hatten die Schüler Unterricht im physischen Yoga mit einem anderen Lehrer. Nach der Klasse erzählte der Lehrer mir, daß sie heute früh weniger wach und konzentriert waren als an den anderen Morgen. Die Schüler haben dagesessen und fast geträumt und es schien als müßten sie sich zusammennehmen, um den Anleitungen zu folgen. Das geschah nur an diesem einen Morgen auf dem Kurs, sonst waren sie ja recht wachsam.
Als die Schweigeperiode vorbei war, fragte ich die Schüler, ob sie sich daran erinnern konnten, wie es ihnen am Morgen nach dem Vortrag ging. Ich bekam schnell eine Erklärung von einem von ihnen, und die anderen waren sich mit ihm einig. Er sagte, daß die interessanten Sachen, die sie am Abend vorher gehört hatten, ihren Kopf in dem Maße füllten, daß der Geist meinte, daß der Körper keine Übungen zu machen brauchte. Das schien nicht nötig, man wußte ja alles im voraus.
Vorstellung oder Erfahrung
Was ist eine Theorie wert, die sich nicht auf eigene Erfahrung gründet. Wenn die Theorie vor der Praxis kommt, wird der Intellekt das Erleben blockieren – mit Erwartungen und einer Anstrengung, die in eine verkehrte Richtung leiten kann. Oder auch mit einem Eingebildetsein, das die nötige Offenheit verhindern kann, eine Anleitung, z.B. für eine Meditation, empfangen und ihr folgen zu können. Dies kann der Sensitivität und dem Vermögen, das zu erleben, was nicht niedergeschrieben werden kann, im Wege stehen.
Das Ganze wird leicht zur Indoktrination. Man glaubt zu wissen, daß es so ist, anstatt es selbst zu erfahren. Meinungen und Vorstellungen werden etwas, was man auswendig lernt und woran man sich klammert, was man glaubt und verteidigt, obgleich sie nicht auf persönlicher Einsicht und Erfahrung aus erster Hand basieren.
Nimm ein Wort wie Meditation. Sie ist in weiten Kreisen zu einer Vorstellung geworden. Der Geist kann sich über Meditation alles mögliche ausdenken und sich das Eigentliche entgehen lassen. „Bitte sehr, aber ich habe ja meine eigene Meditation” und so sitzt man da und träumt ein bißchen. Nie verläßt man die Begrenzungen des Geistes. Ja, man kommt vielleicht sogar darauf, aus solchen Vorstellungen heraus zu unterrichten. Es gibt die, die sagen, daß sie Antwort auf alles mögliche in ihren Meditationen bekommen. Das ist sicher richtig, aber ach, sie lassen den Geist nie in Ruhe.
Mit dem Wort Entspannung ist es dasselbe, es wird heute für alles mögliche von Hypnose bis zur Musik verwendet. Es gibt sogar gute Musiker, die ihre Musik Meditation nennen. Es ist zu hoffen, daß ihr Publikum die Musik genießen kann, ohne sich von solch einer Behauptung begrenzen zu lassen.
In den 70er Jahren habe ich das Problem mit diesen Bezeichnungen eingesehen – ich sollte eine Kassette mit Yoga Nidra herausgeben. Ich wollte verdeutlichen, worum es ging und nannte sie ,Tiefenentspannung ’. Es vergingen nicht viele Monate und der Begriff wurde für alle möglichen und unmöglichen Entspannungen verwendet.
Heute wird der Name Yoga Nidra leider auch für Entspannungen gebraucht, die nichts mit der effektiven Technik zu tun haben, die der tantrischen Tradition entspringt und die wir in dieser Ausgabe von Bindu behandeln.
Außer dem was man von anderen aufgeschwatzt bekommen kann, können auch die Vorstellungen, die sich die Menschen selbst über Meditation bilden, ihnen wirklich in die Quere kommen, bei dem Versuch, den entspannten oder meditativen Zustand zu erreichen, wenn sie nämlich glauben, daß zuerst der Geist kontrolliert werden soll. Der Geist hört nicht auf tätig zu sein, also warum mit ihm kämpfen und frustriert werden?
Lerne ihn zu umgehen, indem Du eine Methode verwendest, die den Geist von selbst zur Ruhe kommen läßt.
Was hat man von einer Meditation, die keine bemerkbare Energie und Lebenslust im Alltäglichen gibt; und von einer Entspannung, wenn nicht Klarheit, Überblick und Ruhe daraus folgen?
Meditation ist eine Pause von allen Eindrücken, ein Mittel den Geist zu entleeren. Aber darüber hinaus ist Meditation auch eine Suche nach der eigentlichen Identität, dem eigenen Mittelpunkt, und hier werden Methoden erfordert, die gewährleisten, daß man nicht sich selbst betrügt, sondern wirklich sein Innerstes erreicht.
Das Ritual in der Meditation bewirkt, daß man die Begrenzung des Geistes vermeidet
Klassische Meditation von Tantra und Zen zeigt diese Alternative. Die tantrische Meditation ist u.a. im Ritual enthalten. Das tantrische Ritual besteht aus Methoden, die die ganze Zeit den Geist fesseln und so können die Gedanken machen, was sie wollen und im Hintergrund vorbeitreiben. Es gibt keinen Grund, sie zu bekämpfen, man hat anderes zu tun. Und sollte man für einen Augenblick von einem Gedanken hingerissen werden, so braucht man es ja nur einzusehen, sich daran zu erinnern, womit man beschäftigt war und zur Praxis zurückzukehren.
Kriya Yoga ist ein Beispiel dafür. Mit Methoden, die die Energieströme im Körper öffnen und reinigen, wird das Energieniveau gehoben und eine Vertiefung geschaffen, die unabhängig von Anstrengungen, Erwartungen und Ideen des Geistes ist.
In Yoga Nidra versucht man nicht zu entspannen, man beschäftigt den Geist mit den Methoden, die angegeben sind und die Entspannung wird ausgelöst, sie kommt von selbst.
Wie lange kann man sich z.B. auf seinen Daumen konzentrieren? Eine Sekunde? Zwei? Der Geist will weiter zu etwas anderem. Deswegen kommt man der Rastlosigkeit des Geistes entgegen und zieht das Bewußtsein zum Zeigefinger, usw.
Man hält den Geist beschäftigt auf eine Weise, daß er keine Zeit zu etwas anderem hat, so kann er nicht an den Spannungen festhalten.
