Hatha Yoga

Balance zwischen Sonne und Mond - über die Shat Karma Reinigungsprozesse des Yoga

Hatha Yoga

In der Yogatradition werden die linke und die rechte Gehirnhälfte durch die Sonne (Ha) und den Mond (Tha) symbolisiert. Sie korrespondieren wieder mit den beiden Energieströmen Pingala und Ida in der Wirbelsäule. Pingala (die Sonne) repräsentiert u.a. Aktivität und Extraversion. Und was macht der Mond? Der Mond reflektiert das Licht der Sonne. Demnach ist die rechte Gehirnhälfte für beispielsweise Reflexion und Gefühle zuständig. So können auf einfache Weise die Aufgaben der Gehirnhälften erklärt werden. Wenn zwischen Ha und Tha, zwischen Pingala uns Ida, Gleichgewicht besteht, fühlen wir uns im Einklang mit uns selbst.

Meistens ist jedoch eine Gehirnhälfte dominanter als die andere. Die Hatha Yoga Kriya, auch Shat Karma genannt, stellen die Balance wieder her. Die Hatha Yoga Kriya sind aber nicht die einzige Antwort darauf. Doch das ist der Ausgangspunkt, denn die Shat Karma entfernen die gröberen Verspannungen im Körper. Somit sind die Hatha Yoga Kriya eine Voraussetzung für Erfolg mit höheren Formen von Yoga.

Den Begriff Hatha Yoga kennen wir eher als eine Bezeichnung für die körperlichen Yogastellungen. Ursprünglich ist Hatha Yoga aber den Reinigungsübungen zuzuordnen.Es gibt einfache Übungen, die jeder auf Anhieb umsetzen kann und auch komplexe und tiefgreifende, die einer ausführlichen Anleitung bedürfen. Wir finden in diesem Kapitel des Yogas auch sehr exotische Dinge. Jede einzelne Shat Karma im Detail zu erklären, würde hier den Rahmen sprengen. Ich möchte an dieser Stelle einen Überblick geben und die wichtigsten Reinigungsübungen vorstellen.

Neti – die Nasenspülung

Nasenspülung - Neti

Die Nasenspülung ist das Beste, was du für deine Nase und deine Schleimhaut tun kannst. Manche Menschen berichten, dass sie keine Erkältung mehr bekamen, nachdem sie begonnen hatten, täglich ihre Nase zu spülen. Bei Nebenhöhlenentzündung und Heuschnupfen ist die Nasenspülung ebenso hilfreich und auch eine wichtige Pflege des Geruchsinns. Zumal es den Yogis von früher wahrscheinlich nicht um Erkältung und Schnupfen ging, sondern darum, Schmutz und Schleim zu entfernen, um frei durch die Nase atmen zu können.

Dr. Pär Stjärna, Hals- Nasen- Ohrenarzt am Karolinska Institut in Huddinge, sagt, dass die Nase und ihre Funktionen sehr viel wichtiger seien, als die meisten Menschen denken.

Die Nasenspülung ist sehr angenehm und leicht zu praktizieren, zu empfehlen ist eine Nasenspülkanne mit langer Tülle, da sie den Wasserfluss deutlich verbessert.

Dhauti

In dieser Kategorie der Shat Karma gibt es mehrere große und kleinere Praktiken: beispielsweise zur Reinigung der Zähne, der Zunge oder der Ohren. Vatsara oder Plavini ist absichtliches Rülpsen. Shankaprakshalana (wörtlich: Reinigung der Muschel) ist ein Prozess, bei dem der ganze Darmtrakt von oben bis unten mit einer Kochsalzlösung (0,9%igen Salzlösung – das entspricht dem Salzgehalt unserer Körperflüssigkeiten, z.B. der Tränen) gereinigt wird. Shankaprakshalana widmen wir in dieser Ausgabe einen eigenen Artikel.

Kunjal Kriya

So wie die Elefanten Wasser zu sich nehmen und wieder ausspucken, so geschieht es in Kunjal Kriya. Die Beschreibung von Kunjal Kriya löst oft bei Zuhörern Bedenken oder Erstaunen aus. Viele verbinden
Erbrechen mit Krankheit und Übelkeit, aber in Wirklichkeit haben wir es hier mit einer ganz harmlosen und wirkungsvollen Übung zu tun. Ich brauche wohl nicht darauf hinzuweisen, dass Kunjal Kriya nicht nach dem Essen gemacht werden sollte, sondern immer mit leerem Magen. Morgens ist immer eine gute Zeit, denn dann ist der Bauch auf jeden Fall leer. Hast du zum Beispiel Kopfschmerzen, versuche es doch mal mit Kunjal Kriya. Tut immer gut – und der Kopfschmerz ist weg. Auch bei Nervosität, asthmatischen Beschwerden, Migräne oder bei Verspannungen im Bauchbereich, ist Kunjal Kriya sehr empfehlenswert. Kunjal Kriya kann 40 Tage lang täglich gemacht werden, ansonsten ab und zu nach Bedarf. Kunjal Kriya ist auch ein Teil von Shankaprakshalana,
um abschließend den Magen zu reinigen.

