Kriya Yoga V - Artikel aus Bindu Nr. 12
Treibhaus, Prozeß und Ritual
Das Einweihen und eingeweiht werden
in fortgeschrittenes Kriya Yoga
Mit Kriya Yoga ist es wie mit Musik, es ist nicht damit getan, ein Instrument in die Hand zu bekommen, man muß auch Lust zu spielen haben – und wenn man zu spielen gelernt hat, so gilt es so gut zu spielen, daß es einen selbst und andere zufriedenstellt – dann kann man eventuell auch Virtuosität erlangen.
Die beiden ersten Voraussetzungen werden während der Einweihung ermöglicht, die letztere durch eigenen Gebrauch.
Kriya bedeutet Prozeß, ein Prozeß, der zunächst einmal reinigt und stärkt – Leichtigkeit im Körper und Klarheit im Geist schafft. Dies ist die Grundlage, von dort aus geht man weiter.
Gewidmet Paramahansa Satyananda - siehe Bild (1968) - und denen, die dem Unterricht, den er uns persönlich während seiner tantrischen Meditationsperiode in den 60ern und zu Beginn der 70er gab, genügen wollen.
Einleitung
Damit der Schüler nach der Einweihung Kriya Yoga selbständig verwenden kann, muß der Lehrer ihn zunächst durch eine andere Art von Erfahrung leiten, als ihn ‚bloß‛ in einigen Methoden zu instruieren.
Während der Einweihung wird der Schüler nicht allein gelassen, weder mit frei in der Luft schwebenden Erwartungen, noch mit eigenen Vorstellungen darüber, was er oder sie vermag.
Die Einweihung soll sicherstellen, daß man die Methoden auf die tiefgehendste Weise kennenlernt – und daß man die Kriya, die Stärke und Offenheit geben, dazu benutzen kann, das zu durchleben, was einem auf dem Weg begegnet.
Mit seinem ganzen Selbst vertraut zu werden und danach mit anderen aus sich selbst heraus kommunizieren zu können, ist ein wichtiges Resultat einer Einweihung.
Der Kurs muß so angelegt werden und in einer solchen Weise verlaufen, daß der Wegleiter und der Aspirant zusammen durch Zustände und Dimensionen reisen, Hemmungen, Ängsten und Frustrationen begegnen und damit fertig werden und Einsicht und Wissen erreichen können.
Man kann dann weiter an dem bauen, was wir geistige ‚Entwicklung‛ nennen. Ja, eigentlich ist es keine Entwicklung, sondern eine Einsicht in oder das Entdecken von schlummernden Möglichkeiten, die bereits vorhanden sind und die während des Prozesses erweckt und bewußtgemacht werden – eine Transformation des Zustandes, den man bereits kennt, hin zu einem Tieferen und Größeren.
Das Ziel ist also nicht, eine oberflächliche euphorische Erregung zu schaffen oder ein übereiltes technisches Wissen von einigen Übungen zu bekommen, sondern es ist Zeit zu haben, zum eigentlichen Wesenskern des Lebens zu gelangen.
„… Yoga bedeutet nicht diese Selbstverwirklichung, sondern die Mittel, mit denen diese erreicht wird. Yoga ist daher ein Ausdruck für die physischen und psychischen Prozesse, derer man sich bedient, um das innere Wesen des Menschen zu entdecken, welches das höchste ist.
Es ist deswegen nicht ein Ergebnis, sondern der Prozeß, die Methode oder die Praxis, durch die dieses Ergebnis erreicht wird.”
(Sir John Woodroffe, The Serpent Power, über Laya-Krama Yoga, das auch Kriya Yoga beinhaltet.)
Eine Perle zu bekommen…
Kriya Yoga unterrichtet man nicht aus einem Buch.
Kriya Yoga lernt man nicht aus einem Buch.
Kriya Yoga wird in einer präzisen und zugleich künstlerischen Weise weitergegeben, neben anderen Methoden, die helfen, den Geist offen und den Prozeß in Gang zu halten.
…die man nicht vor die Säue werfen soll
„Willst du Erfolg, verwende Kriya Yoga”, hörte ich einmal Paramahansa Satyananda sagen.
Ich fing beinah an zu lachen, denn das klang genau wie ein Werbespot für Haarpomade aus den 50ern.
Heute, mehr als 30 Jahre danach, muß ich Swami Satyananda recht geben.
Diese Äußerung ist keine leere Behauptung. Jedoch:
„Man kann keinen anderen Menschen zwingen, glücklich zu sein.” (Swami Yogananda)
Um den vollen Nutzen aus Kriya Yoga zu ziehen, mußt du einen Zweck in deinem Leben spüren und wissen, was du mit dir selber willst. Eine wichtige Seite von Kriya Yoga ist die Vertiefung, die du erreichst, das ist richtig, aber wenn du keine Initiative ergreifst und kein aktives Leben führst, wirst du nicht wissen, was du mit der vermehrten Energie und Inspiration anfangen sollst, die du auch von dieser Praxis bekommst.
Wozu ein Einweihungsprozeß, könnte man nicht einfach…?
Die erste Anregung, über die Anforderungen, die man an das Unterrichten von Kriya Yoga stellen muß, schreiben zu wollen, bekam ich 1990 auf meiner ersten Reise durch Australien und Neuseeland. Da begegnete ich Menschen, die Kriya Yoga auf eine Weise gelernt hatten, die nicht mit dem übereinstimmt, was ich gelernt, verwendet und als Lehrer erfahren habe.
Diese Menschen hatten Wirkungen erfahren, die nicht beabsichtigt waren, und einige hatten die Lust verloren, das Gelernte zu verwenden. Sie kamen daher zu meinem Kurs mit Fragen, die mich veranlaßten zu untersuchen, was geschehen sein konnte.
Da war nicht die Rede gewesen von einer eigentlichen Einweihung. Es war um technische Anleitungen in einem Unterricht gegangen, der oberflächlich war und ohne irgendeine Kontrolle, ob selbst die grundlegendsten Kriya ordentlich ausgeführt wurden. Weiter hatte man das Erlernen der Kriya auf mehrere Kurse aufgeteilt, so daß die Schüler nach dem ersten Kurs mit einem unvollständigen Bild des Ablaufs nach Hause kamen. Mehrere hatten auch nicht den Unterricht zu Ende besucht.
Die Schüler hatten keine Kenntnis von der wechselseitigen Funktion der einzelnen Kriya im Zusammenhang erlangt. Noch hatten sie eine ordentliche Erfahrung durch selbständiges Praktizieren des ganzen bekommen.
Es muß gewesen sein, als hätten sie die Noten einer Komposition in mehreren Durchgängen gelesen, ohne die Musik spielen und die Ganzheit erleben zu können.
Auch in verschiedenen Orten in Europa haben Menschen mich gefragt, was sie mit gewissen Erlebnissen machen sollen, oder erzählt, daß sie vor dem Hintergrund dessen, was sie gelernt hatten, nicht das Erwartete bekommen hatten.
Das kann natürlich auf verschrobenen Erwartungen beruhen. Ich erlaube mir jedoch das zu bezweifeln, denn die Wirkung von Kriya Yoga kann man nicht verfehlen, wenn man es ordentlich lernt. Es kann daher darauf beruhen, daß der Lehrer nicht die notwendige Kenntnis dieser dynamischen Meditation hatte und nicht auf der Grundlage persönlichen Gebrauchs und Erfahrung unterrichtet hat. Oder der Betreffende hat keine Zeit oder Mut gehabt, seinen Schülern die Möglichkeit zu geben, einen vollständigen und tiefgehenden Prozeß zu durchleben – der Unterricht hat nicht unter den rechten Bedingungen stattgefunden.
Hier spreche ich natürlich von dem fortgeschrittenen tantrischen Kriya Yoga, das mehr als 20 wirkungsvolle Kriya beinhaltet.
Vor der Einweihung an sich werden Körper und Geist des Schülers durch eine Aufwärmung vorbereitet, die mindestens eine Woche dauert (auf einem einmonatigen Kurs), und dies unter der Voraussetzung, daß der Schüler an früheren Kursen teilgenommen und gelernt hat, die vorbereitenden Übungen zu Hause zu verwenden. Auf einem Dreimonatskurs dauert das Aufwärmen fünf Wochen.
Und wenn die Einweihung erst einmal im Gang ist, ist es entscheidend, daß man Zeit hat, alles zu verarbeiten, was auf dem Weg geschieht. Zusammen mit dem Schüler muß der Lehrer einen Prozeß durchleben können, wo Erlebnisse und Energie auf eine solche Weise ausgenutzt werden, daß man wirklich das Wesen von Kriya Yoga erfährt.
Indem man den ganzen Weg geht, durch einen genau geplanten Prozeß, kommt es nicht zu „unterbewußten Ausbrüchen” (um mit Swami Satyanandas Worten zu sprechen), wenn der Schüler danach die Meditation zu Hause verwendet.