Der Zweck des sexuellen Rituals
„Während Du liebkost wirst, süße Prinzessin,gehe ein in die Zärtlichkeiten als in ewig währendes Leben.”
(Zitate: Vigyana Bhairava Tantra)
Die berühmten oder berüchtigten sexuellen Rituale (von denen ich eine Variation in meinem Buch Yoga, Tantra und Meditation im Alltag beschrieben habe) sind ein gutes Beispiel dafür, daß die tantrischen Rituale und Praktiken einen anderen Zweck haben, als die Menschen normalerweise glauben.
Man meint vielleicht, daß das Ritual eine ausgezeichnete Therapie für Menschen mit sexuellen Problemen ist oder daß es hilft, eine größere sexuelle Freiheit zu schaffen, daß es den sexuellen Genuß stärkt. Ja, sicher kann es das – aber der Zweck ist ein anderer.
„Beim Beginn der sexuellen Vereinigung, sei achtsam auf das Feuer am Anfang, bleibe dabei und vermeide die glühende Asche am Ende.”
Es geht darum, den Geist festzuhalten, und hier ist der Geschlechtstrieb gut geeignet und stark.
„Wenn mitten in der Umarmung deine Sinne wie Laub geschüttelt werden, werde eins mit diesem Schütteln.”
Wenn Du durch all die verschiedenen Praktiken – außer Baden, Mahlzeit usw. – die sonst zum Ritual gehören, vorbereitet bist, dann wird das gewünschte Resultat unvermeidlich sein.
„Sogar durch die Erinnerung an die Vereinigung,
ohne Umarmung,
wirst Du transformiert.”
Der Zweck ist, das Bewußtsein zu erweitern und die Energie zu stärken.
Ungestörtes Erleben
„Für den Sinn des Lebens
sorgt das Leben
genau so lange
bis wir fragen ”
(Kurzgedicht von Piet Hein)
Der Geist kann sich was auch immer vorstellen, sowohl zu viel als zu wenig, und er liebt es, mit Gegen-argumenten zu kommen, er liebt es zu diskutieren. Du kannst alles mögliche beweisen, aber Du kannst dasselbe ebensogut widerlegen.
Wenn Du wagst, direkt zu empfangen – wenn Du weder sensationelle ,Erlebnisse ’ erwartest noch auf einer Antwort auf alles bestehst – so kannst Du in die Transformation eintreten. Die Methoden sind geheim, bis man bereit ist, sie zu verwenden. Man lernt Kriya Yoga unter Schweigen.
Daß man die Methoden den Uneingeweihten nicht geben will, hat Tantra mit den Druiden der Kelten (für die es ein direktes Verbot war, über das was sie lernten, etwas aufzuschreiben), mit den ägyptischen Eingeweihten und teils mit der Urbevölkerung ( Aboriginies), die in der Wüste im zentralen Australien lebt, gemeinsam. Im Gegensatz zu der Elite der Kelten und Ägypter, war und ist Tantra äußerst volkstümlich.
Tantras Schätze sind nicht nur einer gelehrten Gesellschaftsklasse vorbehalten, sie sind zugleich eine lebende Tradition in den Dörfern, wo Wissen und Erfahrung von Mensch zu Mensch durch Generationen weitergegeben wird.
Eine zeitlose und lebende Tradition
Jeder, der sich als geeignet und empfänglich zeigt, kann an dem tantrischen Wissen teilhaben. Ein Wissen, das so umfangreich ist, daß man die tantrischen Methoden mit der heutigen Wissenschaft vergleichen kann. Tantra enthält, außer den Methoden zur Erweiterung, Erhöhung und Befreiung des menschlichen Bewußtseins, auch Mathematik, Astronomie, Heilmethoden und Kunst höchster Qualität. Man kann sagen, daß die Tantratradition alle erdenkbaren Mittel enthält, um dem Menschen durch das Leben zu helfen – und sich selbst zu meistern.
Heute ist es leider in Mode gekommen, Tantra eingeschränkt auf die sexuellen Rituale zu betrachten. Sie sind natürlich Teil der Tradition, wie es auch Menschen gibt, die Freude daran haben – aber sie sind nur ein Teil der reichen tantrischen Tradition.
Nyasa
Hier werden wir uns mit einer Gruppe von Methoden und Praktiken beschäftigen, die in den tantrischen Ritualen verwendet werden und somit auch im sexuellen, aber nicht nur da. Sie kommen auch in der Entspannung, wie wir es modern nennen, und in der Meditation vor. Ihr Zweck ist, den Körper- und Bewußtseinszustand so zu verändern, daß er gegenwärtig, erlebend und empfindlich gegenüber dem wird, was weiter in Ritual oder Meditation geschieht.
Diese Methoden werden unter einem Namen zusammengefaßt: Nyasa.
Bedeutung des Wortes Nyasa nach dem Oxford Sanskrit English Dictionary ist:
„anzubringen, auf etwas oder hinein in etwas zu setzen, zu verwenden, zu berühren, u.a.”
Was man berührt sind zunächst die unterschiedlichen Teile des Körpers – was man anbringt ist z.B. ein Mantra an den betreffenden Stellen.
Es verdient Beachtung, daß Nyasa ferner als (tantrische) Praxis in dem genannten Wörterbuch so definiert wird:
„Mentale Zueignung oder Erteilung der unterschiedlichen Teile des Körpers an Schutzgeister (oder Gottheiten).”
Diese Definition ist, soweit ich sehen kann, korrekt genug, aber da sie allein steht, ist sie zu eingegrenzt. Man könnte genauso gut behaupten, daß die ganze heutige Wissenschaft Religion ist, weil Theologie weiterhin unter die Wissenschaften gezählt wird.
Es hängt scheinbar davon ab, wer sein ,Wissen ’ den Lexika liefert. Dafür sind die unterschiedlichen und von Zeit zu Zeit äußerst merkwürdigen oder einschränkenden Definitionen von Yoga und Tantra ein deutliches Beispiel.
Ich meine, daß der Zweck, Nyasa im tantrischen Yoga zu verwenden, Bewußtmachung ist; was man – hoffe ich – an den Texten dieser Zeitschrift sehen kann. Dies in Erinnerung möchte ich noch Agehanda Bharatis Definition zitieren:
„Wörtlich bedeutet Nyasa das Verfahren, in dem durch Berührung ein Teil des Körpers oder ein Organ des lebenden Körpers eines anderen mit einer besonderen Kraft vitalisiert wird.”
