Sich durch Raum bewegen

Von Hamsananda


Mit der Ajapa Japa Meditation bleibst du nicht in der Tür stehen, du gehst durch die Tür und beginnst Neues über dich selbst zu erfahren. Über den Anfang von Kriya Yoga.

 

Wir können uns über Zeit unterhalten und jeder würde in der gleichen Situation eine eigene Antwort darauf haben. Zeit hängt davon ab, wie man sie erlebt und ist grundsätzlich unabhängig vom Inhalt des Terminkalenders. Das kennt jeder von uns: Ich habe es eilig, ich bin unter Druck, ich langweilige mich, wann geht es endlich los, wann sind wir fertig, bitte nicht aufhören, wie lange dauert es, wie lange muss ich noch warten, sind wir schon fertig …

Der Mensch neigt dazu, sich in Gedanken zu verflüchtigen. Man ist der gegenwärtigen Situation immer einen Schritt voraus und weil man nicht ganz bei dem ist, womit man sich tatsächlich beschäftigt, sucht man automatisch die Zufriedenheit in etwas anderem. Wenn es ein Dauerzustand wird, nennen wir es Stress.

Viele beginnen mit Yoga und genießen die entspannte Wirkung der Stellungen. Ich kann den Stress hinter mir lassen und wieder das Leben genießen. Es besteht aber auch hier die Möglichkeit, sich im eigenen Gedanken-Kreisen zu verfangen und zu vergessen, dass man hier ist.

Die Zeit läuft einem davon, wenn man in den Gedanken ganz woanders ist. Die Zeit bleibt aber stehen, wenn man darauf aufmerksam wird. Und das ist der Zweck der Meditation: Aufmerksam zu werden.

Im tantrischen Yoga gibt es in dieser Hinsicht mehrere Möglichkeiten. Die Meditation Ajapa Japa regeneriert das Nervensystem grundlegend, so dass es sich nur mit dem, was gerade in diesem Moment geschieht, zu beschäftigen braucht.

Bedeutung­

Japa bedeutet zu rotieren, in diesem Kontext zu „wiederholen“. Japa ist generell die Bezeichnung für die Wiederholung von Mantren. Ajapa Japa heißt dann „das, was bei Wiederholung von alleine passiert“. Ajapa Japa besteht aus Wiederholung von Mantren, Atmung und Aufmerksamkeit.

Ajapa Japa gibt es in verschiedenen nacheinander abgestuften Varianten. Es beginnt mit der kleinen Fassung Vishuddhi Shuddhi, das kleine Ajapa Japa, auch Quelle der Energie genannt, und dann die große Ajapa Japa Meditation. Ajapa Japa führt zu der großen Kriya Yoga Meditation im Tantra hin, einer der kraftvollsten Meditationen, die es gibt.

Energie

Energie verstehen die meisten von uns sicherlich als etwas, was wir aus der Steckdose oder von der Tankstelle bekommen. Im erweiterten Sinne ist Energie aber alles, was wir sehen und berühren können. Im Yoga wird diese grundlegende Energie Prana, Vital- energie oder Lebensenergie genannt. Wenn es um unsere eigene Energie geht, erinnern wir uns sicherlich daran, dass guter Schlaf gute Energie gibt. Die Nahrung, die wir einnehmen, ist auch eine Energiequelle. Es gibt aber noch einen wichtigen Faktor, den viele Menschen nicht vor Augen haben…

Die Atmung

Atmen tun wir alle, die Atemübungen des Yogas vervielfachen aber das Potential. Nun, es geht hier nicht nur um die physischen Aspekte allein, sondern viel mehr um das geistige Potential. Atemübungen sind dazu da, mehr Prana zu akkumulieren. Prana- yama heißen die Atemübungen des Yogas: Prana = Vitalenergie + yama = zu meistern, d.h. also die Energie zu erhöhen und zu beherrschen.

Energie brauchen wir, um besser mit unseren Gefühlen in Kontakt zu kommen und sie wahrhaft auszudrücken, um die eigenen Emotionen und die von anderen vollständig zu verstehen. Energie brauchen wir, um etwas für uns selbst und für andere Menschen zu tun, und nicht zuletzt, um die Waage zwischen dem Gefühlsmäßigen und dem Sachlichen in allen Lebenssituationen optimal auszubalancieren.

