Swara Yoga, über die Rhythmen unserer Natur

Von Yoga Shakti


Manchmal bleiben uns Dinge verborgen, obwohl sie sich direkt vor unseren Augen befinden. Wir haben uns so an sie gewöhnt, dass sie uns nicht mehr auffallen – und dennoch können genau solche Dinge der Schlüssel zur Schatzkiste sein, den wir weit und breit gesucht haben. Im Falle von Swara Yoga bildet unsere Nase das Tor zum Zauberreich, genauer ausgedrückt: Es sind unsere beiden Nasenlöcher, die hier eine nähere Betrachtung verdienen.

Unsere Nase

Es ist eine Tatsache, dass eines der Nasenlöcher in der Regel offener ist als das andere. Wir atmen also in jedem Moment mehr Luft durch ein Nasenloch ein und aus als durch das andere. Nach einer Weile (etwa nach einer Stunde und 20 Minuten) ändert sich jedoch die Lage: Das offene Nasenloch schließt sich, dafür öffnet sich das andere und es strömt mehr Luft durch dieses Nasenloch ein und aus. Tag und Nacht wechseln diese Intervalle – etwa anderthalb Stunden lang ist das rechte Nasenloch offener, dann das linke, wieder das rechte und so fort. Die Zeitspanne kann jedoch bei verschieden Menschen variieren und wird zudem von Faktoren wie mentaler und körperlicher Verfassung, Klima, Tageszeit und Mondphasen beeinflusst.

Der Rhythmus sollte jedoch einigermaßen regelmäßig sein und insgesamt so ausfallen, dass über 24 Stunden jedes Nasenloch um die 12 Stunden aktiv war. Eine deutliche Abweichung kann ein Zeichen für eine fehlende Balance im Energie-System sein und zu Krankheiten führen. Um zu testen, welches Nasenloch gerade das aktivere ist, kann man einfach eine Hand oder einen Spiegel unter die Nase halten. Oder man verschließt kurz jeweils ein Nasenloch und wird feststellen, dass das Ausatmen durch das geschlossene Nasenloch etwas mehr Geräusche macht.

Swara und Prana

Das Wort Swara kommt aus dem Sanskrit und bedeutet wörtlich der „Klang des eigenen Atems“, was aber nicht auf die Geräusche in der Nase bezogen ist, sondern auf den Gehalt von Prana in der Atmung. Prana kann mit „konstanter Bewegung“ oder „ununterbrochene Schwingung“ übersetzt werden. Bildlicher können wir Prana auch „Bioenergie“ oder „Lebenskraft“ nennen. In unserem Körper fließt Prana in verschiedenen Formen in einer Vielzahl vom Energiekanälen, den Nadis. Die drei wichtigsten Nadis befinden sich in der Wirbelsäule. Ida und Pingala Nadi haben beide ihren Ausgangspunkt im Muladhara Chakra am Damm. Pingala geht rechts aus dem Chakra heraus, Ida links. Auf dem Weg nach oben kreuzen sie sich in jedem Chakra und enden gemeinsam im Ajna Chakra an der Zirbeldrüse in der Mitte des Kopfes. Ida erreicht Ajna von der linken und Pingala von der rechten Seite. Sushumna Nadi verläuft vom Muladhara Chakra direkt nach oben in der Wirbelsäule und endet im Sahasrara Chakra auf der Schädeldecke.

Wenn Ida Nadi aktiv ist, ist das linke Nasenloch offen. Pingala Nadi ist aktiv, wenn das rechte Nasenloch offen ist. Sind beide Nasenlöcher gleich offen ist Sushumna aktiv.

„Tritt mit dem Fuß entsprechend der Seite des aktiven Swara hervor und die Reise wird sich lohnen.”

Ida und Pingala sind nicht nur die Namen der zwei Energiekanäle. Sie sollen eher als zwei Prinzipen verstanden werden, die im ständigen Wechselspiel stehen und die nicht nur in der Atmung ihre Wirkung ausüben, sondern in unserem gesamten Leben. Durch die Rotation der Erde erleben wir Tag und Nacht. Wir können, wie die meisten Lebewesen, eine ganze Weile aktiv sein, müssen uns aber regelmäßig ausruhen – und schlafen. Pingala ist mit Kraft, Aktivität, Handeln, Körper und Extraversion verbunden und wird auch der Sonnen-Nadi genannt. Ida ist mit Untätigkeit, Ruhen, Reflektion, Geist, Aufmerksamkeit, Nachdenklichkeit und Introversion verbunden – der Mond-Nadi.