Und er fährt fort:
„Zum Beispiel, beim Anbringen des Feuermudra [einer Weise, bei der Berührung die Finger zu halten] ans Herzgebiet und das Feuermantra ,RAM’ aussprechend, wird das Herz des Adepten in kosmisches Feuer verwandelt...”
„ Der kleine Mensch ” (motor homunculus) zeigt, mit welchem Teil im Gehirn die verschiedenen Körperteile verbunden sind, dem gezeigten Band entlang über die Hirnrinde.
Nyasa kann also daraus bestehen, die unterschiedlichen Teile des Körpers mit der Hand zu ,berühren ’. Man kann es selbst machen oder es wird vom Partner oder Lehrer gemacht. Man kann es auch mental machen, sodaß man an die betreffenden Stellen denkt und ihren Namen nennt – das geschieht z. B. durch die Anleitung des Lehrers in Yoga Nidra.
Nyasa bedeutet auch, ein Mantra (Laute, Silben oder Zusammensetzungen daraus, ein Merkvers) auf verschiedene Körperteile ,anzubringen ’. Dies wird mental gemacht oder indem man das Mantra laut ausspricht.
Die Buchstaben des Sanskritalphabets, wie auch die Runen zu ihrer Zeit im Norden, dienen nicht nur zur Bildung der Worte. Der Laut eines jeden Buchstaben besitzt eine ihm innewohnende Kraft, eine Vibration, und dies bildet die Grundlage für die Mantra-Wissenschaft. In einer Form von Nyasa werden die Buchstaben des Sanskritalphabets über den ganzen Körper verteilt, dies wird Matrika Nyasa genannt:
„Matrika ist die Quelle aller Mantra, der Ursprung aller Wissenschaften und der Boden, aus dem alle Prinzipien, alle Weisheiten und alles Wissen geboren worden sind.” (Laksmi Tantra)
Man kann diese Sachen kombinieren. Während man den eigenen Körper oder den eines Partners berührt, spricht man das Mantra der betreffenden Stellen aus.
Matrika Nyasa ist eine andere Form von Nyasa als das, welches man in Yoga Nidra verwendet. Aber wenn Du das tiefe Yoga Nidra erlebt hast, wirst Du Ähnlichkeiten zwischen einem der großen Abschnitte in Yoga Nidra und Matrika Nyasa sehen können.
Die Elemente Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther (Raum) spielen auch eine Rolle in Nyasa. Der Körper wird in fünf Bereiche aufgeteilt, jeder mit seinem Element.
Und wie gesagt, so können der Körper und seine verschiedenen Teile einem oder mehreren Schutzgeistern, ja, sogar Planeten oder heiligen Stätten gewidmet werden. Den Namen des Geistes oder Gottes, des Planeten, der Stätte oder der Elemente gibt es so im Vers des Mantra, das man aufsagt oder mental wiederholt.
Nyasa wird natürlich verwendet, weil es eine Wirkung auf Körper und Geist hat, und nicht als ein leeres Ritual. Nyasa ist mit Shiatsu und Akupunktur verwandt und vielleicht einmal deren Vorgänger gewesen . Aber wenn die zwei anderen Methoden den Ausgangspunkt im physischen Körper und seinen Energiepunkten haben und hauptsächlich zur Heilung verwendet werden, so umfaßt Nyasa mehr als das, indem es auch Methoden zur ,Berührung ’ und Erweckung vieler Dimensionen des Geistes, u. a. durch die psychischen Chakra, beinhaltet.
Das lange und tiefe Yoga Nidra baut auf einfachen und vielleicht gerade deshalb sehr wirksamen Variationen von Nyasa, vom Anfang bis zum Schluß auf.
Die Dimensionen
Wenn Du einmal still auf dem Rücken gelegen und den Instruktionen des tiefen Yoga Nidra gefolgt hast, weißt Du wie man durch alle Körperteile wandert; Schwere und Leichtigkeit, Wärme und Kälte, Schmerz und Freude erlebt. Wie man auf verschiedene Weise mit den Chakra Kontakt aufnimmt und bestimmte Symbole, Landschaften, Bilder, u.a. erlebt.
Ein Mensch besteht aus mehreren Dimensionen. Im Alltag sind wir mit Körper, Atmung, Gedanken, Gefühlen, Stimmungen, mit Wachzustand, Traum und Schlaf vertraut. Aber es gibt andere Dimensionen und Zustände wie Meditation, Shaman-Zustand, Hypnose, Berauschung...
Von verschiedenen Voraussetzungen her werden verschiedene Dimensionen des Menschen beschrieben. Jung und Freud haben Begriffe wie das Bewußte, das Unterbewußte, das Unbewußte und Libido eingeführt.
In der europäischen okkultischen oder mystischen Tradition gibt es Begriffe, die zum Teil mit denen anderer Kulturen übereinstimmen: der physische Körper, Körperflüssigkeiten (wie in Ajur Veda), Vitalenergie, der astrale Körper und der kausale Körper. Gleichfalls gibt es auch in Europa einen Begriff wie Glückseligkeit (intensive und unabhängige Freude).
In den indischen Schriften Upanisaden finden wir folgende Beschreibung über die Dimensionen des Menschen:
Die fünf Hüllen
(von Paingala Upanishad)
„Die fünf Hüllen sind geschaffen worden
aus Nahrung,Lebensenergie, Geist, Einsicht und Glückseligkeit.Das was erzeugt und geboren wird
alleine mit Nahrungskraft, das was wächst
alleine mit Nahrung, das was Ruhe findet
in der Erde voll von Nahrung,
das ist die Hülle, die aus Nahrung gemacht ist
(Anna-Maya-Kosha).
Das alleine ist der grobe, der physische Körper.Die fünf Lebensenergien, zusammen mit
den Gliedern und Organen die wir brauchen um zu handeln,
macht die Hülle, die aus dem Lebensprinzip geschaffen worden ist
(Prana-Maya-Kosha).Der Geist, zusammen mit den Sinnesorganen,
ist die Hülle, die aus dem Geist selbst geschaffen worden ist.
(Mano-Maya-Kosha).Einsicht, zusammen mit den Sinnesorganen
ist die Hülle, die aus Intelligenz geschaffen worden ist
(Vijnana-Maya-Kosha).Diese drei Hüllen aus Lebensenergie, Geist
und Intelligenz machen den feineren Körper aus.Das Erlebnis der eigenen Form ist die Hülle,
die aus Glückseligkeit geschaffen worden ist
(Ananda-Maya-Kosha).