Hier muß ich jedoch hinzufügen, daß natürlich ein großer Teil auf einem selbst beruht – während man sich auf die Einweihung vorbereitet, während des Erlebens des Prozesses an sich und wenn man danach Kriya Yoga selbständig verwendet.
„Während dieses Kurses hast du mich gelehrt, Kriya Yoga als ein Ritual mehr und mehr zu schätzen. Das heißt, ich habe begonnen, den Zweck zu verstehen, die ganze Zeit seinen Zustand zu brechen, durch ein Kopfbeugen oder durch das Wechseln der Stellung zwischen zwei Kriya oder was wir sonst tun während des Verlaufs. Ich glaube, oder besser gesagt, ich spüre deutlich, daß die genialen Menschen, die Kriya Yoga erfunden haben, wußten, wie sie meinen Geist auf die rechte Weise beschäftigt halten können. Daß das beste, was ich tun kann, ist, es ruhig anzugehen und lediglich der Methode zu folgen und das Kriya zu erleben, mit dem ich gerade beschäftigt bin, bevor ich zum nächsten weitergehe.
Diese für mich neue Haltung hat mein Verhältnis zu den einzelnen Kriya verändert… statt mich anzustrengen, erlaube ich mir selbst, mich hinzugeben. Der Effekt, den es dadurch gibt, ist noch harmonischer, als das, was ich früher erlebt habe.”
(Gunnar, ein schwedischer Schüler, der Kriya Yoga über eine längere Zeit hinweg praktiziert hat und jetzt wieder in Håå ist, um einen weiteren Kriya Yoga Kurs zu erleben.)
„Oh Swamiji, ich sah all diese wunderschönen Farben,” sagte June Jackson (Psychologin aus Australien) auf einem Kurs in Indien 1973.
Swami Satyananda antwortete: „War es eigentlich das, was du tun solltest?” Und er fuhr fort: „Erinnere dich daran, zwei Drittel des Geistes bei der Technik, ein Drittel bei den Erlebnissen.”
„Menschen besuchen jahrelang die Universität, um eine Ausbildung zu bekommen, an der sie nur einige Jahrzehnte ihres Lebens Freude haben - wieviele verwenden lediglich einige wenige Wochen oder Monate für ihre geistige Entwicklung, eine Entwicklung, die Bedeutung für das ganze Leben und darüberhinaus hat?” (Swami Satyananda)
Nicht alles, was glänzt, ist Gold
In den letzten Jahren hat eine Abwertung des Begriffes Kriya Yoga stattgefunden, wenn er die Meditationspraxis bezeichnen soll, die Swami Yogananda als erster im Westen einführte und die Swami Satyananda uns dann in seiner vollen Potenz zeigte.
Ich schrieb meinen ersten Artikel über Kriya Yoga 1994 in Bindu. Zu diesem Zeitpunkt war es nicht viel an anderem Ort erwähnt oder unterrichtet worden. Damals hatte ich fortgeschrittenes Kriya Yoga seit 20 Jahren unterrichtet.
Kurz danach kam der Name in Mode, und von allen Seiten hörte man über Kriya Yoga sprechen. Menschen, die nicht das ursprüngliche Kriya Yoga kannten, kamen darauf, anderes Yoga als Kriya Yoga zu bezeichnen. Auf einmal konnte man Kriya Yoga an einem Wochenende lernen.
Das fortgeschrittene tantrische Kriya Yoga sollte man nicht mit ‚Kriya Yoga‛ verwechseln, das man an einem Wochenende oder in einer Woche lernen kann, ebensowenig sind es die physischen Reinigungsprozesse Hatha Yoga Kriya oder Shat Karma, die Teil der Vorbereitungen auf die Einweihung sind.
In Yoga Sutra kann man auch über Kriya Yoga lesen, aber dabei handelt es sich um etwas ganz anderes, nämlich die Haltungen und Disziplinen in Raja Yoga, die der Verfasser Patanjali vertritt, und keineswegs um die Meditationen und Praktiken, aus denen das tantrische Kriya Yoga besteht.
Die drei Stufen des tantrischen Kriya Yoga:
Anfänger Kriya Yoga besteht aus fünf kleinen Kriya. In unserer Schule haben wir diese Variante Quelle der Energie genannt. Ursprünglich hieß sie Kleines Ajapa Japa oder Vishuddhi Shuddhi – jetzt wird sie Wochenend Kriya Yoga genannt. Jedoch nicht bei uns.
Vishuddhi Shuddhi bedeutet „reinigen von Vishuddhi Chakra,” dem Halschakra oder Reinigungschakra, umfaßt jedoch nicht nur Vishuddhi. Die psychische Reinigung, auf die ich mich hier beziehe, ist Teil der Vorbereitungen, die notwendig sind, um das eigentliche Kriya Yoga zu lernen.
Wir unterrichten diese Anfängermethode sowohl in unseren Stadtschulen, als auch auf Wochenendkursen. Auf unseren Retreats am internationalen Kurszentrum Håå in Südschweden wird sie als Vorbereitung auf Ajapa Japa gelehrt, siehe unten.
Zu den Wirkungen siehe auch Die Dämmerstunde - Zeit zum Sein in Bindu Nr. 2
Eine vollständige Anleitung zu dieser Methode findest du in meinem Buch Yoga, Tantra und Meditation im Alltag, Kapitel 11 Seite 114-115.
Mittelstufen Kriya Yoga besteht aus neun Kriya und wird in unserer Tradition Ajapa Japa genannt. Dies unterrichten wir auf unseren 10- und 14-tägigen Kursen. Der Name Ajapa Japa wurde ursprünglich für den fünften Schritt in Japa- oder Mantra Yoga verwendet. Er beschrieb eine spontane Wiederholung oder ein spontanes Erleben des Mantras. Danach wurde der Name Ajapa Japa für eine einfache Meditation verwendet, in der man Atem und Mantra synchronisiert.
Wenn wir über Ajapa Japa im Verhältnis zum tantrischen Kriya Yoga sprechen, handelt es sich um eine Meditation, die aus neun verschiedenen Kriya oder Prozessen besteht. Diese beinhalten u.a. eine spezielle Atmung, ein Mantra und den Gebrauch der Vitalenergieströme in Verbindung mit den Chakra bzw. psychischen Zentren des Körpers.
„Mit deiner ganzen Aufmerksamkeit
erlebe den Nerv, fein wie der Lotusfaden,
mitten in deiner Wirbelsäule
– und werde transformiert.”(Vigyana Bhairava Tantra)
Ajapa Japa ist ein notwendiger Teil der Vorbereitungen auf Kriya Yoga. Swami Yogananda gab sich oft damit zufrieden, seinen Schülern in Amerika lediglich Teile dieser Meditation zu geben.
Der psychische Atem
Einer der grundlegenden Bestandteile dieser Meditation ist der psychische Atem. Dieser hat viele Namen: Ujjayi Pranayama, Kriya Kundalini Pranayama oder Atmung der psychischen Wärme.
Bedeutsamkeit einer richtigen Anleitung
Anstrengung, falscher oder kein Laut, sowie fehlende Pausen nach dem Ein- und Ausatmen können verkehrte und unerwünschte Wirkungen erzeugen, wie z.B. bei Hyperventilation.
Es ist daher wichtig, daß der Lehrer diese Atmung aus seiner eigenen Praxis kennt, so daß er mit Sicherheit den Schüler instruieren und korrigieren kann.
Ich habe von einem Fall in Indien gehört, wo eine australische Frau beauftragt war, einer Gruppe Menschen diese Atmung beizubringen. Dies geschah auf eine so grobe und oberflächliche Weise, daß man anzweifeln muß, ob die Frau persönliche Kenntnis von diesem wundervollen Werkzeug hatte. Ein Schüler von besagtem Kurs in Indien kam zu uns ans Kurszentrum Håå. Als wir seinen psychischen Atem kontrollieren sollten, erkannten wir diesen nicht wieder – er selbst wußte auch nicht richtig, wozu das, was er gelernt hatte, eigentlich gut sein sollte.
Wenn der psychische Atem auf die richtige Weise ausgeführt wird, kann er das Energiefeld des Körpers stärken, den Blutdruck normalisieren, Depressionen beseitigen und einen stabilen meditativen Zustand hervorrufen.
Fortgeschrittenes Kriya Yoga und die, die unterrichten
Kriya Yoga war bis vor wenigen Generationen eine Praxis, die Swamis vorbehalten war, das war unsere Praxis, sagte mir Swamiji eines Tages. Es wurde anderen nicht enthüllt.
In unserer Zeit haben u.a. Swami Yogananda und Swami Satyananda beschlossen, es weiterzugeben und einige wenige Swamis auszubilden, um es zu unterrichten. Welche Anforderungen kann man über diesen Hintergrund hinaus an einen Lehrer stellen?
