Notitzen über ein Besuch in Katjoraho

Von Hamsananda


Katjoraho ist einer der größten und spektakulärsten Tempelanlagen Indiens, der in einer Zeit zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert gebaut wurde. Schon nach hundert Jahren beginnt aber Katjoraho seine Bedeutung zu verlieren und gerät in Vergessenheit, bis 1868 einen englischen Offizier die damals fast unzugängliche Anlage für die Außenwelt entdeckte. 1955 wurde die Tempel aus den Jungel befreit, wurde restauriert und der Ort wurde zu einer offiziellen Site für Besucher. Katjoraho ist heute einen Teil der Unesco Weltkulturerbe.

Ursprünglich gab es 85 Tempel, wovon 22 heute, in einem unglaublich gut erhaltenen Zustand, geblieben sind. Sie sind als tantrischer Tempel für ihre erotischen Darstellungen bekannt. Was das genau bedeutet, dazu kommen wir später zurück. Denn zuerst müssen wir dort hin.

Unsere kleine Gruppe nahm den Zug von Agra nach Jahnsi und von dort aus weiter mit Auto über den ausgestreckten Straßen von Madya Pradesh. Madya Pradesh ist einer der ärmsten Bundesstaten in Indien und die Straßen, wenn man sie so bezeichnen kann, tragen die Signatur des Landes. Nennen wir sie hier einfach eine Strecke, abgegrenzt von einer Reihe Bäume auf jeder Seite; dann haben wir nicht zu viel gesagt. Die Dörfer, die wir ab und an durchreisen sind das Wohnzimmer Indiens, denn das Leben spielt sich auf der Straße ab. Die kleine Wohnhäuser, Läden und Werkstätten zeigt zur Straße wie kleine offene Garagen. Hier spielen die Kinder, hier isst man, macht Mittagsschläfchen, kauft ein oder verkauft, spült, wascht und die Kühe wandern unangetastet in einem Masala von Staub, Matsch und Plastikabfälle umher. Es ist so schön die Straße zu kreuzen, besonders dann wenn Autos vorbeifahren. Dann kann man mitten auf der Straße halt machen und den Puls des Lebens genießen. Das ist, was wir auch suchen. Es wird langsam dunkel und nach einer langen Tagesreise erreichen wir spät abends die kleine Stadt Katjoraho.

Die tantrische Tempel in Katjoraho

Unsere Erwartungen wurden erfüllt, denn hier gibt es keine Grenzen für die Fantasie. Hier erfährt man alles über die Kunst der Erotik. An einer Stelle tut man das was die nebenstehende Figur auch tut: Ein Mann kopuliert mit einem Tier und die Person schaut in Bestürzung weg!

Gandhi regte sich in Empörung auf und gab sein Segen zum Vandalismus. Rabindranath Tagore selbst musste die Gemüter besänftigen und forderte Gandhi auf diese einzigartige Kulturstätte zu bewahren.

Man versteht aber warum die Tempel dafür bekannt sind. Sex sells schliesslich, kein Wunder, das Tantra oft nur dafür bekannt geworden ist. Aber näher betrachtet, diese Darstellungen sind nur einen kleinen Teil der unendlich vielen. In Katjoraho gibt es Figuren aus aller Bereiche eines Alltagssenarios: Musikanten, tägliche Aktivitäten, Krieger, eine weinende Person, eine wütende, ein lachende Elefant usw.

Nun verstehe ich alles wieder, dann haben wir doch das gefunden wonach wir suchten, denn Tantra ist in der Wirklichkeit der Puls des Lebens mit allen Facetten. Anstelle etwas wegzustecken, was sowie so einen Teil unseres Leben ist, warum zeigen wir es nicht wie es ist und sagen: ich bin einen Teil all dies, ich bin all dies. Es ist vielleicht dass, was Katjoraho zeigt: das loszulassen, was sonst immer hängen bleibt, was unser Bewusstsein immer beschäftigt, die Ab- und Zuneigungen, die eine direkte Betrachtung verhindert, damit wir uns nicht weiter damit beschäftigen braucht und weiter gehen können. Tantra bietet einen unverschleierten Zugang zum Leben.

Im Endeffekt wissen wir jedoch nicht ganz warum die Tempel so gebaut und geschmückt wurden. Sind die Tempel ein Spiegelbild einer orgastische Kultur oder einfach nur Sexualunterricht für Fortgeschrittene?

Yantra
Hamsananda, Yoga und Meditationslehrer

Hamsananda

Yoga-und Meditationlehrer seit 1977. Er unterrichtet in Hannover und im Harbergen Yoga Retreat Zentrum in der Natur des Weserlandes.

www.yogazentrum-harbergen.de