Das ist auch der kausale Körper. ”
Der Zweck von Nyasa ist, die verschiedenen Ebenen zu berühren und zu erleben, Bewußtheit zu erwecken, dort wo es normalerweise als Folge von Spannungen schlummert und es kann sich in so gewöhnlichen Stellen befinden wie in Organen und Muskeln. Dadurch werden Spannungen losgelassen, aber das ist nur ein Schritt auf dem Wege. Der Zweck ist, zu erleben, daß man nicht an eine bestimmte Bewußtseinsebene gebunden ist, sondern daß man in voller Bewußtheit alle enthalten kann – und das führt zu der Einsicht, daß die eigentliche Identität, die erlebende Bewußtheit, hinter dem Ganzen ist.
Dies ist mehr als eine Idee, es ist ein Erlebnis, eine Erfahrung.
Das Tibetische Totenbuch führt es sogar über das Leben hinaus in den Tod hinein, wo man auf die Einsicht vorbereitet wird, daß man auch nicht die faszinierenden oder erschreckenden Ebenen ist, die man nach dem Tod trifft, sondern daß auch sie nur Erlebnisse sind, an denen man nicht auf seinem Weg hängen zu bleiben braucht.
Um die Verwendung von Nyasa noch in einer anderen Perspektive zu sehen, laß uns den Begriff des Chakra benutzen.
Muladhara Chakra. In diesem Artikel werden die verschiedenen größeren Chakra nicht vollständig besprochen. Muladhara Chakra, das fundamentale Wurzelchakra, ist nur ein Beispiel. Dies befindet sich über dem Damm, zwischen Geschlechtsorganen und Mastdarm.
Chakra, die psychischen Zentren
Das Wort Chakra ist in unserem ,New Age ’ (man wagt kaum, diesen Begriff als das Neue Zeitalter zu übersetzen) aus seinem ursprünglichen Zusammenhang herausgerissen und entwertet worden. Seine Bedeutung ist eingeschränkt worden auf etwas körperliches und zur Not etwas mentales, aber ohne die Perspektiven und Möglichkeiten, die es in der Tantratradition gibt, aus der der Begriff genommen worden ist. Ein Chakra zu erwecken und es bewußt zu verwenden ist etwas ganz anderes als das, womit verschiedene Leute heute Geld verdienen, wie Chakracreme, Chakramassage, Chakramaschinen und was es sonst noch gibt. Die physische Empfindsamkeit und die Aussicht zu einer tieferen Erfahrung wird im Materialismus und engen Vorstellungen ertränkt. Man spielt mit den Erwartungen und Vorstellungen der Menschen und man bekommt selbst keine Erfahrung.
Über
Chakra habe ich früher in Bindu Nr. 2 in der Artikelserie über Kriya Yoga geschrieben und in einem Abschnitt in meinem Buch:
Yoga, Tantra und Meditation im Alltag. Weiterhin habe ich ein wenig darüber in dem Anleitungsheft zur CD Erlebe Yoga Nidra geschrieben.
Energiewirbel und Energieströme
Der feinere Körper oder Energiekörper besteht aus vielen kleinen Energiewirbeln oder Bewußtseinspunkten. Diese werden Chakra genannt und sind gleichmäßig über den ganzen Körper verteilt. Zwischen ihnen fließt Prana, die psychische Energie, in sogenannten Nadis. Diese kleinen Chakra werden in Yoga Nidra berührt.
(vergleiche mit Sei- oder Genpunkten und Ki- oder Chi-Energie und Meridianen in der chinesischen Medizin; sieh auch Bindu Nr. 2, Yoga und die feinere Energie ).
Am Anfang der Entspannung bewegst Du dich in Gedanken durch den Körper mit einem Tempo, daß Du Zeit hast, gerade noch die genannten Stellen zu berühren, aber nicht genug um an etwas anderes zu denken. Beim Denken an diese kleinen Chakra wird der ganze Körper schrittweise bewußtgemacht – und damit auch die entsprechenden Bereiche in der Gehirnrinde (sieh Illustration oben: „ Der kleine Mensch”).
An sich ist der ganze Körper ein großes Chakra – ein Bewußtseinspunkt, ein Energiewirbel.
Die großen Chakra
Die großen Chakra haben viele Dimensionen. Auf der physischen Ebene sind sie zentrale Bereiche im Körper in Verbindung mit dem Nervensystem und den Nadis. Sie sind – ganz unten im Körper über dem Damm: Muladhara – in der Wirbelsäule: Swadhistana, Manipura, Anahata, Vishuddhi – im Kopf: Lalana – und im Gehirn Ajna, Bindu und Sahasrara Chakra. Es gibt noch einige mehr, aber diese sind die von uns am häufigsten verwendeten.
Verschiedene Dimensionen eines Chakras
Ein Chakra umfaßt nicht nur den Körper, sondern alle Dimensionen des Menschen.
Man kann ein Chakra als ein mikrokosmisches Bild vom Menschen betrachten, wie der Mensch vielleicht auch mikrokosmisch im Verhältnis zum Universum ist. Es ist jedenfalls, was die Hopi (im nördlichen Arizona) sagen:
„Der lebendige Körper des Menschen und der lebendige Körper der Erde waren auf gleiche Weise gebaut. Durch beide verlief eine Achse, beim Menschen das Rückrat, die Wirbelsäule, die das Gleichgewicht in allen seinen Bewegungen und Funktionen steuerte. Entlang dieser Achse befanden sich verschiedene Vibrationszentren, die den ursprünglichen Ton des Lebens überall im Universum wiedergaben oder warnten, wenn etwas nicht so war, wie es sein sollte.” (Book of the Hopi, F. Waters)
Erwecken
Zuerst wird der Körper durch Yoga in Harmonie gebracht. Dann werden in den Energieströmen Blockierungen durch Atemübungen und Entspannung entfernt. Yoga schafft eine solide und dauerhafte Balance im ganzen Organismus und in den Bereichen des einzelnen Chakras.
Danach, durch Yoga Nidra, Kriya Yoga und andere tantrischen Meditationen, wird das Bewußtsein weiterhin in diese Zentren gebracht. Jetzt beginnt die Reinigung alter Bindungen, Gewohnheitsmuster und Hemmungen ( Vritti) in den eigenen Handlungen und Vorstellungen.
So sind die Chakra bereit, erweckt zu werden, ohne daß man deshalb von dem mitgerissen wird, was sich durch die Zeiten an tiefliegenden Neigungen und Handlungsmustern ( Samskara) angehäuft hat.