Unser energiehungriges Gehirn fordert viel Energie und je mehr vorhanden ist, umso einfacher wird es mehrere Dinge auf ein Mal im Auge zu behalten und klar zu denken. So ist Energie aber auch notwendig, um mit dem Denken aufzuhören, man lässt los, die Vorbehalte sind weg und es mag zu sprudeln beginnen. Die Ajapa Japa ist eine Meditation, die dies tut und der Anfang beginnt mit „Atmung“.

Ujjayi Pranayama – die erfolgreiche Atmung

In dieser Meditation wird eine feine Atmung verwendet. Sie heißt Ujjayi Pranayama und bedeutet die siegreiche Atmung, siegreich auf einer spirituellen Ebene. Ich nenne sie gerne die erfolgreiche Atmung. Bei dieser Atmung wird ein flüsterndes Geräusch im Hals erzeugt. Es entsteht durch eine leichte Einengung der Stimmlippen. Ein festgelegtes Verhältnis zwischen der Einatmung, dem Anhalten, der Ausatmung und dem Anhalten nach der Ausatmung bestimmt den Rhythmus der Atmung. Kinder machen oft spontan diese Atmung im Schlaf, man kann sagen, dass Ujjayi die Atmung des tiefen Schlafes ist. In der Tat ist es oft so, dass die Atmung, wenn sie zum ersten Mal geübt wird, eher müde macht als munter.

Das hängt damit zusammen, dass das Nervensystem vor der Meditation einfach zu aktiv war. Jetzt verlangsamt es sich und man neigt dazu müde zu werden. Zwischen den beiden Polen des autonomen Nervensystems, dem parasympathischen, symbolisiert durch „Ruhen unter den Palmen“ und dem sympathischen, das mit dem Kürzel „Kampf und Flucht“ charakterisiert wird, pendelt sich nun eine Balance ein. Wenn das sympathische Nervensystem über längere Zeit dominiert, dann verbraucht man zu viel Kraft. Mit Ujjayi dagegen, kommt zunehmend Entspannung in das Leben. Ein aktiver Mensch und zugleich entspannt zu sein ist kein Widerspruch.

Ketchari Mudra

Wenn wir Ujjayi anwenden, wird die Zunge nach oben gebeugt bis die Spitze der Zunge den weichen Teil des Gaumens berührt. Diese Haltung heißt Ketchari Mudra. Sie erhöht die Speichelproduktion, so dass der Hals nicht trocken wird. Diese Haltung erhöht auch die Konzentration, eine sehr nützliche Eigenschaft für die Meditation. Ketchari Mudra heißt „Fliegen durch Raum“ im Sinne von „Bewegung durch Bewusstsein“.

Das Feinstoffliche: Die Nadi und die Chakra

Energie wird in einem feinen Netz von großen und kleinen Kanälen namens Nadi im Körper bewegt. Wenn die Nadi offen und frei sind, strömt die Energie von selbst. Wenn es Beeinträchtigungen gibt, dann entstehen Probleme verschiedener Art. Kleine Beispiele: Vielleicht erleben wir ein bestimmtes Problem im rechten Bein, was immer wieder auftritt, im linken Bein kommt es beispielsweise nicht vor.

Beim Yogaüben müssen wir oft feststellen, dass eine Übung leichter in eine Richtung als in die andere zu machen ist. Also ist die Übermittlung von Impulsen in diesen Beispielen in einem Teil des Körpers gehemmt. Die großen Beispiele für Probleme dieser Art haben wir spätestens dann, wenn wir zum Arzt gehen. Klar ist also, wie wichtig es ist, jetzt nicht nur etwas für den Körper, sondern vor allem für die inneren Prozesse und das Nervensystem zu tun, und damit für das Gemüt und die Gefühlslage.

Die großen Nadi befinden sich in der Wirbelsäule, sie verbinden die Chakren in, unterhalb und oberhalb der Wirbelsäule. Eine ungehinderte Übermittlung von Impulsen bedeutet, dass man im Einklang mit sich selbst ist und reichlich Energie hat.

Mantra

„Man“ heißt Laut und „tra“ zu befreien, d.h. sich mittels Lauten zu befreien. Mantren und Mantrameditation sind in vielen alten Kulturen zu finden. Bei den Sufis im südlichen Mittelmeerraum heißen sie beispielsweise Dhikr oder Dikrullah. in der altnordischen Kultur „Runen“ und die Ausübung heißt „Runen werfen“. Die Runen, das Alphabet damals, entstanden aus diesen Lauten und wurden für verschiedene Zwecke verwendet. Die „Sinnesrunen“ waren die kraftvollsten von allen, sie wurden für die Meditation verwendet. In der Tradition des Yogas haben sie einen festen Platz. OM oder AUM ist das bekannteste Mantra von allen. OM ist übrigens mit dem „Amen“ in unserer christlichen Kultur verwandt, sowie mit dem „Amon“ in Ägypten.