Ja, neben rein künstlerischem Vermögen und handwerklicher Gründlichkeit ist es, um dies zu unterrichten, meiner Meinung nach eine unerläßliche Voraussetzung, daß man persönlich das Tiefe und Innige durch diese tantrische Meditation gesucht hat.
Derjenige, der nicht selbst dieses Yoga gesucht und wirklich verwendet hat, unabhängig davon, welch große Autorität er oder sie in den Augen der Welt oder denen seiner Schüler haben möge, weiß nichts darüber.
Unkenntnis erzeugt Vorstellungen und diese wiederum erzeugen Angst – Angst vor dem Unbekannten. Angst begrenzt die Weise, in der Yoga unterrichtet wird und hindert Menschen daran, dieses geistige Gold zu entdecken.
Man muß dies direkt von seinem Lehrer gelernt und danach auf eigene Faust erforscht haben – und eine vieljährige Vollzeitausbildung und Erfahrung als Yoga- und Meditationslehrer hinter sich haben. Dies muß die eigentliche Forderung sein, und nicht, welchem Klub man angehört oder wen man im Augenblick anhimmelt.
Ungeachtet dessen, wie gut ein noch so heimlicher Prozeß von jemandem beschrieben wird, der die Beschreibung auswendig gelernt hat, aber nicht die Wirkung der tieferen Prozesse auf sich selber kennt, kann dieser nie vollständig enthüllt werden. Selbst wenn man alles bis ins kleinste Detail aufschreiben oder auf der Basis des Auswendiggelernten unterrichten würde – ohne die Einweihung, die direkt angeleitet wird als ein ununterbrochener Ablauf, wo alle Verhältnisse, Vorbereitungen und die Einstellung der Teilnehmer sind, wie sie sein sollen, kann man nicht von einer Einweihung in Kriya Yoga reden.
Die Bedeutung der Wegleitung für zwei der feineren Kriya beschreibt Swami Yogananda in Autobiographie eines Yogi:
„Sri Yukteswar wählte den folgenden Morgen, um mich in Kriya Yoga einzuweihen. Ich hatte bereits die Technik von zwei Schülern Lahiri Mahasayas gelernt – meinem Vater und meinem Lehrer, Swami Kebalananda. Aber mein Meister besaß eine verwandelnde Kraft; bei seiner Berührung überflutete ein großes Licht mein Wesen, wie der gleichzeitige Glanz unzähliger Sonnen. Eine Flutwelle von unbeschreiblicher Glückseligkeit überfloß mein Herz bis zu dessen innerstem Kern.”
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Training und Fest – Konfrontation und Einsicht – Harmonie und Stärke
Bevor die eigentliche Einweihung überhaupt beginnt, muß derjenige, der teilnehmen möchte, auf den Ort, wo sie stattfinden soll, vorbereitet werden. Dies beeinhaltet eine Darmspülung zu machen, einen Gang runterzuschalten, sich an die Arbeitsweise zu gewöhnen und seine Meditation zu vertiefen.
Wenn die Einweihung dann im Gange ist, kommen verschiedene andere Meditationen, Yogaübungen, sowie Tanz und Musik u.a.m. hinzu, um den Ablauf zu unterstützen, den Körper geschmeidig und den Geist offen zu halten.
Das Ganze muß ungestört von äußeren Einflüssen und Ablenkungen vor sich gehen – „unter Ashramverhältnissen” gemäß Swami Satyananda.
Die Aspiranten wohnen am Ort und verlassen die Gegend während des ganzen Ablaufs nicht – und diejenigen, die hinter dem Kurs arbeiten, z.B. in der Küche, der Verwaltung oder beim Assistieren im Unterricht, müssen eine persönliche Kenntnis und Erfahrung von Kriya Yoga haben – so daß sie wissen, was im Meditationsraum und während des Prozesses als Ganzem vor sich geht.
Hier handelt es sich nicht bloß um geben und empfangen, sondern um ein Zusammenspiel zwischen allen am Prozeß Beteiligten.
Für die Teilnehmer ist es wichtig, nicht im voraus, wie ein netter Schuljunge oder nettes Schulmädchen, den Wunsch zu ‚verstehen‛ das Vermögen zu erleben blockieren zu lassen. Sie müssen, mit anderen Worten, darauf eingestellt sein, sich hinzugeben und ohne Vorbehalt teilzunehmen.
„Gibt es bloß eine einzige Person im Publikum, die offen das Theaterstück miterlebt, so wird der Abend ein Erfolg,”
sagt der dänische Schauspieler Ove Sprogø über einen Abend am Theater. Es scheint ein Naturgesetz zu sein, das für alle Formen menschlichen Ausdrucks und Zusammenseins gilt. Offenheit inspiriert und breitet sich aus.
Auch der Lehrer muß darauf eingestellt sein, sich hinzugeben. Dieser muß sich selbst als ein Medium erleben, das am eigenen Körper und Geist Hindernissen begegnet und sie überwindet und zu einem gewissen Grad Erlebnisse mit den Schülern teilt.
Deshalb ist der Lehrer exponiert. Wie eine Schnecke bei der geringsten Berührung ihre Fühler einzieht oder die Mimose, die schnell ihre Blüte schließt – so bedarf es nicht viel, um die Kreativität zu töten, die benutzt wird, um die Geheimnisse während der Meditation zu verdeutlichen. Schon ein wenig Mißtrauen, Unsensibilität oder Gleichgültigkeit, ausgedrückt durch Mißverständnis oder fehlende Aufmerksamkeit, können ausreichen. Manch ein wirklicher Lehrer hat ja auch vorzeitig aufgehört, die eigentlichen Yogamethoden zu unterrichten – andere haben sich nicht aus schützenden Guru-Rollenspielen herausgewagt und in die Gemeinschaft hinein, die während des Prozesses erforderlich ist, damit eine Einweihung voll und ganz stattfinden kann.
Und doch sind die tantrischen Rituale voller Kraft und Stärke, und daraus ziehen sowohl der Wegleiter, als auch der Aspirant, Nutzen.
Mit einer effektiven Meditationsmethode und guter Wegleitung, so haben Messungen gezeigt, beeinflussen die Frequenzen der Gehirnströme derjenigen, die sich bereits in einem entspannten Zustand befinden, den Rest der Gruppe, so daß diese den gleichen Zustand leichter erreichen.
„Im Körper befindet sich die höchste Bewußtsein-Energie (Shiva-Shakti), die alles durchströmt. Im Körper ist die Energie der Natur selbst (Prakriti-Shakti) und alle ihre Hervorbringungen. Im Grunde ist der Körper ein enormes Magazin der Kraft (Shakti).
Der Zweck der tantrischen Rituale ist, die verschiedenen Formen der Kraft zu ihrem vollen Ausdruck zu bringen.
Dies ist die Arbeit, die während eines Sadhana vor sich geht.”(Sir John Woodroffe, The Serpent Power)
Was ist der Zweck des Rituals?
Ist es dazu da, ein Glaubenssystem mit äußeren Zeichen und Gebärden wiederzubeleben oder wiedereinzuführen? Wird es ausgeführt, um eine Machtstruktur zu erhalten oder eine ererbte Autorität zu wahren? Will man Leute zu euphorischen Zuständen oder Personenkult aufhetzen, so daß die Teilnehmer Selbständigkeit und Verantwortung von sich weisen können?
Nein! Es ist ein Prozeß, wo du mit deiner innersten Natur, deiner Kreativität und der Quelle der Energie und Entfaltung in Kontakt bleibst oder sie wiederentdeckst. Vielleicht möchtest du das überwinden, was dich daran hindert, deiner innersten Bestimmung zu folgen.
Das Ritual ist da, um wieder und wieder das Licht des Bewußtseins zu entzünden, so daß es weit über das Theoretisieren des begrenzten Geistes brennen und dir die Möglichkeit zu erleben geben kann.
Das Licht zum Strömen zu bringen und Sushumnas reinigende Flamme klar brennen zu lassen – was sonst könnte das Ziel sein?
Ein Prozeß, Ritual oder Zyklus, geschaffen durch eine Zusammensetzung bestimmter Yoga- und Meditationsmethoden, muß wie komponierte Musik bestimmten Gesetzen folgen. Die Methoden spielen zusammen und verstärken und vertiefen gegenseitig ihre Wirkungen.
Egal ob Musik auf niedergeschriebenen Noten oder auf Improvisation basiert, man muß in Kontakt mit ihrem Wesen kommen – dies ist der Ausgangspunkt – und es sind die Fähigkeit der Musiker zu kommunizieren und die Offenheit der Teilnehmer, die die Musik zum Leben erwecken und sie zu einem bereichernden Erlebnis machen.