Während des Erweckens, das am Anfang kommt und geht bis es ganz stabil wird, setzt sich die Begegnung mit dem Inhalt der verschiedenen Ebenen des Bewußtseins fort.
„Das Schicksal eines Menschen wird von seiner unbewußten Ausstrahlung bestimmt,”
hat der dänische Schriftsteller Poul Martin Møller es einmal ausgedrückt.
Das Verhältnis zwischen Körper, Gefühlen und Vitalenergie (prana) wird durch die großen Chakra beeinflußt. Wenn sie erweckt werden, erreichst Du Einsicht in verschiedene Schichten Deines Wesens und in Deine normalerweise unbewußten Reaktionen. Du erkennst, wie Deine Zustände den Ausgang Deiner Handlungen beeinflussen.
Zum Schluß können die Chakra voll geöffnet werden – die interpretierenden oder hemmenden Filter für die Strahlen oder Vibrationen der kosmischen Energie sind fort.
Wenn wir nichts mehr zurückhalten, sondern alle Chakra frei mit der Energie, die unbehindert durch die Chakra wie auch durch das Universum fließt, kommunizieren lassen, dann gehen wir in eine größere Einheit als wahre kosmische Wesen ein.
Der Regenboge n Dharm a von Tan Swie Hian:
„In der Wüste sagte der Reisende zum großen weißen Licht
,Ich kann nicht in Dich hineinsehen.‛
Das Licht verwandelte sich unmittelbar in acht Regenbogen. ”
Oder sind obengenannte Phänomene nur eine andere Weise um zu beschreiben, daß die verschiedenen Bereiche im Gehirn als Resultat der Meditation besser miteinander kommunizieren? Das tun sie ja, wenn man die wissenschaftlichen Messungen anschaut und die Erfahrungen der Menschen hört. Es wird ein besserer Kontakt mit den Gefühlen und zwischen Körper und Geist erreicht. (Mehr darüber in der nächsten Nummer).
Instrumente des Bewußtwerdens
Daß man durch Nyasa die verschiedenen Bereiche in Körper und Geist bewußtmacht und sie mit Mantra (Laute) , Yantra (Kraftdiagramme) und Symbolen verbindet, hat viel gemeinsam mit der Weise, in der ein Chakra bewußtgemacht oder erweckt wird.
Die einzelnen Chakra können in Nyasa auf verschiedene Weise berührt werden. Viele von ihnen verwendet man in Yoga Nidra. Hier sind einige von ihnen:
- Durch Kontaktbereiche des Körpers (z.B. in den klassischen Yogastellungen) in dem man sie fühlt;
- durch Töne und feinere innere Laute – das geschieht durch Chakra Vajrohan, wo man Töne in die einzelnen Chakra singt, sowie durch inneren Nada Yoga, Yoga des Tones (siehe vorige Nummer von Bindu) und bis zu einem gewissen Grad durch eine besondere Art indischer Musik;
- mental durch den Geist, was mehrere Dimensionen hat, indem man die Chakra beim Namen nennt, indem man ihr Kernmantra dort anbringt; und durch Symbole;
- durch die fünf Elemente, ihre Symbole und Diagramme;
- durch Tiersymbole (möglicherweise eine Verbindung zurück zum Schamanismus);
- durch Energie, wobei auch Atemübungen eine wichtige Rolle in der Reinigung der Energiebahnen ( Nadi) spielen. In Nyasa werden die Frequenzen verschiedener Energiebahnen kontaktiert, indem man an die ,Lotusblätter ’ der Chakra Buchstaben oder Mantra ,anbringt ’. Diese Blätter stehen für die Energiebahnen, die mit den einzelnen Chakra verknüpft sind;
- durch ,Schlüssel ’ in Form von Diagrammen und Symbolen, die den Kontakt mit tieferen Dimensionen der Chakra herstellen;
- durch Mandala (oder Gottheiten), als Sitz (oder Vertreter) der kosmischen Energie, die durch das Chakra fließt und es offen und rein hält;
- und durch das Bewußtsein selbst.
Woher kommt dieses Wissen von den Instrumenten und Symbolen, könnte man fragen. Wir wissen, daß solche Dinge in unseren Träumen auftreten, und deshalb könnte man antworten, daß sie vielleicht von dieser anderen Wirklichkeit kommen, der inneren. Ja, aber sie kommen auch von den Erfahrungen der Yogis. Beschreibungen dieser Schlüssel sind zunächst nur Skizzen, bis sie später von unseren eigenen Erfahrungen bekräftigt oder abgelöst werden.
Dieser Abschnitt handelte von Berührung (Nyasa) und ein bißchen vom Erwecken aber das ist noch längst nicht die ganze Geschichte.
Nachdem ein Chakra durch Yogamethoden und Anleitung gereinigt und erweckt worden ist, wird es Teil des bewußten Lebens. Durch Erwecken entstehen Fähigkeiten und eine größere Empfindsamkeit, eine Art von Sinnesorgan in Bereichen über das rein Physische hinaus (siehe auch Bindu Nr. 2, den Artikel über das Kriya Yoga).
Darüber hinaus können einige sehen, ob ein Chakra aktiv bei einem anderen Menschen ist. Meine erste Erfahrung davon war, daß ich einen spiralförmigen Kegel aus bläulichgrauer Energie sah, der bei einem dänischen Yogalehrer, den ich in meiner Jugend kannte, aus dem Zentrum zwischen den Augenbrauen herausragte.
Chakras im Yoga Nidra
Nach meinem Lehrer Paramhansa Satyananda beginnt Yoga Nidra erst richtig mit dem Erlebnis dieser Chakra.
Chakra kennt man auch in anderen Kulturen, wie wir bei den Hopi Indianern in den USA gesehen haben, aber auch bei den Alchimisten in Europa und der Inuit in Grönland und in Kanada, um nur einige der klareren Beispiele zu nennen.
Im tiefen Yoga Nidra verwenden wir acht von den größeren Chakra, die uns in Kontakt mit den verschiedenen Bewußtseinsebenen bringen.
Auf meiner kürzlich herausgegebenen CD „Erlebe Yoga Nidra” (früher Tonband) benutze ich die verschiedenen Mantren (bestimmte Klangsilben), die zu den einzelnen Chakra gehören. Ebenfalls gebrauche ich visuelle Symbole in Übereinstimmung mit den Traditionen in Indien und in Europa.