Unser Gehirn

besteht aus zwei Teilen. Die beiden Gehirnhälften arbeiten gut zusammen, haben jedoch ganz verschiedene Funktionen. Die linke Gehirnhälfte kontrolliert die rechte Körperhälfte. Sie arbeitet logisch, analytisch, mathematisch und ist auf Details fokussiert. Auch die Sprache ist überwiegend dieser Gehirnhälfte zugeordnet. Sie ist mit Pingala verbunden.

Die rechte Gehirnhälfte kontrolliert die linke Körperhälfte und arbeitet ganzheitsorientiert, zusammenfügend und intuitiv. Unsere räumliche Auffassungskraft ist hier gelagert sowie kreative, künstlerische und musische Fähigkeiten. Sie steht mit Ida im Zusammenhang.
„Um vielversprechende Wünsche von Gurus, Verwandten, Königen, Ministern und Anderen erfüllt zu bekommen, behalte sie auf der Seite des aktiven Swaras”

Unsere Nervensysteme

Gewisse Dinge können wir einfach so tun – den Arm beugen zum Beispiel. Andere Prozesse sind jedoch nicht so einfach mit der Willenskraft zu steuern – wie Herzrhythmus und Verdauung. Die letzteren gehören zu den autonomen Körpervorgängen und auch hier stehen zwei Polaritäten im Wechselspiel: Das sympathische Nervensystem bereitet den Körper auf äußere Aktivität vor: Die Muskeln werden mit Blut versorgt, der Körper erwärmt, Adrenalin wird ausgeschüttet, das Herz schlägt schneller und die Aufmerksamkeit richtet sich nach außen – Pingala ist aktiviert.

Das parasympathische Nervensystem hingegen unterstützt die Funktion der inneren Organe und baut Reserven auf. Es wirkt kühlend, entspannend, ruhespendend und lenkt die Aufmerksamkeit nach innen. Es ist mit Ida verbunden.

„Wenn du einen Feind, Dieb, Gegner oder eine Person, die unredliche Taten ausführt, überwinden oder bestrafen möchtest, behalte sie auf der Seite des nicht-aktiven Swaras”.

Den aktiven Swara kennenlernen

Für den Anfänger geht es im Swara Yoga zunächst darum festzustellen, welcher Swara aktiv ist – ob also gerade das rechte oder linke Nasenloch offen ist. Dies kann im Laufe des Tages in den unterschiedlichsten Situationen festgestellt werden: Beim Aufwachen, Essen, wenn man es eilig hat oder sich auf dem Sofa ausruht, einen Film schaut, beim Tanzen, Einkaufen, wenn man in einer Versammlung spricht oder zuhört, wenn man ins Bett geht usw.

Nach und nach wird man erkennen können, dass es ein Muster gibt. Die alltäglichen Tätigkeiten, die Gemütsverfassung, die Bedürfnisse nach Ruhe oder Beschäftigung sind in der Atmung sichtbar. Ida und Pingala sind nicht nur Theorie, sondern werden zu realen Erfahrungen.

Um diese Erkenntnisse zu vertiefen, kann der aktive Swara auf folgende Weise unterstützt werden. Tue Dinge mit der Körperhälfte des aktiven Swara zuerst: Bei aktivem Pingala stehst du mit dem rechten Bein auf oder verlässt das Haus mit dem rechten Fuß zuerst, gibst und nimmst Dinge mit der rechen Hand, machst Yogaübungen erst zur rechten Seite, beugst erst dein rechtes Bein beim Hinsetzen in den Meditationssitz. Bei offenem Ida ist es genau umgekehrt. Nun ist nicht der Sinn der Sache, dass man den ganzen Tag die Hand unter die Nase hält. Es ist eher ein kleiner Test, den du machen kannst, wann immer du Lust hast, um dich mit dem aktiven Swara abzustimmen.

