Die Rückenstreckung

Von Hamsananda


Paschimottanasana – die Stellung, die die gesamte Rückseite des Körpers dehnt. Die Rückenstreckung zeigt eindrucksvoll, was wir erwarten können, wenn wir mit den klassischen Yogastellungen beginnen und sie ist ein gutes Beispiel für die tieferen Aspekte des Yoga. Lasse dich inspirieren!

Nachdem ich mehrere Minuten in der Rückenstreckung verweilte, saß ich aufrecht, mit geradem Rücken einen Augenblick ganz still. Ich spürte, dass von der Lendenwirbelsäule eine starke Wärme ausstrahlte. Die Wärme strahlte vom Swadhisthana Chakra aus, das im Basisbereich der Wirbelsäule zu finden ist. Ich hatte nach dem Verlassen der Stellung außerdem das intensive Gefühl in meinem Körper zu ruhen, ein Erlebnis weit über das Normale hinaus. Eine außergewöhnliche Erfahrung, die mich motivierte, diese Stellung öfter zu machen.

Die Yoga-Quellenschriften über die Rückenstreckung

Die Quellenschrift Shiva Samhita beschreibt die Stellung so: “Eine Person, die diese Asana perfektioniert und täglich übt, bringt Vayu (Vital- oder Prana-Energie) zum fließen durch die Sushumna Nadi”

In einer anderen Yogaschrift, der Hatha Yoga Pradipika, heißt es: „Strecke die Beine auf dem Boden wie ein Stock; beuge dich nach vorne, halte die Zehen mit beiden Händen und lege den Kopf auf die Knie. Diese Stellung heißt Paschimottanasana“

Und weiter: „Paschimottanasana ist die beste unter den Asana (Yogastellungen). Durch diese Übung steigt der
Prana-Strom (Prana = Vitalenergie) durch Sushumna, die Verdauungsverbrennung steigt, der Bauch wird flach und der Übende frei von Krankheiten.“

Swami Satyananda erzählte seinem Schüler Swami Janakananda, dass er sich einmal in Neu Delhi in dieser Stellung messen ließ. Die Muskelspannung, der Muskeltonus fiel, nicht nur als ein subjektives Gefühl, er ließ sich in diesem Falle auch messen.

Ist das der Grund, dass Bilder, Eindrücke oder Erinnerungen nach dem Verlassen der Stellung an deinem inneren Blick vorbei ziehen können? Werden Erlebnisse, die in Spannungen gebunden sind, so gelöst? Vermutlich ja.

Eine Parallele wie aus einer anderen Welt

In früheren Zeiten verwendete der Medizinmann der Inuit-Eskimos, der Angarkoq, eine fast identische Stellung, um in Kontakt mit der geistigen Dimension und den beschützenden Geistern zu treten. So berichtet der Polarforscher Knud Rasmussen von den Erzählungen der Inuits. Der Angarkoq wurde in diesem Fall mit den Armen auf dem Rücken in der Rückenstreckung festgebunden. Damit hat er die Trommel aus der Hand gelegt und sie bewegte sich von allein: Schwebte die Trommel zu seiner Ferse hin, entfernte sich ein Schleier von seinen Augen und er konnte etwas sehen, was für andere Menschen verborgen blieb. Ruhte die Trommel bei seinem großen Zeh, war es ein Zeichen, dass er eine Luftreise unternehmen sollte. Erreichte die Trommel die Schulter des Angarkoqs, wurden alle Entfernungen für ihn aufgehoben, er sah alle Länder vor sich und war imstande alle Ereignisse auf der Erde zu verfolgen.

In der Yoga-Tradition teilen wir nicht die Mythologie der Inuit-Eskimos. Was uns in diesem Fall verbindet, ist die Suche nach den verborgenen Qualitäten und dass es nicht um physische Perfektion geht, sondern darum, was uns die Stellung gibt. Jede Art von Anstrengung und Streben wird überflüssig.

Wirkung

Die Rückenstreckung macht den Rücken geschmeidig, vor allem im unteren Teil. Hier machen sich Verspannungen meistens zuerst bemerkbar. Die Rückseiten der Beine werden gedehnt, bei manchen insbesondere an den Waden. Die inneren Organe im Bauchraum werden stimuliert. Sucht man eine therapeutische Perspektive, ist die Stellung hilfreich, Beschwerden in diesem Bereich zu lindern.