Agnisar und Nauli

Nauli Nauli

sind im Gegensatz zur Darmreinigung für den täglichen Gebrauch gedacht, um die Verdauung zu unterstützen und zu beschleunigen, die Verbrennung zu erhöhen und Verspannungen im Bauchraum zu lösen.

Eine der alten Schriften der Yogatradition, die Hatha Yoga Pradipika, preist Nauli mit folgenden Worten:

„Nauli ist die Krönung der Hatha Yoga Kriya, sie stimuliert die Verbrennung, erhöht die Verdauungskraft und macht glücklich.“

Yoga Mimamsa ist die erste Yogazeitschift, die es gegeben hat. Sie wurde zum ersten Mal in den zwanziger Jahren von Swami Kuvalayananda veröffentlicht und war sehr wissenschaftlich ausgerichtet. In einem Artikel legt man nahe, dass die massierende Wirkung auf das Herz eine wichtige Rolle für den Aufbau des Herzmuskels spielt. Nauli fordert etwas Geschick und Übung. Das Beste ist es, Nauli direkt in einem Kurs zu erlernen.

Kapalabhati

In den überlieferten Schriften des Yoga, finden wir Kapalabhati unter den Hatha Yoga Kriya, da es eine sehr wichtige reinigende Wirkung auf die Atemwege hat. Kapalabhati sollte aber im Rahmen der Atemübungen praktiziert werden.
Unser Gehirn ist ein tolles Werkzeug – aber oft ein Hindernis für uns selbst. Denn wenn wir selbst in der Lage wären, unsere Vorstellungen und Illusionen zu durchschauen, bräuchten wir Yoga und Meditation gar nicht.
Diese Aussage möchte ich als Werbung für Kapalabhati verstanden wissen, denn es reinigt den vorderen Teil des Gehirns, in dem viele Verhaltensmuster festgelegt, zum Teil zu sehr festgelegt sind. Nach Kapalabhati tritt die Gegenwart unaufhaltsam ein, und es wird leicht, sich dem Augenblick hinzugeben, ohne ständig nachzudenken oder etwas analysieren zu müssen.

Einige verwechseln Kapalabhati mit Bhastrika, dem Blasebalg. Es sind allerdings zwei verschiedene Atemübungen.

Trataka

Konzentration- og Augenstärkende Übung Trataka

Dass auch Trataka den Reinigungsprozessen zuzuordnen ist, ist in erster Linie der augenstärkenden und augenreinigenden Wirkung dieser Übung zu verdanken. Regelmäßige Anwendung kann das Sehvermögen verbessern, Kurz- und Weitsichtigkeit korrigieren und einen zu hohen Augeninnendruck vermindern - insbesondere zusammen mit der Tiefenentspannung Yoga Nidra.

Vor einigen Jahren kam eine ältere Frau (mit 83 Jahren) zu meiner Schule. Sie erzählte über ihren viel zu hohen Augeninnendruck, ihren grünen Star, die Gefahr einer Netzhautablösung, die drohende Blindheit und die bevorstehende OP. Sie wollte eine oder mehrere Privatstunden buchen, um etwas für ihre Augen zu tun.

Über die Jahre habe ich schon vieles gesehen, das mit Yoga positiv verändern werden konnte. In diesem Falle war ich dennoch nicht sicher. Ich wollte meinen Zweifel aber nicht äußern, um die Ergebnisse nicht zu beeinflussen. Also verriet ich ihr meine Gedanken nicht und wir vereinbarten die erste Stunde.

In den ersten Sitzungen habe ich ihr Trataka und die Tiefenentspannung Yoga Nidra beigebracht. Sie fing nun an, täglich Trataka und Yoga Nidra (nach der CD „Erlebe Yoga Nidra“ von Swami Janakananda) zu Hause zu praktizieren. Einen Monat später kam sie wieder und erzählte über die zuvor stattgefundene ärztliche Untersuchung. Der Augeninnendruck war von 24/25 mm Hg auf 13/14 mm Hg gesunken (!) und – sie musste nicht mehr operiert werden. Da war selbst ich erstaunt. Mir sind inzwischen mehrere Fallbeispiele dieser Art bekannt, die ich bei Interesse gerne mitteile.