Wenn man das Konzert verläßt, hört man keine Musik. Und sollten ein oder mehrere Zuschauer aus prinzipiellen oder anderen Gründen fordern, daß etwas anderes oder auf eine andere Weise gespielt werden solle, oder mit einem anderen Beginn, weil sie bereits einige der einleitenden Strophen kennen, oder weil sie es so haben wollen, wie sie es gewohnt sind, oder sollten sie sich theoretisch gegenüber dem Musikstück verhalten wollen, anstatt zuzuhören – dann wäre es unmöglich, den schöpferischen und erlebenden Prozeß in Gang zu setzen. Da würde das Ganze in einer gewohnheitsmäßigen und mechanischen Ausführung sterben. Man würde es dem Zufall überlassen und nicht einen Weg gehen, der zu einem Ergebnis führt – zu einem erhöhten Erleben, oder im Verhältnis zu Yoga ausgedrückt: einem stabil veränderten Bewußtseinszustand.
Genauso wie viele Musikstücke, hat der Verlauf der verschiedenen Kriya eine bestimmte Gesetzmäßigkeit und Reihenfolge, einen Anfang, einen Mittelteil, einen Höhepunkt und eine Entspannung. Die Einweihung in fortgeschrittenes Kriya Yoga sollte nicht in kleine Stücke aufgeteilt werden, ebensowenig wie ein Musikstück, da würde das grundlegende Erlebnis der Ganzheit verloren gehen – und man würde die günstige und gegenseitige Wirkung verlieren, die die Kriya aufeinander haben, wenn sie innerhalb desselben Prozesses ausgeführt werden.
„Erlebe dein Innerstes wie Lichtstrahlen,
die von Zentrum zu Zentrum hinaufstrahlen,
so steigt das Lebendige selbst in dir auf.”(Vigyana Bhairava Tantra)
Swami Satyananda unter dem großen Mangobaum im Garten des Ashrams, 1969.
Wozu ein Wegleiter
„Laß sie nicht alleine,” sagte Swami Satyananda eines Tages zu mir, als wir übers Unterrichten sprachen. Was er ausdrückte war nicht bloß, daß ich meinen Schülern eine gründliche Anleitung in den Methoden geben sollte. Während des Lernprozesses findet ein Training statt, bei dem der Lehrer die Schüler ‚stört‛, wenn sie sich selbst in anderem vergessen. Das bringt sie zurück zu dem Eigentlichen, zur Meditation.
Nach dem Training ist es die Methode an sich, die das Interesse festhält oder einen zum Zurückkehren bringt, wenn man dabei ist, sich selbst in anderen Dingen zu verlieren.
Worüber ich hier spreche ist ein Prinzip in Tantra. Der Geist muß die ganze Zeit von dem Wirkungsvollen beschäftigt gehalten werden. Die Methode muß so umfassend sein, daß es unmöglich ist, sie automatisch auszuführen – der Strom der Gedanken wird dadurch ohne Anstrengung unterbrochen. Dies geschieht in allen tantrischen Ritualen, sowohl in den sexuellen, als auch in den fortgeschritteneren wie Kriya Yoga.
In gewissen Zenklöstern schreitet einer der Mönche hinter den anderen, während sie meditieren. Wenn einer der Teilnehmer seine Körperhaltung verändert und sich leicht nach vorne beugt, ist es ein Zeichen, daß dieser sich in Gedanken verirrt hat. Er wird dann höflich kontaktiert und bekommt sodann mit einem flachen Brett einen ordentlichen Hieb auf die Schultern. Danach dauert es eine Weile, bevor er sich wieder in Gedanken verliert.
Eine wesentliche Voraussetzung
Ein grundlegender Teil des Trainings ist die Meditation Innere Stille (Antar Mauna), die in einem Verlauf von sieben Stufen praktiziert wird. Diese ist unentbehrlich, um Kriya Yoga zu lernen.
Außerdem gehört Innere Stille zur Aufwärmung direkt vor und während der Einweihung. Eine tägliche Anleitung oder Verwendung von Innere Stille gibt u.a. das Vermögen, sich nicht mitreißen zu lassen von all dem, was an Gedanken, Gefühlen oder Zuständen durch den Geist strömt. Diese Meditation bewirkt, daß man sich nicht so leicht vergißt. Sie verstärkt das Vermögen, ein tolerantes und selbständiges Leben gegenüber Vorstellungen, Phantasien und Ideen, denen man begegnen kann, zu führen.
Die übrigen täglichen Routinen, Karma Yoga, ja sogar Scherze und Neckereien, können im allerhöchsten Grade dabei helfen, einen Menschen von jahrelangen Neurosen und Frustrationen zu befreien.
Im täglichen Leben in dem kleinen Ashram, das Swami Satyananda in den 60er Jahren hatte, wurde man in Ruhe gelassen, wenn man anwesend und aufmerksam war. – Aber in dem Augenblick, in dem man in einem selbstbezogenen, euphorischen oder enthusiastischen Zustand gelandet war oder in einem Rollenspiel, in dem man vorgab, etwas anderes zu sein als man selbst – zum Beispiel, daß man über das Ganze erhaben sei, selbst wenn es für alle deutlich war, daß man es nicht war. Da war es beinahe so, als ob die ganze Situation inszeniert wurde, bloß damit man selbst den Zustand einsehen sollte, in dem man gelandet war. Man wurde nicht kritisiert, aber das Erlebnis bewirkte, daß man einsah…
Während der Meditation kann es passieren, daß man sich selbst in Tagträumen oder Sorgen vergißt, reagiert oder begeistert dasitzt und an das denkt, was man tut – anstatt es zu tun. Da hilft einem eine unschuldige Frage des Lehrers während der Anleitung, zur Praxis zurückzukehren, zu dem Erlebnis dessen, was vor sich geht.
Viele haben einen ‚Guru‛ auf Distanz, den man zu festlichen Anlässen trifft, oder den man überhaupt nicht trifft, sondern von dem man träumt, aber dies hat nichts mit direkter Wegleitung in einem täglichen Training zu tun.
Natürlich, man kann sich alles mögliche vorstellen, allzu oft sitzen Leute zu Hause mit ihrem ‚Yoga‛ und werden überempfindlich oder ‚gelehrt‛ aufgrund von Büchern und Träumen. Oder sie gehen in die andere Richtung und werden ausgeprägt physisch und glauben, daß übertriebene Gymnastik und Geschmeidigkeit die einzige Lösung sind, obwohl es nichts zur Sache tut.
Eine introvertierte, selbstbezogene oder eingebildete Haltung gehört wohl zu den schwersten Hindernissen, um einen offenen Zustand, ein erweitertes Bewußtsein und eine feinfühlige und respektvolle Einstellung gegenüber sich selbst und allem Lebenden zu erreichen. Deshalb verwenden wir die tantrischen Techniken.
Weißt du es oder vermutest du?
Wenn du eine Ansicht äußerst oder über andere urteilst. Wenn du interpretierst, was andere sagen, dein Lehrer zum Beispiel. Weißt du es oder vermutest du?
In Patanjalis Yoga Sutra werden verschiedene Hindernisse für die Selbstverwirklichung genannt. Eines davon ist Mißverständnis. Daß der Schüler schnell die Anleitungen des Lehrers nach seinem eigenen Kopf mißversteht, um dadurch zu vermeiden, die gewohnten Vorstellungen aufzugeben. Dies gibt keine Einsicht, sondern verhindert, daß man das Nützliche mitbekommt.
Die Rotation des Lichts
„Nach der Zirkulation in
Übereinstimmung mit dem Gesetz,
wendet man nach oben gen Himmel
während der Einatmung.
Während der Ausatmung wird
der Energiestrom gen Erde geleitet.
Eine Zeitspanne besteht aus sechs Pausen.
Im Verlauf einer Periode mit zwei Pausen
sammelt man sich.
Das große Tao entspringt aus der Mitte.
Suche nicht nach dem ursprünglichen
Kern außerhalb dessen.”
(Hui Ming Ching – Secret of the Golden Flower)
In dem chinesischen Buch Secret of the Golden Flower finden wir Spuren dessen, worauf Tantra baut:
„Sich an das Wirkungsvolle zu halten und nicht in Vorstellungen zu verfallen.”
Man warnt davor, in die Höhle der Phantasie zu gehen. Anstelle dessen sollte man in dem unendlichen Raum der Energie verweilen und Energie und Atem sich in der Gegend des Elixiers [Amrit, Nektar, Ambrosia] vereinen lassen… dies ist das rechte Universum.
„In der Höhle der Phantasie hingegen öffnet man sich ‚der Welt der Dämonen‛…”
Während der Meditation muß der Mensch eine Art bewußter Intuition besitzen, so daß er spüren kann, wenn Energie und Atem sich im Wirkungsbereich des Nektars vereinen, und eine Wärme in Verbindung damit ausgelöst wird, daß das echte Licht, leicht wie ein Nebel, sich zu rühren beginnt.