So wird vorgegangen

Die Rückenstreckung gehört nicht zu den Stellungen, die du in der ersten Stunde beim Yoga lernst. Ein Yogakurs beginnt fundiert und systematisch von der Basis. Man beginnt mit leichten Übungen und wenn sie erlernt sind, baut man auf diesen Übungen auf. Später in diesem Prozess wird auch die Rückenstreckung geübt. Selbst dann kann es sein, dass du einen gewissen Widerstand spürst, wenn du dich nach vorne beugst. Kannst du deine Zehen nicht erreichen, fasse stattdessen die Knöchel oder Unterschenkel an. Ich erinnere mich an die Sportstunden in der Schule: Die Hände waren hinter dem Kopf gefaltet und der Oberkörper federte strebend nach vorne, um die Füße zu erreichen.

Im Yoga kommen ganz andere Prinzipien zur Geltung als im Sport. Bleibe in der Stellung ganz ruhig, dann geben die verspannten Muskeln nach. Lasse den Kopf vollständig entspannt nach vorne sinken. Vielleicht zieht es im Nacken, in den Kniekehlen, in den Unterschenkeln oder im Rücken. Akzeptiere die Stellung so wie sie ist, gib dich hin. Nach einer Zeit sinkt die Spannung. Vielleicht kannst du dich sogar noch etwas weiter nach vorne beugen und …der Widerstand lässt nach.

Bei akutem Bandscheibenvorfall oder ähnlichen Rückenbeschwerden sollte die Stellung vermieden oder nur mit Vorsicht geübt werden. In diesem Falle sollte der Schwerpunkt eher auf anderen Yogastellungen sowie auf Tiefenentspannung (Yoga Nidra) und Meditation liegen. Die Stellung kann bis zu 10 Minuten gehalten werden. Je länger, je ausgeprägter ist die Wirkung.

Wenn du die Stellung vertiefen möchtest, kannst du dich auf das Swadhisthana Chakra an der Basis der Wirbelsäule konzentrieren. Nach dem in der Einleitung beschriebenen Erlebnis wird auch klar, warum man sich ausgerechtet auf dieses Chakra konzentriert. Swadhisthana Chakra heißt aus dem Sanskrit übersetzt: Dein eigener Ort.

Achte darauf, wie die großen Zehen angefasst werden

Durch diese besondere Art, die großen Zehen zu umfassen, werden die feineren Energien im Körper beeinflusst. Die Haltung beeinflusst den Bereich zwischen dem großen und zweiten Zeh sowie die Innenseite dieser beiden Zehen. Dieser Bereich wird von nur einem Nerv versorgt, Nervus peroneus profundus. Dieser ist einer der Hauptäste des Nervus ischiadicus – dem Ischias Nerv. Dieser Nerv ist ein peripherer Nerv des Plexus lumbosacralis und einer der mächtigsten Nerven im Körper. Plexus lumbosacralis ist ein Nervengeflecht im Lenden- und Kreuzabschnitt.

In der traditionellen chinesischen Medizin ist die Innenseite des großen Zehs ein wichtiger Akupressurpunkt, denn hier liegt der Ursprung des Lebermeridians, einer der Hauptmeridiane des Körpers. Die Meridiane entsprechen den im Yogasystem genannten Nadi. Nicht nur die Leber, sondern auch die Funktionen des Nervensystems werden mit dieser Haltung belebt. Man staunt, was die Yogis von damals wussten und entdeckten – ohne Bücher über Anatomie und Physiologie, allein durch ihre Feinfühligkeit und Neugier.

Die Rückenstreckung ist Teil des klassischen Yogaprogramms. Wenn man nicht nur an den physischen Auswirkungen von Yoga Interesse hat, sondern auch von den psychischen und spirituellen Aspekten erfahren möchte, kommt man an dieser Stellung nicht vorbei.

Die Migräne, die aufhörte. Eine Rückmeldung zum Artikel

“Gestern hatte ich starke Migräne, hauptsächlich rechts hinter der Augenhöhle. Ich versuchte die Schmerzen mit einer Tablette zu lindern, was mir auch erst gelang. Dann kamen die Schmerzen wieder und ich dachte: wenn die Rückenstreckung für so viele Dinge gut ist, dann kann sie vielleicht auch gegen meine Migräne gut sein. Ich ging in die Rückenstreckung und blieb dort ca. 10 Minuten. Nach einer Weile wurde der Kopf ganz warm und die Migräne war weg.“
Ulrike, Hannover

Yantra