Als ich die Produktion von „Erlebe Yoga Nidra”, während ich in den USA unterrichtete, begann, wurde der indische Musiker Roop Verma inspiriert - als erster in unserer Zeit – die uralten Musiksymbole der Chakra einzuspielen. Diese spezielle Musik ist mit meinem Text und meiner Anleitung während des tiefen Yoga Nidra vereinigt worden.
Chakra wird oft in Verbindung mit Kundalini Yoga gebracht, d.h. eine Reihe von Methoden und Meditationen, die verwendet werden, um die psychische Energie zu harmonisieren und zu erwecken. (Kundalini Yoga, als Bezeichnung oder Namen, ist inzwischen auch von einer modernen Bewegung als ihr Warenzeichen verwendet worden – sie unterrichten dennoch den ursprunglichen Yoga.)
Kriya Yoga z.B. ist wohl die tiefgehendste und effektivste Form von Kundalini Yoga. Es kann auf verblüffende Weise das Energiefeld des Körpers stärken, Depressionen beseitigen, Kreativität erhöhen und ein Wissen aus erster Hand von den echten mystischen oder geistigen Seiten des Lebens eröffnen.
Die Chakra sind mit bestimmten Bereichen des Gehirns verbunden. Wenn sie während Yoga Nidra entspannt und harmonisiert werden, beginnt die Befreiung von unerwünschten Zuständen, von Verwirrung und fehlender Konzentration. Menschen, die ihre Chakra durch Yoga und Meditation erwecken, eröffnen ein bisher unerhörtes Vermögen zur Kommunikation, Einsicht und Kreativität.
Bewußtsein
Bewußtwerden durch Nyasa befreit von Spannungen und Trägheit und auf diese Weise heilt sie Krankheiten, aber vor allem bringt sie den Menschen in Kontakt mit allen Teilen seines Wesens.
Die Anleitung in Yoga Nidra, durch verschiedene Bereiche in Körper und Geist zu gehen, macht nicht nur den Körper bewußt, entspannter und wacher, sie trainiert auch die Fähigkeit, die verschiedenen Bereiche des Gehirns zu verwenden, sowohl die, die in Verbindung mit den verschiedenen Teilen des Körpers stehen als auch die, die in Verbindung mit den Chakra stehen.
Von der Untersuchung, die im Rigshospital Kopenhagen (staatliche Universitätsklinik) im Frühjahr 1997 gemacht wurde – sie wird in einem anderen Artikel in dieser Zeitschrift besprochen – geht hervor, wie bestimmte Bereiche des Gehirns aktiviert werden im Verhältnis dazu, mit welchem Abschnitt des Yoga Nidra das Bewußtsein sich beschäftigt (die Teile des Yoga Nidra, die die Chakra enthalten, wurden dennoch nicht in der betreffenden Untersuchung gemessen).
Entspannung oder Reinigung
Ich habe Glück gehabt, daß ich ein Yoga Nidra gelernt habe, das genau mit Nyasa, wie es in Tantra verwendet wird, übereinstimmt. Allein das Lesen oder Studieren der tantrischen Schriften sagt wenig oder nichts darüber, wie man Nyasa verwenden kann, wie z.B. in Yoga Nidra.
In einer Schrift mit Anleitungen für Rituale und sexuelle Praktiken, Laksmi Tantra schließt Nyasa einen Verlauf ab, der Atemübungen und Reinigung der fünf Elemente enthält. Diese Praktiken werden Bhutasuddhi genannt, Reinigung des Körpers. Nyasa schlägt hier eine Brücke zwischen äußerer und innerer Reinigung.
Heißt das, daß man Körper und Geist reinigt, indem man ein Mantra auf einen bestimmten Körperteil ,setzt ’ oder nur daran denkt? Ja, und noch weiter, indem man mit einem Mudra (Fingerstellung), oder mental, einen Körperteil berührt und ihn damit erlebt, wird er erweckt und bewußtgemacht.
Micheline Flak unterrichtet Yoga in Frankreich. Sie leitet außerdem R.Y.E. (Forschung über die Verwendung von Yoga bei Kindern in der Schule), was in Bindu Nr. 4 besprochen worden ist. Sie hat ein Experiment während Yoga Nidra gemacht, zuerst mit einer Gruppe von Yogalehrern auf einem Seminar und dann in ihrem gewöhnlichen Unterricht.
In Yoga Nidra geht man u.a. durch alle Teile des Körpers, indem man an sie denkt oder sie spürt, wenn sie in der Anleitung genannt werden. Man beginnt mit dem Daumen der rechten Hand, dem Zeigefinger usw. Auf diese Weise wird zuerst die rechte Seite des Körpers und danach die linke Seite erlebt. Das wird am Anfang von Yoga Nidra und normalerweise ohne Unterbrechungen gemacht.
„Nachdem ich sie durch die rechte Seite des Körpers geleitet hatte, indem sie mental verschiedene Teile des Körpers in der festgelegten Reihenfolge gespürt oder berührt hatten, hörte ich auf und bat sie darauf zu achten, ob es einen Unterschied zwischen der rechten und linken Seite des Körpers gab.
Nachher, als wir es diskutierten, waren die Studenten über den Unterschied, erreicht durch eine solch einfache Übung, verblüfft.” (Micheline Flak)
Die Studenten beschrieben, daß sie den Teil des Körpers, den sie gerade mental berührt hatten, als lebendig, leicht und behaglich fühlten. Der andere dagegen, den sie noch nicht durchgegangen waren, befand sich noch immer in dem normalen, ein wenig schweren und müden Zustand.
Von meinem eigenen Unterricht bekam ich folgenden Bericht von einer Schülerin, die jetzt Yogalehrerin ist:
„ Vor vielen Jahren nahm ich an einem Dreimonatskurs teil. Wir hatten uns bequem auf den Boden gelegt und freuten uns wie gewöhnlich über Yoga Nidra, das von Swami Janakananda geleitet wurde. Und was für ein Yoga Nidra! Aus irgendwelchem Grund ging er die rechte Seite des Körpers zwei Male durch - und übersprang die linke Seite.
