Geschrieben von Sandra Westerkamp
Ursprung und Bedeutung des Tantra
Tantra kann als die Wissenschaft des Bewusstseins bezeichnet werden. Es beinhaltet zeitlose Methoden zur Bewusstwerdung des Menschen.
Von der Wortbedeutung her besteht es aus: tanoti = erweitern und trayate = befreien. Gemeint ist die Ausdehnung des Bewusstseins, die Befreiung des Geistes und die Freisetzung von Energie. Der Begriff Tantra wird aber auch übersetzt im Sinne von tan = ausdehnen und tra = „das, was wirksam macht“.
Polarität und innere Harmonie
Die Lehre vom Dualismus bzw. der Polarität ist Ausgangspunkt des Tantra und somit auch des Yoga. Sie beinhaltet das Verständnis, dass Gegensätze – wie beispielsweise männlich und weiblich – zwei Seiten eines Ganzen sind.
Der Weg des Tantra bedeutet, innere Konflikte auszugleichen und gleichzeitig keine neuen inneren Spannungen zu erzeugen. Es gibt keine Anstrengung und nichts wird erzwungen. Alles, was da ist – körperlich, mental und emotional – wird so akzeptiert, wie es ist. Es darf wahrgenommen, zugelassen und erlebt werden.
Gedanken werden nicht unterdrückt; vielmehr werden die Bedürfnisse des Geistes erkannt und angenommen. Gleichzeitig bedeutet Tantra jedoch auch, nicht stehen zu bleiben. Alles wird als Ausgangspunkt für Transzendenz gesehen und dafür genutzt.
Verbundenheit als Grundprinzip
Eine wesentliche Grundannahme des Tantra ist, dass alles miteinander verbunden und vernetzt ist. Alles, was wir im Außen wahrnehmen, ist auch in unserem Inneren zu finden. Und umgekehrt: Alles, was wir in uns wahrnehmen, existiert ebenfalls im Außen.
Tantra ist ein System von Methoden, die uns helfen, uns unseres eigenen Wesens und unserer Möglichkeiten bewusst zu werden.
Die zwei Wege des Bewusstseins
Im Tantra gibt es zwei scheinbar gegensätzliche Wege bzw. Haltungen, um das erlebende Bewusstsein zu erreichen.
Die erste Haltung lautet:
„Ich bin nicht das, was ich erlebe.“
Das bedeutet: Ich bin nicht der Körper, nicht das Wissen, nicht der Name, nicht der Wille, nicht die Gedanken, Meinungen oder Gefühle.
Die zweite Haltung lautet:
„Ich bin all das.“
Das bedeutet: Ich bin all das, was innerhalb und außerhalb von mir geschieht. Alles, was erlebt wird, darf vollkommen angenommen werden. Für den Augenblick wird man eins damit. Dadurch entsteht innere Sicherheit, und man wird immer mehr zu dem Menschen, der man wirklich ist.
Beide Haltungen – sowohl „Ich bin nicht die Gedanken und Ereignisse, sondern derjenige, der sie erlebt“ als auch „Ich bin all das“ – ermöglichen es, sich selbst als Bewusstsein zu erfahren.
Yoga im tantrischen Verständnis
Im tantrischen Sinne bedeutet Yoga, Harmonie zwischen dem Erlebenden und dem Erlebten herzustellen. Ziel ist es, ein Bewusstsein von Einheit zu erreichen.
Die Methoden des Tantra helfen dabei, alles loszulassen oder aufzulösen, was das Bewusstsein begrenzt oder einengt.
Erfahrung statt Theorie
Im Tantra steht die eigene Erfahrung an erster Stelle – im Gegensatz zu rein theoretischem Wissen oder philosophischen Konzepten. Deshalb wurde und wird Tantra traditionell im direkten Kontakt von Lehrer zu Schüler weitergegeben und nicht ausschließlich in schriftlicher Form vermittelt.
Wesentlich ist es, die Übungen und Meditationen offen und bewusst zu erleben und dabei Gedanken, Gefühlen und möglichen Widerständen neutral zu begegnen. Dadurch entsteht Offenheit für neue und transzendente Erfahrungen.
Meditation und inneres Erleben
Die Techniken und Meditationen des tantrischen Yoga führen dazu, Gedanken, Gefühle und innere Zustände bewusst zu beobachten und als Erlebender wahrzunehmen.
In der Meditation geht es darum, Erfahrungen jenseits äußerer Sinneseindrücke zu machen – also den Weg von der äußeren Wahrnehmung hin zum inneren Erleben zu öffnen.
Antar Mauna – Innere Stille
Aus der tantrischen Tradition stammt die Meditation Antar Mauna – die innere Stille. Sie führt durch Selbstwahrnehmung zum Erleben des eigenen Bewusstseins.
Zunächst wird über die Sinne – insbesondere über das Hören – die Gesamtheit aller Geräusche der Umgebung bewusst wahrgenommen, ohne auszuwählen oder zu bewerten. Schrittweise werden dann Gefühle, Gedanken und auftauchende Zustände beobachtet – ebenfalls ohne Bewertung oder Reaktion.
Immer wieder kehrt man zur reinen Wahrnehmung zurück und lernt dadurch loszulassen. Am Ende der Meditation kann ein Zustand innerer Stille und Gedankenfreiheit entstehen.
Yoga Nidra – Tiefenentspannung und Transzendenz
Auch die Tiefenentspannung Yoga Nidra beruht auf der tantrischen Tradition. Durch eine bestimmte Abfolge von inneren Aufgaben bleibt der Geist kontinuierlich beschäftigt, wodurch unmittelbares Erleben möglich wird – unabhängig von Konzepten, Bewertungen oder festhaltenden Gedanken.
Gedanken ziehen vorbei, ohne dass sich der Geist an ihnen festhält. Dadurch entsteht tiefe Entspannung auf allen Ebenen und zugleich ein Raum für Transzendenz – für Erfahrungen, die über die gewöhnlichen Sinneseindrücke hinausgehen.
Die Praxis des tantrischen Yoga
Yoga in der tantrischen Tradition umfasst Asanas, die den Körper harmonisieren und Spannungen lösen, sowie Pranayama – Atemübungen, die den Geist beruhigen.
Hinzu kommen Tiefenentspannung und Yoga Nidra als Vorbereitung auf die Meditation. Auch Mudras, Mantras und Yantras spielen eine wichtige Rolle auf dem Weg zu Bewusstheit, Harmonie und innerer Einheit.
Sandra Westerkamp hat diesen Text im Rahmen ihrer Ausbildung zur Yogalehrerin verfasst.