Artikel aus Bindu Nr 8
Abende mit Tanz und Gesang
Ananda ist ein Zustand von Glück, in dem man sich nicht an Vorstellungen klammert, sondern einfach wagt, zu sein und das Unerwartete zu erleben. (Swami Janakananda)
Ritueller oder spiritueller Tanz und Gesang werden in vielen Kulturen und Traditionen als ein Weg zu Wohlbefinden und zu einem offenen Bewußtseinszustand angewendet.
Tanzende bei den Olmeken, der ältesten bekannten Kultur in Mexiko. Foto Swami Janakananda © 1980
Am Kurszentrum Håå beziehen wir Gesang und Tanz ein oder zwei Mal pro Woche in unsere Kurse mit ein. Dies ist ein kleiner, aber wichtiger Teil des Kursprozesses. Unsere Teilnehmer haben die unterschiedlichsten Hintergründe und Haltungen. Religiöse, Nicht-Religiöse, Sänger, Nicht-Sänger, Tänzer, Nicht-Tänzer, Emotionale, Nicht-Emotionale, Hingebungsvolle, Nicht-Hingebungsvolle. Daher wählen wir Musik, Gesänge und Tänze aus verschiedenen Traditionen.
Wir stellen Kirtan aus Indien vor (das Singen von Mantra), Dhikr aus dem Sufismus, Gesänge von den nordamerikanischen Indianern, aus dem Regenwald in Afrika und von den Maori auf Neuseeland. Die Tänze, die wir verwenden, kommen hauptsächlich aus der Sufitradition. Das ist eine reiche Tradition von Bewegungen, Klängen und Gesängen, die zu Kommunikation, Konfrontation und Selbsterfahrung verwendet werden.
Tanz ist ein Ausdruck der Hingabe an das innere Bewußtsein. (Swami Satyananda)
Es geschieht etwas mit einer Gruppe von Menschen, wenn sie diese Methoden gemeinsam anwenden. Sie bringen dem einzelnen etwas, der Gruppe und auch dem Gruppenprozeß. Allgemein gesagt entsteht eine leichte gelöste Stimmung, es macht Spaß, die Energie steigt und alle können dabei sein. Wir singen und tanzen nicht, um etwas zu leisten, sondern um zusammen zu sein.
Zu singen kann die eigene Energie berühren, so daß man sich seiner Gefühle bewußt wird und sie kanalisiert - man fühlt, daß etwas in Körper und Geist seinen rechten Platz findet.
Wenn man Lust hat, kann man auch tanzen, während man Kirtan singt. Das kann man freien Tanz nennen. In den Sufi Tänzen hingegen folgt man festgelegten Bewegungen und Bewegungsmustern.
Als ich selbst als Schülerin auf den Kursen in Håå an Kirtan oder Sufi teilgenommen habe, habe ich mich auf eine Weise geöffnet, wie ich es früher nicht erlebt habe. Hier ein Beispiel:
Eines Abends, auf dem ersten 14-Tageskurs, an dem ich teilnahm, sangen wir ein Sufi-Dikhr, bei dem wir 20 Minuten lang einer bestimmten Bewegung folgten. Mitten im Prozeß war es, als ob ein Knoten in meinem Herzen gelöst wurde. Ein Gefühl, das ich nicht an irgend etwas Bestimmtem festmachen konnte - ein unendlicher Tränenstrom. Es war wie eine Reinigung.
Als Schülerin an einem Drei-Monatskurs nahm ich wieder an dieser Methode teil. Als wir anschließend still saßen, erlebte ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Zustand unendlichen Glücks, Ananda.
Der Yoga, die Atemübungen, der Gesang, der Tanz und die Meditationen machten dieses harmonische Erlebnis möglich. Der Drei-Monatskurs gab mir mehr Zeit als die kürzeren Kurse, um die Methoden kennenzulernen und die Ausgewogenheit zu erreichen, die zu diesem Erlebnis und der Hingabe an Gesang und Tanz führte.
Du hast kein Ziel, wenn Du zu singen anfängst. Du gibst Dich hin, singst mit Herz und Seele, und das, was geschieht, geschieht von selbst. Das Ergebnis hängt nicht davon ab, ob Du „gut" singst, oder von der Bedeutung der Worte. Der Klang eines Mantra oder Dikhr hat eine bestimmte Schwingung, die Musik hat einen bestimmten Rhythmus oder eine bestimmte Melodie - alles spielt eine Rolle. Danach, wenn die Musik vorbei ist, und alle still in der Meditation sitzen, setzen sich die Schwingungen oft als deutliche und klare Nada Klänge fort (s. Seite 8).
Für manche ist die Bedeutung des Sanges wichtig, während sie singen - aber letztlich transzendiert man den Geist und die Bedeutung der Worte. Ein Mantra hat eigentlich keine „Bedeutung" sondern wirkt durch seine Schwingung.
Eine Frau, die vor einigen Jahren an einem Drei-Monatskurs teilnahm, berichtete mir, daß nach ein oder zwei intensiven Tagen mit Gesang und Tanz mitten im Kurs ihre chronischen Schmerzen verschwanden, an denen sie viele Jahre lang als Folge eines Verkehrsunglücks gelitten hatte.