Das Ergebnis blieb ja auch nicht aus! Ich – und die anderen in der Klasse – erlebten, was es heißt, schief zu sein, im buchstäblichen Sinne des Wortes. Das war ein seltsames Gefühl, ,voll sprühender Lebendigkeit’ in der rechten Seite zu sein, wogegen es schwer war, Kontakt mit der linken zu bekommen. Es ging dann wieder vorüber, aber ich wurde daran erinnert, wie stark Yoga Nidra in der Tat wirkt.” (Shanti)
In der heutigen westlichen Kultur wird das Wort Entspannung für alles Mögliche verwendet. Ein Wort oder Begriff wie Entspannung ist nicht üblich auf Sanskrit in Indien in Verbindung mit Yoga und Tantra. Dieser Bereich wird mehr nuanciert erlebt, und wird von mehreren Wörtern abgedeckt, u.a. dem Wort Reinigung (Suddhi). Aber die Resultate der Methoden, die in diesem Begriff enthalten sind, sind dieselben, die wir unter Entspannung verstehen. Entspannung heißt, Spannungen zu entfernen, Körper und Geist werden von Spannungen gereinigt.
Daß Körper und Geist eigentlich eine Einheit bilden, ist heute allgemein bekannt. Es wird mit dem Begriff psychosomatisch ausgedrückt. Spannungen im Geist verursachen Spannungen im Körper und umgekehrt. Entfernt man eine Spannung im Geist, entfernt man sie im Körper. In Nyasa und damit Yoga Nidra geschieht dies, ohne daß man versucht, sich zu entspannen. Man erlebt den Körper bewußt und das allein läßt die Spannungen los.
Den Entschluß faßt Du,
Einen Entschluß in Yoga Nidra zu verwenden ist gut und wirkungsvoll. Es wäre dumm, nicht die Richtung des eigenen Lebens zu beeinflussen, wenn man die Möglichkeit hat.
Man formuliert nur einen Entschluß, so daß die Energie nicht zerstreut und der Geist verwirrt wird. Mit verschiedenen Entschlüssen oder Visualisierungen, erreicht man sicher kleine Resultate, aber keine Tiefe und Dauer.
Eine halbe Stunde oder mehr, täglich oder dann und wann, kann man angesichts der gewöhnlichen Gedanken und Gefühle entspannen und sie vorbeifließen lassen. Wenn Du Dich einen Augenblick nicht an allem festkrallst, was im Geist vorgeht, erinnerst Du Dich, wer Du bist und Du wirst nicht von Zweifeln gefaßt. In dem entspannten Zustand wirkt der Entschluß mit unverminderter Kraft. (Lies mehr davon im CD-Heft).
aber...
Wenn die Entspannung selbst effektiv sein soll, soll der entspannte Zustand nicht mit Techniken oder Methoden, die auf Hypnose bauen, geschaffen werden – man soll nicht in einen künstlichen und begrenzten Zustand suggeriert werden.
Wenn Du Yoga Nidra erlebst, wirst Du bemerken, daß Du zu keinem Zeitpunkt darum gebeten wirst, Dich zu entspannen oder Dir vorzustellen, daß ein Körperbereich sich entspannt – das Wort Entspannung wird gar nicht in der Anleitung verwendet. Darum geht es nicht in Yoga Nidra.
Yoga Nidra besteht aus Techniken, die einen Zustand auslösen, in dem das ganze Wesen vitalisiert wird - das Resultat ist eine stabile und andauernde Entspannung im Körper und im ganzen Gehirn während Yoga Nidra. (Sieh auch die beiden Artikel von Robert Nilsson in dieser Ausgabe).
Nyasa (und damit Yoga Nidra) ist grundlegend verschieden von vielen modernen Therapien, die gerade auf Hypnose bauen, wenn es auch nicht unter dem Namen Hypnose genannt wird, sondern andere Bezeichnungen und Warenzeichen gebraucht werden – ja, manchmal sogar das Wort Meditation.
„Du, versuche nicht, die Mentalität der Menschen zu verändern. Nach Dir kommt sowieso irgendein Hitler und zerstört das Ganze wieder”, sagte Swami Satyananda einmal zu mir, als ich bereit war, nach Europa zurückzukehren, um zu unterrichten. Er schockierte mich tief, indem er ein so kräftiges Bild benutzte – was meinte er damit?
Was hilft es, alles von den Autoritäten erklärt zu bekommen, ehe Du es selbst erlebst? Es ist so leicht von jemandem, der mit einem starken Image und schnellen Lösungen vorbeikommt, beeinflußt und imponiert zu werden und blauen Dunst vorgemacht zu bekommen. Die Menschen werden nicht frei, wenn Du sie nicht durch eigene Praxis lehrst, eine wirkliche Unabhängigkeit von Einflüssen und eine Transformation von Körper, Geist und Bewußtsein zu erreichen.
Swamiji meinte, mit anderen Worten, daß ich, anstatt zu versuchen, die Lebensanschauungen und Gewohnheiten anderer Menschen zu verändern, ihnen lieber helfen sollte, sich selbst Überblick, Einsicht und Weisheit anzueignen.
Damit ist nicht gesagt, daß sie Konsequenz und Ausdauer vermeiden sollten.
Erlebnis, Einsicht und Erkenntnis sind Gegensätze zur Hypnose. Hypnose ist, wie ein Räucherstäbchen in einem Zimmer brennen zu lassen, wo es riecht, um den Geruch zu dämpfen. Das Vermögen zu erleben, bewußt zu machen, ist wie sauberzumachen und das Zimmer zu lüften. Persönlich wünsche ich mir keine Methoden, die mich programmieren, sondern solche, die mich von alten Programmen befreien und mein Bewußtsein erweitern.
„Alles ist Hypnose", sagst Du vielleicht – und das kann ich gut verstehen. Wir werden von der Wiege bis zum Grab von allem Möglichen beeinflußt. Gerade deshalb benötigen wir manchmal Werkzeuge, um Körper und Geist von Eindrücken, Gewohnheiten und automatischem Denken zu entleeren.
Die Befreiung durch Aufmerksamkeit und Einsicht besteht gerade darin, den Einfluß, dem man ausgesetzt ist, zu durchschauen. Der Weise reagiert nicht gegen den Einfluß, er versucht ihn nicht anzuhalten, er erlebt alles, bekommt Erfahrung und läßt das fahren, wofür er keinen Bedarf hat. Auf dieser Grundlage entstehen die Meditationen.