„Im Gegensatz zu unserer Denkweise haben die Aborigines kein Wort oder keinen Begriff für etwas, was sich zwischen der Epoche der archetypischen Traumzeit und der faktischen physischen Welt befindet. Es gibt keine Worte oder Bezeichnungen für Fiktion, Phantasie oder persönliche Einbildungskraft. Etwas, das nicht stattfindet oder empfunden wird ist ganz einfach Lüge.”
(Voices of the First Day. Awakening in the Aboriginal Dreamtime von Robert Lawlor)„Was hier ist, ist anderswo,
was nicht hier ist, ist nirgendwo.”
(Visvasara Tantra)
Was also willst du am liebsten? Von allen Möglichkeiten des Lebens träumen oder in Übereinstimmung mit deiner Energie und deinem Atem leben? Wenn dein Handeln daraus entspringt, brauchst du keine Phantasien. Du wirst sehen können, was das Leben wirklich anzubieten hat.
Yoga, Atemübungen und Entspannung sind Teil des Prozesses
Das innere Erleben wird während des Erlernens von Kriya Yoga verstärkt – und das kann deutliche Erinnerungen, Einsichten und Aha-Erlebnisse geben, aber es kann einem auch Stimmungen und Zustände bewußtmachen, die früher mehr oder weniger unbewußt waren.
Während des Kurses kommen außer Kriya Yoga selbst viele verschiedene Bestandteile ins Spiel. Eine bestimmte Methode oder Meditation wird genau dann eingesetzt, wenn sie benötigt wird, um einen Zustand zu greifen und loszulassen, um durch Erleben zu inspirieren – und um den Prozeß in die gewünschte Richtung zu leiten. All dies im Zusammenhang ist dazu da, die Konzentration in der Spur und das Bewußtsein wach zu halten.
Deshalb fahren wir, Seite an Seite mit dem Erlernen von Kriya Yoga, mit physischen Übungen (Asana) und Atemübungen fort. Das stellt zusätzlich sicher, daß die Energieströme rein gehalten werden und wirkt Blockierungen sowohl mentalen, als auch physischen Charakters, entgegen.
Meditativer Gesang und Tanz ein oder zwei Abende die Woche sind nicht bloß eine Unterbrechung der Routinen, sondern sind an sich eine Hilfe, den Prozeß in Gang und den Geist offen und empfänglich zu halten. Im positiven Sinne wirst du während des Tanzes Teil einer Gemeinschaft und nicht mit Phantasien und Sorgen allein gelassen, und du entwickelst das Vermögen, dich hinzugeben.
In einem Kanu kann ein unkonzentrierter und selbstbezogener Zustand verursachen, daß du kenterst, da geht es also auch nicht, sich selbst zu vergessen. Ja sogar eine Reittour ist von Bedeutung. Es ist ziemlich schwer, introvertiert zu sein, wenn du auf einem anderen Wesen sitzt oder dich um dieses kümmerst. Das Pferd wünscht, ja fordert geradezu, daß du anwesend bist und ihm Kontakt gibst, während du reitest und mit ihm zusammen bist. Tust du dies nicht, wirst du sicher darauf aufmerksam gemacht. Wenn du ein lebendes Wesen wie eine Maschine oder etwas Gefühlloses behandelst, würdigst du es doch herab, und welche Freude habt ihr beide daran?
Dies gilt im übrigen ebenso für die Menschen, mit denen du zu tun hast. Es ist gut für beide, sie und dich selbst, wenn du wagst, einen ordentlichen Kontakt zu geben – und dich nicht bloß herausredest.
„Es erwies sich als weitaus stärker, in festen Rahmen zu arbeiten, als wenn ich alles fließen ließe. Der Rahmen war: derselbe Ort und das tägliche Ausführen der Techniken. Der Rahmen ist Festigkeit, Geborgenheit, die Grenze: so daß mein Zweifel oder Zögern, meine Verwirrung oder Angst mich nicht länger daran hindern können zu handeln.” (Synne)
Ashramverhältnisse im ‚Treibhaus‛ während des Kursaufenthalts
Die Diät
Im geschützten Milieu des Ashrams wird der Geist nicht durch unnötiges Stimulieren des Nervensystems aufgeregt. Während der Einweihung bringt die Diät nach der Darmspülung und auf dem Kurs als ganzem mit sich, daß du keine Stimulanzien zu dir nimmst – weder schwarzen Tee, Kaffee, Schokolade, Alkohol, noch stärkere Sachen, wie Narkotika oder beispielsweise Antidepressiva. Diese sind verboten, um den Zustand während des Erlernens sowohl empfindlich, klar und stabil zu halten, als auch das Nervensystem stark und unabhängig von Stimuli zu machen.
Die Diät beinhaltet auch keine scharfen Gewürze. Diese können, wenn die Empfindlichkeit zunimmt, verursachen, daß die Energie in der Darm- oder Magengegend gebunden wird und dadurch die Stimmung und den psychischen Zustand beeinflussen. Das Essen muß also so beschaffen sein, daß weder Nervensystem noch Magen irritiert werden.
Massenmedien und Umwelt
Nach den Phantasien anderer Menschen zu leben, durch einen gewohnheitsmäßigen Konsum von Nachrichten und Unterhaltung in den Medien, kann Handlungskraft und Selbständigkeit begrenzen, und das ruft Angst hervor. Auf dem Bildschirm erlebst du nicht, daß du etwas mit deinem eigenen Leben machen kannst, und du verlierst die Fähigkeit, du Selbst zu sein.
Anstatt sich mit den Sorgen der Medien zu identifizieren kann man während eines Kursaufenthaltes Urlaub von all dem nehmen, um mit sich selbst und anderen lebenden Menschen zusammen zu sein.
Ich kann einen Aufenthalt in Håå mit der Pyramide vergleichen, die wir am Kurszentrum haben. Die fungieren als ‚Sinnesberuhiger‛.
In diese Pyramide ist ein 2,40m x 2,40m großes Becken eingebaut. Es ist gefüllt mit ca. 25 cm tiefem Wasser mit einem Salzgehalt, der deinen Körper treiben läßt. Die Pyramide ist geräuschisoliert, und wenn die Tür geschlossen ist, ist es dunkel. Das Salzwasser hat die Hauttemperatur des Körpers, und die Luft wird ständig auf lautlose Weise erneuert. Du wirst also keinen Einflüssen oder Schwankungen der Temperatur ausgesetzt, die Luft bleibt frisch und das Salzwasser bewirkt, daß du dich zu einem gewissen Grad schwerelos fühlst.
Wenn du für ca. eine Stunde ganz still in der Pyramide treibst und keinen äußeren Einflüssen ausgesetzt wirst, kommt der Geist zur Ruhe. Wenn die Sinne Ruhe bekommen, werden keine neuen Gedanken geschaffen – und was sich bereits im Geist befindet, wird fertig gedacht.
Dies entspricht der Yogamethode, die Pratyahara genannt und in der Entspannung Yoga Nidra und einem Teil von Innere Stille verwendet wird. Anschließend befindet man sich in einem Zustand von Ruhe und Klarheit.
Ein Sadhanakurs oder Retreat in einem Ashram kann mit der Wirkung verglichen werden, die man in der Pyramide erreicht. Ohne den Einfluß der rastlosen Unterhaltung der Medien, Telefone und der Umgebung zu Hause gibt man nicht bloß dem Geist, sondern dem ganzen Organismus einen solchen Urlaub, daß man Ruhe bekommt, sich der Einweihung und dem Training zu unterziehen, für die man gekommen ist. Der Geist kann jetzt alte Sachen verdauen und loslassen und mit dem Lernen in die Tiefe gehen.
Deshalb ist es ein Teil der Bedingungen für das Erlernen des fortgeschrittenen Kriya Yoga, daß es unter so speziellen Verhältnissen geschieht wie denen, die wir in Håå geschaffen haben.
Würde man Kriya Yoga in einer Stadt unterrichten, so gäbe es z.B. keine Garantien dafür, daß die Leute die ergänzenden Yogaprogramme und parallel dazu Innere Stille Meditation, die gemeinsam Körper und Geist von Blockierungen freihalten, bis das Kriya Yoga zu wirken beginnt, wirklich verwendeten.
Der Zustand während der Einweihung muß ausgeglichen, rein und fein sein, sowohl mental als auch physisch. Dies wird durch die Diät und die Verhältnisse erreicht, durch die man nicht verlockt wird, anderes als die Diät zu sich zu nehmen. In der Stadt wird man allen möglichen Stimuli und Einflüssen ausgesetzt.
Es gibt Beispiele, daß ein solcher Unterricht in europäischen Großstädten stattgefunden hat. Dies soll, wie ich aus zweiter Hand erfahren habe, schlechte und unerwünschte Resultate gegeben haben.
Das Ritual ist keine Flucht vor etwas, sondern eine Suche nach dem Ursprünglichen, ein Wiederherstellen des Kontaktes mit der inneren Quelle, mit dem Spontanen und dem Vermögen zu sein.