Wir wissen alle, wie Laute, Musik und Gesang unsere Sinne und unser Gemüt stimulieren. Die Mantren sind Kraftworte, reiner kristallisierter Klang, die Essenz von Klang. Sie entspannen, organisieren und synchronisieren.

Rotation der Aufmerksamkeit

Während der Meditation ist man innerlich immer mit etwas beschäftigt: Mit der Atmung, mit dem Mantra, mit dem Benennen der Chakren. Das ist absichtlich so. Swami Satyananda nennt es „rotation of awareness“, Rotation der Aufmerksamkeit, man macht sich immer bewusst, was man gerade tut. Es ist ein wichtiger Teil von Tantra, die kognitiven Fähigkeiten zu entwickeln. So ist man den Gedanken nicht ausgeliefert und kann die Aufmerksamkeit bei der gegenwärtigen Sache halten. Ab und zu sind eher andere Dinge im Vordergrund als das Gewünschte. Das macht nichts, man kann einfach darauf aufmerksam sein und wieder zur Sache zurückkehren.

Dann, irgendwann im Laufe der Meditation, beginnt das, was ich in Gang gesetzt habe, das, was ich am Anfang willentlich tat, durch die Wiederholung, so wie Dominosteine fallen, ganz von alleine zu geschehen. Es ist wie in der Musik, wenn der Tanz sich durch eine rhythmische Wiederholung von selbst gestaltet.

Yantra

Forschungsergebnisse

Eine wissenschaftliche Studie, die an der Uniklinik in Köln Anfang der achtziger Jahre stattfand, beleuchtet einige Wirkungen der kleinen Ajapa Japa Meditation.

Sie wurde mit Hilfe von Elektroenzephalografie, kurz EEG genannt, durchgeführt. Eine Methode, die die elektrische Aktivität des Gehirns kartographiert. Sie wird als eine schwingende Kurve in einem Koordinatensystem gezeigt. Vereinfacht erklärt, geben die verschiedenen Frequenzbereiche Zustände wie tiefer Schlaf (Delta), leichter Schlaf (Theta), Ruhe (Alpha) und Spannung/Aktivität (Beta) an.

So ergibt sich ein Bild über die Verfassung des Gehirnes, seine Funktionen und Kapazitäten. In der Meditation ist das EEG-Bild überwiegend von Alpha-Aktivität dominiert.

Um Reaktion und Auffassungsvermögen zu testen, wurden die Probanden während der laufenden Meditation bzw. Untersuchung unerwarteten Störungen in Form lauter Geräusche ausgesetzt. Als Zeichen dafür, dass der Meditierende diese hört und darauf reagiert, wurde sofort eine Veränderung, eine Zerrung in den Messdaten deutlich. Einen Augenblick danach kehrte die meditierende Person zu dem während der Sitzung sonst permanenten Alpha-Zustand zurück und die Zerrung im EEG-Bild hörte wieder auf. Dieses wiederholte sich im Verlauf der ganzen Meditation für alle Probanden. Die Einflüsse wurden immer wahrgenommen aber dann sofort mental fallengelassen. Da die Probanden ganz und in jedem Augenblick voll aufmerksam waren, wurden sie weder irritiert noch gestört.

Wir können hier überlegen, warum das so ist. Ein Teil kann der Ujjayi-Atmung zugeschrieben werden, vor allem die Tatsache, dass der Atem nach der Ein- und Ausatmung angehalten wird. Jeder kann diesen Test selber machen: Kann man den Atem anhalten und gleichzeitig träumen?

Andere wissenschaftliche Studien und Untersuchungen zeigen ebenfalls wie Menschen mit Meditationserfahrung eine Störung wahrnehmen und wie sie, wie selbstverständlich, zur Ruhe wieder zurückkehren. Was aber bei Menschen ohne Meditationserfahrung nicht unbedingt selbstverständlich ist.

Der Geist kommt in dieser Meditation zur Ruhe. Du beginnst das Geschehen außerhalb von dir selbst, nicht nach eingeübten Erwartungen, sondern stärker, neugieriger und aktiver wahrzunehmen.