Trataka hat viele Gesichter, sie ist eine meditationsvorbereitende Übung, stärkt die Konzentration und den Willen und entwickelt die visuellen Fähigkeiten. Doch dies ist einem ganz anderem Kapitel des Yoga zuzuordnen und sollte deshalb erst im entsprechenden Kontext vertieft werden.

Und nun neigt sich dieser Bericht dem Ende zu. Vielleicht ergibt sich später die eine oder andere Möglichkeit, mehr über einzelne Praktiken zu berichten. Noch besser ist es allerdings, die Reinigungsprozesse zu erlernen und regelmäßig zu praktizieren. Der Überraschungseffekt - und die schöne Wirkung - sind auf jeden Fall sicher.

So wird es gemacht

Nasenspülung
Beuge dich nach vorne und drehe den Kopf zur Seite. Führe dann die Tülle in das obere Nasensloch und hebe die Spülkanne seitlich und langsam nach oben. Der Mund sollte offen sein, damit du durch den Mund atmen kannst. Das Salzwasser fliesst nun von selber durch die Nase und durch das untere Nasenloch hinaus. Danach wird dasselbe durch das andere Nasenloch gemacht und die Nase wird anschliessend mit einem Taschentuch getrocknet.

Kunjal Kriya
Zunächst wird eine große Schüssel mit Salzwasser (0,9% - die gleiche Salzlösung wie für die Nasenspülung und Shankaprakshalana – der Salzgehalt des Körpers) schnell getrunken. Mit den Fingern wird nun der Brechreiz im Rachen ausgelöst, bis nach mehreren Wiederholungen kein Wasser mehr herauskommt. Diese Übung sollte nüchtern gemacht werden, morgens direkt nach dem Aufstehen ist die beste Zeit.

Kapalabhati
Setze dich in eine Meditationsstellung. Atme stoßweise 30 -100 Mal in schneller Folge durch die Nase aus. Die Ausatmung sollte deutlich kräftiger als die Einatmung sein. Anschliessend atme vollständig aus, mache den Kinnverschluss (Jalandhara Bandha), Bauchverschluss (Uddiyana Bandha) und Beckenbodenverschluss (Mula Bandha) und halte den Atem so lange wie möglich an. Danach löse die Verschlüsse und atme ruhig durch die Nase wieder ein.

Agnisar und Nauli
Agnisar: Atme im Stehen vollständig aus. Stütze die Hände auf die leicht gebeugten Knie und ziehe den Bauch unter die Rippen hoch (1). Halte den Atem weiterhin an, lasse nun den Bauch locker nach unten sinken (2), zieh den Bauch wieder hoch, dann loslassen, hochziehen, loslassen - bis die Einatmung fällig ist. Lockere den Bauch, richte den Körper auf und atme ein. Wiederhole dies mehrmals. Die Bewegungen mögen anfangs etwas träge sein, der Bauch lockert sich aber nach und nach und die Bewegungen werden zunehmend schneller und freier.

Bei Nauli atmest du ebenfalls ganz aus und ziehst den Bauch hoch. Die mittleren senkrechten Bauchmuskeln werden nach vorne geschoben (3), danach nur die rechte bzw. linke Hälfte (4-5) und schliesslich die Bauchmuskelstränge beidseitig (6-7). Endlich wird zwischen diesen 5 Positionen fliessend gewechelt, so dass eine “rotierende” Bewegung ensteht, sie wird in beide Richtungen gemacht.

Trataka
Zunächst setze dich in eine aufrechte, stabile Meditationsstellung. Stelle eine Kerze in einem Abstand von 30-40 cm in Augenhöhe hin und schliesse die Augen. Lasse den Körper zur Ruhe kommen. Erlebe eine Weile den ganzen Körper. Dann die Atmung: beobachte die Strömung der Luft in der Nase. Wenn dir dies mühelos vorkommt, dann öffne die Augen und schaue dir die Kerzenflamme eine ganze Weile ruhig an. Lösche danach die Flamme und schließe die Augen. Siehe nun mit dem inneren Blick die Nachbildung der Flamme an. Dieser Ablauf kann zwischen 10 und 20 Minuten dauern.

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