Während der Prozeß stattfindet, erfordert dieser, wie eine zarte Pflanze, die groß und stark werden soll, ein schützendes Treibhaus. Nicht irgendeine Situation, sondern ein Ashram, das zu diesem speziellen Zweck eingerichtet ist, und in Übereinstimmung mit folgendem:
Erst gibt es TAO, das Natürliche, das Spontane und Unverstellte.
„Wenn Tao verloren geht, entsteht Heiligkeit.
Wenn Heiligkeit verloren geht, entsteht Gerechtigkeit.
Wenn Gerechtigkeit verloren geht, entsteht Wohltätigkeit.
Wenn Wohltätigkeit verloren geht, entsteht Formalismus.
Wenn Formalismus verloren geht, entsteht Chaos.Darum gib Heiligkeit auf,
laß Gerechtigkeit fahren
und die zehntausend Familien
werden in Frieden und Freude leben.”
(Tao te King von Lao Tse)
Tantra
Tantra geht vom Gesunden und Ursprünglichen aus.
Hier auf der Erde nimmt allzuvieles Denken seinen Ausgangspunkt in dem kranken und in dem leidenden und unglücklichen Menschen.
Das gilt für den medizinischen Bereich, wo der Patient oft in einer untergeordneten und unselbständigen Rolle gehalten wird, die Fürsorge erfordert. Man hat nichts gegenüber dem Allwissen des Arztes über den eigenen Zustand zu sagen, und man lernt nicht, aktiv am Heilungsprozeß teilzunehmen.
In der Psychoanalyse, bei verschiedenen Formen von ‚Healing‛, Kunst, Philosophie, Religion, ja sogar in gewissen Richtungen des Yoga, betrachtet man den Mensch als grundlegend leidend.
Madhubani Malerei
Dadurch wird eine falsche Identität bei uns Menschen, ein verzerrtes Bild unserer wahren Natur, geschaffen und festgehalten. Wenn wir geheilt werden sollen, wird daher die Arbeit vergleichbar mit dem ständigen Herumbessern an einem schlechten Gesetzespaket in der Politik – einem Gesetzespaket, das behauptet, daß alle Menschen Verbrecher sind, bis das Gegenteil bewiesen ist.
Das innerste Wesen des Menschen ist frisch, stark, gesund und strahlend. Es ist eine solche Auffassung über uns selbst, die den Ausgangspunkt für jede Hilfe bilden muß, die wir einander oder uns selbst geben. Wenn wir dann und wann uns selber vergessen und an einer falschen Identität haften, dann brauchen wir nur unsere wahre Natur einzusehen, um weiter zu kommen – selbst wenn dies mitunter leichter gesagt als getan ist.
Echte Einweihung (und damit die Heilung, die oft als Nebeneffekt damit verbunden ist) gibt dir ein Erlebnis, wo du dich selbst als das siehst, was du eigentlich bist – du kehrst zurück zu dir selbst.
Hier gilt, daß der Lehrer fähig sein muß, dich durch die Krise zu bringen, die das Loslassen von falschen und selbsterniedrigenden Vorstellungen mit sich führt – und dir durch Erlebnis und Einsicht zeigt, daß Zustände nicht anhaltend und entscheidend sind. Du lernst, wie du vermeidest, dich selbst in dem zu verlieren, was du nicht bist.
Die Methoden des Tantra und das Wissen, das du empfängst, können dazu verwendet werden, den Menschen in dir wachzurufen, der dem Leben entgegengeht und stark genug ist, seiner eigenen Natur treu zu bleiben.
Ich entdeckte, was es heißt, lebendig zu sein, dadurch, es zu sein, und nicht indem ich in Träumen und Idealen lebte. Die Methoden halfen mir, und ich entfernte die vielen Variationen der Entschuldigungen und Ängste, die ich um mich herum aufgebaut hatte; Hindernisse, die mir im Weg standen und mich davon abhielten, der zu sein, der ich eigentlich bin – und damit für andere da zu sein.
„Kriya Yoga ist ein Ritus, eine Zeremonie, eine Methode, ein Sadhana. Es ist eine Methode, die eigenen Kräfte zu verfeinern, so daß das individuelle Bewußtsein zu der Tiefe der eigenen Natur durchdringen kann.” (Swami Satyananda)
Tantra ist mehr als sexuelle Rituale
Es gibt tantrische Rituale, die mit all ihren Elementen einen ganzen Tag und eine Nacht dauern können, ja sogar länger. Die bekanntesten sind die Sexuellen. Kriya Yoga hat eine Struktur, die dem Verlauf und Aufbau des sexuellen Rituals ähnlich sein kann, jedoch ist es tiefgehender und mit einer nachhaltigen Wirkung. Es erfordert seine Vorbereitung, seine Aufwärmung, und während des eigentlichen Verlaufs seine verschiedenen Kriya – einige sichern einen harmonischen Prozeß, andere stimmen den Geist fein, oder reinigen die Energie und stärken die Aufmerksamkeit, und das Ganze gipfelt am Ende in den tiefen Kriya, den allerfeinsten Meditationen.
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„In dem Moment, in dem der Atem von unten nach oben wechselt,
und wieder, wenn der Atem von oben nach unten wechselt
– während dieser Wechsel, sieh.“„Oder wenn der Atem ganz oben ist und von selbst aufgehört hat,
oder ganz unten und angehalten hat
– in einer solch universellen Pause verschwindet dein kleines Selbst.“(Vigyana Bhairava Tantra)
Ende der 60er, als Paramahansa Satyananda selber das große tantrische Kriya Yoga unterrichtete, wurde das Ganze wie eine lange Einweihung durchgeführt. Das Ergebnis war, daß wir ein tantrisches Ritual lernten, das aus mehr als 20 Kriya bestand. Das Geheimnis, die Kriya auf diese Weise zu lernen und zu praktizieren, ist mehr als das bloße Erlernen einiger Übungen, es ist transformierend und energiegebend.
Wir bewegten uns durch alle unsere Dimensionen, vom Physischen über das Mentale, Emotionale, Energetische (mit den Strömen des Prana oder der Lebensenergie), das Psychische (u.a. mit den Chakra), das Astrale und das Kausale, bis hin zum reinen Bewußtsein.
Die eigentliche Einweihung in Kriya Yoga, ohne die Vorbereitung, die unmittelbar davor stattfindet, soll mindestens 21 Tage dauern. Deshalb muß das Ganze, Aufwärmung, Einweihung und ein paar Tage am Schluß, um aus dem Schweigen herauszukommen, insgesamt mindestens einen Monat dauern. (Lies über Zyklen und Sadhana in Bindu Nr. 10.)
Kürzer kann es nicht gemacht werden! Aber gerne länger. Je länger man Zeit für das Erlernen von Kriya Yoga hat, desto tiefer kann man gehen, desto mehr kann man über sich selbst und die Möglichkeiten, die Kriya Yoga bietet, entdecken, desto größere innere Reinigung kann man erreichen. Auf dem jährlichen Dreimonatskurs macht die eigentliche Kriya Yoga Einweihung mindestens 33 Tage aus. Sie findet nach einer fünfwöchigen Aufwärm- und Vorbereitungsperiode statt und wird gefolgt von drei Wochen, um das Ganze zu verdauen – und zu weiterer Vertiefung und Untersuchung anderer Methoden, aus denen Nutzen zu ziehen man zu diesem Zeitpunkt bereit ist.
Der andere Kriya Yoga Kurs, den ich unterrichte, dauert einen Monat. Er erfordert daher mindestens einen vorhergehenden Kurs, wo der Aspirant durch Yoga und Meditation, den sieben Stufen von Innere Stille und den neun Stufen von Ajapa Japa vorbereitet wird, Methoden, die er oder sie dann vor der Einweihung in Kriya Yoga für eine Periode zu Hause verwendet.
Der Lehrer, der nicht die Zeit hat, es so ruhig angehen zu lassen, daß die Dinge sich setzen und in einem zusammenhängenden Verlauf erlebt werden können - und nicht auf mehrere kleine Perioden aufgeteilt - sollte es allein aus diesem Grund unterlassen, Kriya Yoga zu unterrichten.
Ein Schüler in Neuseeland zeigte mir deutlich, was geschieht, wenn ein Lehrer, der kein ordentliches Verhältnis zu Kriya Yoga hat, dieses unterrichtet. Der betreffende Lehrer mußte eine gewisse Reihenfolge als Grundlage gehabt haben, und hat sich dann formell entschlossen, dem Schüler, der an meinem Kurs teilnahm, die ersten zehn Kriya auf der Liste zu unterrichten. Das resultierte darin, daß Tadan Kriya, welches das letzte auf dieser zufälligen Liste war, sich als Abschluß des Verlaufs ergab. Und so kommt er zu mir und sagt, daß er sich rastlos und unruhig im Körper fühle, wenn er dieses Programm gemacht habe. Es ist selbstverständlich für alle, die es gelernt haben, daß man nicht mit Tadan Kriya abschließen kann. Tadan muß von Kriya gefolgt werden, die seine relativ grobe, aber beabsichtigte Wirkung verfeinern, und danach von meditativen Kriya, die die gesteigerte Energie integrieren und harmonisieren.