Wenn es schwierig zu erkennen ist, ob das eine oder andere Nasenloch offener ist, sie unregelmäßig wechseln oder wenn ein Nasenloch sehr dominant ist, hilft eine regelmäßige Yogapraxis. Yogastellungen, Atemübungen und Tiefenentspannung dienen dazu, die Dinge wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

„Lass den Mond den ganzen Tag strömen und die Sonne die ganze Nacht: Wer solches praktiziert, ist wahrlich ein Yogi.”

Energiehaushalt und Sushumna

Wenn Ida und Pingala ins Gleichgewicht kommen, wenn beide Nasenlöcher genau gleich offen sind, wird Sushumna aktiviert. Dies kann spontan geschehen, wenn der aktive Swara von einem Nasenloch zum anderen wechselt. Es ist jedoch hauptsächlich ein Resultat der Atemübung Nadi Shodana, die wir in der letzten Ausgabe dieser Zeitschrift ausführlich beschrieben haben. Die Variante von Nadi Shodana, bei der nach jeder Einatmung der Atem angehalten wird und Einatmen, Atemhalten und Ausatmen in einem bestimmten Verhältnis zu einander stehen, ist die zentrale Atemtechnik im Swara Yoga. Wenn Sushumna zu fließen beginnt, vereinen sich die Gegensätze von Ida und Pingala und Swara Yoga.

Gegensätze von Ida und Pingala und werden transzendiert. Es gibt weder einen nach außen gehenden noch einen nach innen gehenden Antrieb. Dies ist die perfekte Zeit für die Meditation.

Durch Nadi Shodana wird die Atmung zugleich so reguliert, dass beim Ausatmen möglichst wenig Prana das System verlässt. Der Gehalt von Prana im Körper und Geist wird von dieser Technik stark erhöht. Dabei ist es entscheidend, dass Nadi Shodana ohne Anstrengung praktiziert wird, denn dadurch verringert sich der Effekt. Die Kunst liegt darin, diese Atemtechnik in fortgeschrittenen Stadien völlig entspannt zu meistern.

Die kodierte Nachricht

Den alten Schriften zufolge hat ein Swara Yogi durch jahrelange Praxis ein sehr fein eingestelltes Wahrnehmungsvermögen entwickelt und kann in seiner Atmung etwas sehr Subtiles empfinden nämlich die Beschaffenheit des Prana. Der Prana enthält eine Komposition aus fünf Tattwas, die als die feinstofflichen Elemente Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther (Raum) definiert sind. Die Tattwas sind jeweils durch ihre besondere Schwingung gekennzeichnet: Farbe, Form, Klang und Richtung. Das Zusammenspiel der Tattwas im Prana gibt dem Swara Yogi eine Information darüber, ob eine bestimmte Handlung Früchte trägt oder eher vermieden werden sollte.
So hat der Swara Yogi offenbar ein Werkzeug, um gewisse Ereignisse vorhersagen zu können.

„Wenn in der Umarmung der Mann den Mondswara der Frau durch seinen Sonnenswara trinkt, wird sein Liebreiz so bezaubernd wie der von Amor werden.”

Schlusswort

Mit diesem Beitrag liegt es uns besonders am Herzen, Swara Yoga als einen Weg zu größerer Harmonie im alltäglichen Leben darzustellen. In einer modernen Welt mit vielen Faktoren, die den Pingala-Aspekt auf Kosten des Ida-Aspektes verstärken könnten, möchten wir gerne in Erinnerung bringen, dass der Keim zu mancher Änderung oft greifbar nahe liegt. Beginnt man Pingala und Ida ins Gleichgewicht zu bringen, ist man auf dem richtigen Weg. Das Potential für das, was man im Leben verwirklichen möchte, findet man in sich selbst. Ida und Pingala stehen im Einklang und Sushumna zeigt uns, dass es darüber hinaus noch mehr gibt.
Die Retreats in Harbergen, geleitet von mir und Hamsananda, geben den Teilnehmern eine exzellente Begleitung in dieser Hinsicht. Neben Yoga, Atemtechniken und Tiefenentspannung unterrichten wir die tantrischen Meditationen Innere Stille (Antar Mauna) und Ajapa Japa. Daraus entsteht ein integrierter Kursprozess, der die eigenen Bestrebungen erheblich beschleunigt.

Yantra