Nachdem ihr Körper und Geist durch Yoga und Meditation von Hemmungen und Spannungen gereinigt worden waren und gelernt hatten, die kommenden Erlebnisse anzunehmen und zu kanalisieren, wurden Gesang und Tanz hier zum auslösenden Faktor, der bewirkte, daß sie die Schmerzen loslassen konnte (oder die Haltung, die die Schmerzen festhielt).
Je weiter man in der Geschichte zurückgeht, desto bewußter scheinen die Menschen sich der Kraft, die in Schwingungen, Gesang, Musik und Klängen wohnt, gewesen zu sein. In den Kulturen des Altertums, z.B. in China und Indien war Musikwissenschaft sehr wichtig. Man wußte, wie Klang und Musik die Materie, das ganze Wesen des Menschen und sogar die Gesellschaft beeinflussen - und auch, daß sie auf dem Weg zu spirituellem Erwachen hilfreich sind.
Man betrachtete jede Blockierung, jede körperliche oder mentale Krankheit als ein schwingungsmäßiges oder musikalisches Problem. Die Kranken hatten ihre innere Harmonie und damit den Kontakt mit dem Universum verloren. Man brachte bestimmte Klänge hervor oder spielte Musik, um zu heilen und wieder in Harmonie mit der „universellen Schwingung " zu kommen.
Bei den Naturvölkern legte (legt) man oft größeres Gewicht darauf, durch Gesang und Tanz zu heilen als z.B. durch Heilkräuter.
Als ich selbst begann, Kirtan zu leiten, verstand ich, daß hier die gleichen Prinzipien galten wie als Teilnehmer. Je mehr man losläßt, desto zufriedenstellender ist das Ergebnis. Aber als Lehrer muß man auch für den gemeinsamen Zustand der Gruppe aufmerksam sein. Zuerst folgt man der Stimmung so wie sie ist, und dann wird sie von der Musik geändert. Wenn die Energie frei fließt, hören wir auf und meditieren. Das klingt vielleicht, als ob man denken müsse, planen oder etwas tun - aber nein - das Ganze geschieht von selbst.
Wenn wir uns selbst in Zeit und Raum sehen, ist es deutlich, daß wir getrennte Individuen sind. Aber wenn wir Zeit und Raum transzendieren, dann wird es sich vielleicht zeigen, daß wir in unserer Ganzheit einen gemeinsamen Strom von Lebensenergie bilden. (Sir James Jeans)
Bevor wir einen Kirtanabend beginnen, ist der Raum oftmals erfüllt von Erwartungen, Verlegenheit, Spannung, Nervosität usw., besonders wenn es das erste Mal für eine Gruppe ist. Aber nach und nach ändert sich die Stimmung. Ein Gefühl von Entspannung, Wohlbefinden und Freude entsteht, die Energie fließt frei. Es gibt den Nada Klang, es gibt Klarheit, Aufmerksamkeit und Sein.
Skulptur von Leif Madsen
An Kirtan und Tanz teilzunehmen steigert das Bewußtsein dafür, wer Du bist und kann zusammen mit der Meditation die Türen zu Deiner innersten Identität öffnen.
Dies ist voll
das ist voll
voll entsteht aus voll
voll aus voll genommen bleibt voll.
(Upanishaden)
Hast Du es ausprobiert?
Bist Du schon irgendwann einmal mit einem Staubsauger zusammen in Gesang ausgebrochen, oder mit rhythmischen Maschinen wie einer Spülmaschine, einer Falzmaschine oder einer Druckmaschine? Ich kann empfehlen, Dir keinen Zwang anzutun, wenn der Drang sich meldet. Es geschieht beinah von selbst, daß die Töne oder Klänge vom Körper, in Harmonie mit der Maschine, aus Dir hervorsprudeln. Dies ist kein Gesang, den Du im Voraus kennst. In dieser Situation kannst Du geradezu auf eine Entdeckungsreise gehen, die derjenigen gleicht, auf der Du Dich befindest, wenn Du am Kirtan oder Sufi teilnimmst. Die Naturvölker kennen das, sie haben oftmals rhythmische Gesänge bei ihren Tätigkeiten.
Oder hast Du ausprobiert 5 - 10 mal hintereinander die Yogaübung „der Löwe" zu machen (s. Yoga, Tantra und Meditation Seite 60) und dann anschließend gleich danach eine Weile still und aufrecht mit geschlossenen Augen zu sitzen?
Denke aber daran, daß es wichtig ist, daß der Klang beim Löwen tief und völlig entspannt ist und daß Du ihn tief unten im Körper entstehen läßt. Um sicher zu sein, daß der Klang so ist, wie er sein sollte, ist eine persönliche Anleitung am besten. Wir unterrichten auf allen unseren Kursen den Löwen. Er ist nutzlich in Verbindung mit Nada Yoga. Er hilft gegen Stottern, und wenn man ihn regelmäßig ausführt, entwickelt man eine volle und schöne Stimme.