Es ist grundlegend wichtig, daß die Einweihung alle Kriya umfaßt, sowohl die groben, die mittleren, als auch die feinen, so daß der Schüler nicht mit einer unvollständigen Erfahrung eines Verlaufs nach Hause geschickt wird, und so daß er oder sie diesen jedesmal auf harmonische Weise abschließen kann.
Ein Einweihungsprozeß muß über Hemmungen, Begrenzungen und Gewohnheiten hinausreichen
Ein Prozeß im tantrischen Sinne ist ein Zyklus, der einen Anfang, einen Verlauf, der sich entwickelt und verändert, und einen Abschluß hat – es ist etwas, das du durchlebst.
Während der Einweihung soll der Verlauf den Aspiranten weiter bringen, über den Punkt hinaus, an dem er steht, wenn der Verlauf beginnt. Wenn man nicht über frühere Begrenzungen hinwegkommt, dann gibt es keine Einweihung. Wir sehen das am Namen Kriya, der in diesem Zusammenhang nicht nur Handlung bedeutet, also einen Beschluß, der im Leben ausgeführt wird, sondern auch Dynamik – einen Prozeß, bei dem etwas geschieht – eine Transformation von Vorstellungen und Zuständen.
Der Kriya Yoga Verlauf ist ein solcher tantrischer Prozeß: jede Meditationsmethode, jedes Kriya, das er enthält, spielt eine Rolle, und die verschiedenen Kriya komplettieren einander, genau wie übrigens alles andere, was auf dem Kurs geschieht. Jeder Teil des Verlaufs bereitet auf den nächsten vor, und öffnet die Tür, um weiter zu gehen. Auf diese Weise werden Empfindsamkeit und das Vermögen, in die Tiefe zu gehen, allmählich aufgebaut, so daß du am Ende des Verlaufs die feineren „Schlüssel“ zu den innersten Dimensionen deines Wesens mitbekommen und anwenden kannst.
Der Prozeß wirkt nicht bloß durch die Übungen, die man macht, sondern auch dadurch, daß man etwas anderes macht, als gewohnt – daß man nicht Gewohnheiten und Routinen und Denkmustern darüber, was möglich und unmöglich ist, folgt.
Genau dies, daß man das, was bedrückt und die Aussicht versperrt, loslassen kann, ist vielleicht das wichtigste bei der Einweihung.
Aber keiner kann einen zwingen. Klar, der Prozeß hilft einem, mit allen Methoden, die er beinhaltet, nicht zuletzt die Kriya, die Erfahrung des Lehrers und die Einstellung der Mitwirkenden. Man muß also selbst für die Möglichkeiten offen sein und sie verwenden, und das gelingt den meisten.
Grotowski
Laß mich ein Beispiel aus einem ganz anderen Zusammenhang geben:
Als ich in meinen 20ern war, beschäftigte ich mich mit Theater verschiedener Art. Durch die Pantomime bekam ich ein zwangloses, robustes und praktisches Verhältnis zu den klassischen Yogastellungen (Kopfstand, Schulterstand, Pflug usw.), so wie sie von Künstlern in der chinesischen und indischen Tradition verwendet wurden.
Später suchte ich weiter, sowohl nach dem, was das Yoga mir geben konnte, als auch innerhalb des Theaters. Meine Begegnung mit ein paar osteuropäischen Theaterleuten lehrte mich, wie ein Verlauf einen weiter tragen kann als das, was man von sich selbst erwartet. Es war der Pole Jerzy Grotowski und sein Assistent, dem zu dieser Zeit führenden Schauspieler, dem Tschechen Ryszard Cieslak. (Siehe auch das Buch, Towards a Poor Theatre von Grotowski, Verlag des Odin Theaters 1968, mit einem Vorwort von Peter Brook).
Grotowski und seine Truppe wurden von der Studentenbühne, in der ich aktiv war, und dem Odintheater, das heutzutage weltberühmt ist für seine einzigartigen Vorstellungen und seine Weise, die Schauspieler zu trainieren, nach Dänemark eingeladen. Das Odintheater wurde von dem Italiener Iugenio Barba, einem Schüler von Grotowski, gegründet und liegt in Holstebro in Dänemark.
Das Training, dem Grotowski und Cieslak uns aussetzten, begann oft mit einer linden Aufwärmung, bei der wir Cieslak folgten und alle Übungen und Improvisationen in einem Verlauf machten. Er begann mit statischen Übungen und dynamischen Verläufen, die wir leicht nachmachen konnten. Das ganze entwickelte sich bald hin zu immer fordernderen Bewegungen und körperlichen Ausdrücken.
Der Verlauf stieg auch im Tempo, so daß es keine Zeit gab, an eigene Begrenzungen zu denken. Entweder folgte man mit und führte immer phantastischere Übungen aus, oder man sprang eben ab. Keiner der Teilnehmer hatte irgendeine Möglichkeit, den Verlauf für die anderen zu hemmen, weder durch Zurückhalten, noch dadurch, daß man anfing zu theoretisieren!
Die, denen es glückte – und damit meine ich nicht nur, daß wir Cieslak in den physischen Übungen folgen konnten - einige davon Yogastellungen - sondern auch in starken Konfrontationen mit bloßgelegten Gefühlen Angesicht zu Angesicht mit ihm zu stehen – gelangten am Ende des Verlaufs hin zu echtem, tiefem und ungehemmtem Ausdruck, und auf der physischen Ebene z.B. zum Tigersprung – und hier war nicht die Rede von Menschen, die im voraus als Gymnasten oder Akrobaten trainiert waren, sondern von gewöhnlichen Schauspielern, Regisseuren und anderen Theaterleuten.
Daß wir uns über Begrenzungen hinwegsetzten – unabhängig davon, wie lange der einzelne Cieslak im Verlauf folgen konnte – gab uns allen eine erlösende Erfahrung, an der ich in jedem Fall später Freude hatte. Die Begegnung mit Grotowski und Cieslak wurde eine Einweihung, die mir zeigte, daß man Rahmen sprengen kann, ungeachtet dessen, ob diese von den eigenen oder den Vorstellungen anderer gesetzt wurden.
Wir haben es seit jeher getan
In dem Tanz, der ein Teil der Rituale und Einweihungen der Naturvölker ist, finden wir die gleichen Muster wie bei Grotowski.
Auch hier wärmt man sich auf, zunächst mit langsamen Rhythmen und Bewegungen – später erreicht der Tanz einen Höhepunkt, bei dem man eine Unermüdlichkeit erreicht und alles schneller und schneller geht. Der Körper wird freigelassen und übernimmt die Steuerung, so daß der Geist alle Wünsche nach Leistung und Schönheit vergessen muß. Es ist hier, wo die Teilnehmer einen Bewußtseinszustand erleben, der notwendig ist, um die Einweihung zu empfangen und die Auffassung der Wirklichkeit zu erweitern, die der Betreffende bisher hatte.
„Sei bereit, sei bereit, den Weg zu ändern. Wir sind unsere Handlungen. Das Leben läßt dich wählen und erklären, was was ist. Geh weg von uns, Esu, verschwinde, du Schelm.” So lautet der Gesang während des Tanzes.
(Birgit Åkesson, Källvattnets Mask [Die Maske des Quellwassers], über Tanz in Afrika).
Esu verwirrt, er ist unsere Irrtümer, aber auch derjenige, der bewirkt, daß wir bewußt werden und sie loslassen können.![]()
Bei den Naturvölkern findet mehrmals im Laufe des Lebens eine Einweihung statt, zunächst beim Übergang vom Kind zum Jugendlichen, danach von der Jugend zur Reife, dann mitten im Leben und dann am Ende, einem immer größeren Wissen entgegen. Jeder Lebensabschnitt braucht seine Einführungen und Befreiung von alten Begrenzungen.
Der Prozeß in tantrischen Ritualen
Nun gut, Yoga und die verschiedenen tantrischen Rituale beschäftigen sich vielleicht nicht mit dem Tigersprung, aber der Zweck ist derselbe – Menschen dazu zu bringen, sie selbst zu sein – hinter allen Verstellungen und Selbstbetrug, hinter allen Komplexen, die uns an Krankheit und Leiden binden.
„Wir entfernen das vom Schauspieler, was ihn hemmt, aber wir lehren ihn nicht zu kreieren – z.B. wie man Hamlet darstellt, woraus eine tragische Geste besteht oder wie man eine Posse aufführt – denn es ist genau in diesem ‚wie‘, wo die Samen zu den Banalitäten und Klischees gesät werden, die dem schaffenden Prozeß trotzen.”