Mythen, die wir beständig schaffen, um das direkte Erlebnis des Lebens zu vermeiden, sind im höchsten Grad Hypnose. Mit Hypnose treten oft Vorstellungen über die Wirklichkeit anstelle der Wirklichkeit selbst auf. Durch die Geschichte der Menschheit haben wir zahlreiche Beispiele dafür gesehen, wie die Menschen wissen wollten, was sie über die Wirklichkeit denken sollten, anstatt sie selbst zu erfahren. Danach kann man dann uneinig mit ,den anderen ’ sein, die ein anderes Weltbild angenommen haben als man selbst. Verschiedene Auffassungen der Wirklichkeit können so zusammenstoßen und im großen Maßstab religiöse und politische Kriege verursachen.
Der einzelne Mensch heute, wenn seine Erwartungen nicht erfüllt werden, die gerade die Mythologie oder Therapie, die in Mode ist, verspricht, endet oft in einem Zustand der Bitterkeit und Frustration – und sucht die Ursachen außerhalb seiner selbst. Manchmal wird sogar der Lehrer, der einen aus der Gebundenheit herausleiten sollte angeklagt. Ungeachtet dessen wie tüchtig der Lehrer ist, ist er doch nicht verantwortlich für die Erwartungen der Schüler – wenn er oder sie, wohlgemerkt, nicht dazu beigetragen hat, sie zu schaffen. Letzten Endes sind das Individuum und die Gesellschaft selbst verantwortlich für die Vorstellungen, die sie schaffen und kein anderer ist dafür verantwortlich, wenn sie nicht erfüllt werden.
Intoleranz gegenüber Andersdenkenden entsteht nicht unter den Leuten, die erleben und erfahren anstatt zu theoretisieren. Mein Erlebnis ist persönlich und ich sehe ein, daß andere nicht unbedingt mein Erlebnis und meine Auslegung brauchen – sie haben ihre eigenen. Wir haben jedoch alle einigermaßen denselben Körper mit den gleichen Organen und gleichem Nervensystem und einigermaßen gleichen Geist, das zeigt uns sowohl die moderne Wissenschaft als auch die tausendjährige Tradition und Erfahrung von Yoga und Tantra. Deshalb kann man Techniken und Methoden, die ungeachtet von Lebenshaltung, Nationalität, Hintergrund und Alter wirken, ableiten und bewahren.
Jeder steht vor einer Wahl...
Natürlich benötigen wir eine Wahl, die damit übereinstimmt, was wir im Leben wollen. Daher wählen wir die Einflüsse und Entschlüsse, denen wir folgen möchten. Der Gegensatz hieße, hinter dem Lenkrad eines fahrenden Autos zu sitzen, ohne es steuern zu wollen. Und je höher wir das Ziel setzen, desto besser rücken sich die Sachen von allein zurecht.
„In dem Augenblick, in dem man sich wirklich für etwas entscheidet, bewegt sich die Vorsehung auch. Allerlei Dinge geschehen um zu helfen, die sonst nicht geschehen wären.
Ein ganzer Strom von Begebenheiten fließt von dem Entschluß und bringt allerlei unvorhergesehene Ereignisse, Begegnungen und materielle Hilfe mit sich, was keiner hätte vorhersehen können.” (W.H. Murray, inspiriert von Goethe)
„Was immer du tun oder erträumen kannst, du kannst damit beginnen.
In der Kühnheit wohnen Schöpferkraft, Stärke und Zauber. ” (Johann Wolfgang Goethe)
Was Goethe hier ausdrückt, ist kein Postulat, sondern eine Erfahrung, die er weitergeben möchte. Auf diese Weise ist er Mystiker und kein Prediger, der eine auswendig gelernte Doktrin wiederholt.
Es ist klar, daß es eine Balance zwischen Einfluß (eigener Entschluß in Yoga Nidra) und Bewußtwerdung geben soll. Bewußtmachen nach meiner Ansicht bedeutet weder Analyse noch Beurteilung, sondern Berührung, Aufmerksamkeit, Empfindsamkeit, Teilnahme und Anbringen des Bewußtseins, Nyasa.
Zu fühlen oder zu spüren oder an eine Stelle nur zu denken ist genug, um sie zu beleben. Um aufmerksam zu sein auf die Möglichkeiten, die das Leben zur Verfügung stellt, um den Mut zu haben sie anzunehmen, heißt bewußt zu leben.
„Ein großer Heiliger, ein Mahatma, ein Yogi, oder ein Gyani lebt auf dieser Erde wie jeder andere Mensch. Er denkt, genießt und ißt wie die anderen. Der große Unterschied zwischen einem Yogi und einem gewöhnlichen Menschen ist, daß er seine schlafende Fähigkeit, die Aufmerksamkeit [in der Gegenwart offen zu erleben] heißt, erweckt hat, wo der gewöhnliche Mensch es nicht hat. Er ist immer bewußt. Er wird ein Drastha genannt – Seher. Er ist der Zeuge der Ereignisse. Dein Ziel auf dem Weg der Verwirklichung und Erweckung des schlafenden Potentials sollte sein, allmählich diese Fähigkeit der Bewußtheit in Dir zu entfalten. Werde ein Seher...” (Paramhansa Satyananda)
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Yoga Nidra
Bewußtmachen indem man an bestimmte Stellen, in einem genau festgelegten Verlauf denkt oder indem man diese Bereiche spürt, oder indem man die Namen der Stellen mental nennt, ist doch die einfachste, die ursprünglichste und vielleicht gerade deshalb die fruchtbarste von allen Nyasa Praktiken. Wärme oder Kälte, Schwere oder Leichtigkeit, Schmerz oder Freude zu erleben, und was Yoga Nidra sonst enthält über Chakra, bestimmte Symbole und Landschaften, an die man sich erinnert.
Im tiefen Yoga Nidra, durch Nyasa, werden alle Teile deines Wesens, alle deine Möglichkeiten berührt, genannt, vitalisiert und es ist gerade dieses Erlebnis, das Wohlbefinden und Klarheit hervorruft.
Es ist Paramhansa Satyanandas Genialität, gerade diese wirksame Methode in Yoga Nidra zu verwenden und es ist sein Verdienst, den Gebrauch von Nyasa durch die Yoga Nidra-Entspannung zu enthüllen, auf eine Weise, daß jeder Mensch Freude davon haben kann.
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Illustrationen: Die nackte Frau, die in Yoga Nidra liegt und das gelbe Yantra ganz am Ende sind von Bjarke. Das Foto von Swami Janakananda wurde von Omkarananda gemacht. Die Illustration zu Muladhara Chakra stammt von Anandananda. Das aus verschiedenfarbigen ineinander liegenden ovalen Formen komponierte Bild, basiert auf einer Idee von Swami Janakananda und wurde ausgearbeitet von Turiya.