(Jerzy Grotowski, Towards a Poor Theatre)
In Tantra ‚lernst‛ du nicht, dich ordentlich zu benehmen, wie so viele ‚heilige‛ Yogis (ja, entschuldige die Ironie) von ihren Anhängern fordern. Dafür mußt du selber die Verantwortung übernehmen. Aber du findest zu deinem eigenen Vermögen, dein Leben auf eine selbständige und reife Weise zu gestalten.
Kriya Yoga ist wohl der durchgreifendste aller tantrischen Prozesse, aber es ist wie bei vielen anderen fortgeschrittenen Ritualen, offensichtlich sind sie nicht für jedermann, genau wie nicht jeder sie unterrichten soll, außer denen, die die Bedingungen für Kriya Yoga diksha – die Kriya Yoga Einweihung – erfüllen können und wollen.
Loslassen, was im Wege steht
Einen involvierten Zustand aufzugeben heißt zu sterben – und wiedergeboren zu werden, freier als zuvor.
Wenn ein Junge bei den Aborigines in Australien eingeweiht werden sollte, geschah es mit der Gewißheit, daß er im Verlauf des Rituals tatsächlich stirbt und wiedergeboren wird. Das ganze Ritual ist auf eine solche Weise aufgebaut, daß der noch Uneingeweihte nichts anderes erwartet. Der ganze Stamm (die bereits Eingeweihten) spielt in diesem Schauspiel mit, um die Illusion oder Spannung und damit die Intensität des Erlebens zu bewahren, was sich als eine unglaublich effektive Methode erweist, um neues Wissen zu vermitteln.
Einweihungen in verschiedenen Lebensabschnitten können insgeheim auch bei uns geschehen. Es ist, als ob das Leben selbst nachhilft. Plötzlich stehen wir der Möglichkeit gegenüber, den Herausforderungen zu begegnen und die Erlebnisse zu bekommen, die wir brauchen, oder wir bekommen die Möglichkeit, der oder den Person(en) zu begegnen, die uns weiterhelfen kann/können.
„Hör nicht auf, wenn ein Schmerz auftaucht, sondern mach weiter, bis du ihn durchlebt und überwunden hast.” (Ramamurti Mishra)
Eine Spannung oder einen involvierten Zustand loszulassen ist manchmal wie einen steilen Berg hinaufzusteigen, man will nicht und wünscht sich an alle möglichen anderen Orte – wenn man dann über die Spitze kommt und es wieder bergab geht, wundert man sich: war das alles?
Eine vorläufige Schlußfolgerung
Ein Zyklus muß vollendet, der Verlauf durchlebt und die Ganzheit erlebt werden. Die grundlegenden Hemmungen, die isolieren und den Horizont schmälern, werden losgelassen.
„Ihr habt jetzt den größten Teil eines Kurses durchlebt. Ihr seid den ganzen Weg gegangen. Ihr habt an den Reinigungsprozessen teilgenommen, die physischen Übungen trainiert, den ganzen Zyklus der Kriya in Kriya Yoga, zusammen mit verschiedenen anderen Meditationen und Prozessen, erlebt und gelernt, und alles hat eine Ganzheit, ein Zusammenspiel gebildet.
Diese Ganzheit hat euch eine stabile Wirkung und Reinigung gegeben, die nicht nur physisch ist. Wenn ihr mit dem Ergebnis dieser Reinigung und hoffentlich einer Einsicht nach Hause kommt und diese vor dem Hintergrund des Alltags seht, so werdet ihr einen Unterschied im Verhältnis zu dem Zustand erleben, in dem ihr vor dem Kurs wart.
Ihr spürt, daß das, was ihr jetzt habt, sowohl Wirkungen, als auch Werkzeuge, greifbar ist, und ihr wißt auch, daß ihr nicht hier wart, um euch in einen unwirklichen Zustand oder Träume von fernen Idealen zu verirren, noch seid ihr hier gewesen, um zu lernen, jemanden anzubeten. Nein, es gab hier keine Möglichkeit für diese Art von Ausflüchten und Irrtümern. Dafür haben die Bedingungen, die Wegleitung, die Zusammensetzung von Aktivitäten, Übungen und Meditationen gesorgt. Wohlgemerkt, weil ihr selber darauf eingestellt wart und aktiv an dem ganzen teilgenommen habt.
Ihr habt jetzt ein Verständnis davon, was eine Einweihung ist – und könnt sehen, was es bedeutet, wenn man nicht die Möglichkeit bekommt, einen kompletten Prozeß zu durchleben, sondern auf halber Strecke stehenbleibt. Das wäre wie der Zauberlehrling, der nicht selber den ganzen Weg gegangen ist, oder der nicht in der Lage ist, jemand anderem die komplette Erfahrung beizubringen. Ohne im Verlauf den ganzen Weg zu gehen ist es nicht sicher, daß wir die Illusionen, die uns faszinieren und involvieren, mit den Wurzeln hätten herausziehen können, und in einem solchen Fall würde es weiterhin Platz für Irrtümer gegeben haben.
Ihr habt jetzt die Sicherheit, daß ihr dies anschließend verwenden könnt – das ist es, was ihr dabei seid, in diesen letzten Wochen des Kurses zu entdecken. Und wo würden ohne diese Einsicht der Überblick und die Motivation bleiben – da wäre es leicht, wieder involviert zu werden und die Klarheit zu verlieren, die ihr dabei seid zu stabilisieren…
All die Techniken und Verhältnisse, die ihr auf dem Kurs zur Verfügung hattet, und daß ihr den Bedingungen gefolgt seid, die u.a. an das Schweigen geknüpft sind, haben bewirkt, daß ihr nicht euch selbst in etwas anderes hineinhypnotisieren konntet. Jeder für sich seid ihr geblieben, was ihr seid – ihr selbst – gleichzeitig unabhängig und ein Teil unserer gemeinsamen Wirklichkeit.Wenn wir unsere Wurzeln und die Verbindung zur Tradition verlieren, sowohl in unserer eigenen Kultur, als auch in bezug auf die Methoden, die wir benutzen, so tappen wir im Dunkeln. Wir werden zu Verbrauchern und Erfindern. Wir glauben, daß wir alles erkaufen können, begnügen uns damit, dies zu „studieren“, aus Neugier und ohne Engagement. Wir erwarten, es umgetauscht oder geändert zu bekommen, wenn wir es nicht verstehen oder mögen. Alles wird auf diese Weise entstellt. Die Psyche und die Natur werden zerstört. Das kann man mit dem Leben nicht tun – und erst recht nicht mit dessen tieferen Seiten.
Der Prozeß in dem kompletten Einweihungszyklus hat euch geschützt. Er hat gezeigt, wie ihr, ungeachtet dessen, in welche äußeren Bedingungen ihr in der Zukunft geraten mögt, in Kontakt mit euch selbst und in Balance verbleiben könnt. So ist es in allen Einweihungsritualen überall auf der Erde, jedenfalls wenn es um veränderte Bewußtseinszustände geht, und das geschieht ja insbesondere bei den Naturvölkern und in der ursprünglichen Tantratradition. Man wird eingeweiht, um in den folgenden Lebensabschnitten mit einem größeren Wissen und Bewußtsein leben zu können.”
(Aus einem Gespräch am Ende eines Dreimonatskurses am Kurszentrum Håå.)
Om Tat Sat
Fortsetzung folgt in einer späteren Nummer. Dieser Artikel ist der fünfte in der Reihe über Kriya Yoga. Kriya Yoga I ist zu lesen in Bindu Nr. 2; Kriya Yoga II in Bindu Nr. 3; Kriya Yoga III in Bindu Nr. 5; Kriya Yoga IV in Bindu Nr. 10; und der vorläufig Letzte, Kriya Yoga V, in dieser Nummer 12.
Andere Texte über Kriya Yoga findest du unter Der 3-Monats Sadhana Kurs >> und Der Kriya Yoga Kurs >>, sowie in den folgenden Artikeln über Pilotstudien und Forschung an Kriya Yoga: Atlas der Gehirnaktivität nach Kriya Yoga >> und Dauerhafte und tiefgehende Wirkungen >>
Die farbenprächtigen Bilder sind aus „Mithila”, einer Gegend in Bihar in Indien, wo insbesondere die Frauen die Hauswände dekorieren. Die Bilder sind jedoch kein oberflächlicher Schmuck, sondern entspringen der starken primitiven Quelle der Volkskunst, in der auch die tantrischen Yantras ihren Ursprung haben. Diese Kunst wird Madhubani gennant, nach einer Stadt in der Gegend. Die Zeichnung „der Tigersprung” hat Sohan Qadri für diesen Artikel angefertigt. Die Aufnahmen von Swami Satyananda wurden 1969 von Swami Janakananda gemacht. Die Aufnahmen vom 3-Monats Sadhana Kurs 2007 sind von Turiya gemacht. Das Aboriginalgemälde ist von Joanne Nangala.